Stand: 18.09.2018 15:56 Uhr

Missbrauch in der Kirche: Der Fall Timmerbeil

Von Steffi Schwabbauer, NDR 1 Radio MV

Nach 50 Jahren kehrt Michael Räuber im Dezember 2016 erstmals in die Kirche seiner Kindheit zurück. Heute werden in der Kino-Kirche Latücht Filme gezeigt, aber Anfang der 60er-Jahre war Michael Räuber hier Messdiener im Reich von Pfarrer Hermann-Josef Timmerbeil. Seine Erinnerungen an den Geistlichen sind zwiespältig. Räuber erzählt von einem lächelnden Mann, der viel Gutes tun und begeistern konnte, der aber "eben auch diese perverse Seite hatte" und ihn und wohl auch viele andere Kinder sexuell missbraucht und körperlich misshandelt hat.

Ein Mann schließt eine Kirchentür, von außen fällt Licht herein.

Missbrauch in der Kirche: Der Fall Timmerbeil

Nordmagazin -

In den 60er-Jahren war Michael Räuber Messdiener bei Pfarrer Hermann-Josef Timmerbeil in der katholischen Gemeinde Neubrandenburg. Unter seiner Zeit dort leidet er bis heute.

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"Ich tue das, weil ich dich liebe"

Von regelrechten "Strafexkursionen" ist die Rede, wenn Räuber sich an seine Kindheit erinnert. "Dann gab‘s halt eben diese Situation, wo dann die Gardinen zugezogen wurden und alles abgeschlossen wurde", erzählt er. "Du sollst leiden wie der liebe Heiland und dir den Himmel verdienen" habe der Geistliche erklärt. Auch dass Timmerbeil das tue, weil er ihn liebe, hat Räuber oft gehört.

"Falscher Prophet" - Im Visier der Staatssicherheit

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Dass Timmerbeil seinen Schülern körperliche Gewalt antut, ist der Staatssicherheit bekannt. Berichte über sexuelle Übergriffe sucht man vergebens.

Die körperliche Gewalt wird von der DDR-Staatssicherheit dokumentiert, Jahre später liest Michael Räuber in der Akte des Pfarrers. Der Operative Vorgang trägt den Namen "Falscher Prophet". Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) weiß Bescheid, dass Timmerbeil in Religionsstunden zügellos Kinder schlägt. Von sexuellen Übergriffen ist jedoch in der Akte keine Rede. Michael Räuber aber ist sicher: "Es ist für die, die es betroffen hat, wirklich klar geworden bei diesen 'Veranstaltungen', ich sage es mal in Anführungszeichen, dass das für ihn eine Erregung bedeutet hat."

Stillschweigen auch in der Kirche

In den Stasi-Akten ist nachzulesen, dass sich Pfarrer Timmerbeil oft im katholischen Kinderheim der Stadt aufgehalten habe. In Neubrandenburg wird erzählt, er soll damals Kinder aus dem Heim abgeholt und nicht zurück gebracht haben. Was an diesen Geschichten dran ist, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Erst im Jahr 2015 gehen bei der Neubrandenburger Staatsanwaltschaft Strafanzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern gegen den 1979 verstorbenen Pfarrer ein, sagt die Sprecherin Beatrix Komning, "in einem Fall auch wegen Körperverletzung mit Todesfolge." Auch das für Neubrandenburg zuständige Erzbistum Hamburg hat nach eigener Auskunft fragliche Fälle an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

Ermittlungen ergebnislos eingestellt

Die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen schließlich ergebnislos ein, so Komning. Man habe versucht, über entsprechende Einwohnermeldeanfragen und Ersuchen den Aufenthaltsort solcher Kinder zu ermitteln, sagt sie. Diese seien aber in der Regel negativ beschieden worden. "Es war einfach unbekannt, wohin diese Kinder verzogen sind." Soweit Betroffene ermittelt werden konnten, habe dies zur Sachaufklärung nicht weiter beitragen, so Komning.

Öffentlich will sich niemand äußern

Auch die NDR Recherchen zu den Vorfällen damals sind schwierig. Öffentlich will sich kein weiteres Gemeindemitglied äußern, die Kirche übt offenbar Druck aus, auch Interviewzusagen werden zurückgezogen. Hinter vorgehaltener Hand wird in Neubrandenburg von mehr als 100 Missbrauchsfällen während der Zeit von Pfarrer Timmerbeil gesprochen. Im Zuge der Aufklärung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche haben aus der katholischen Gemeinde in Neubrandenburg mindestens zwölf Betroffene beim zuständigen Bistum in Hamburg über ihr Leid berichtet.

Schwere und brutale Formen von Missbrauch

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Mary Halley-Witte von der Präventionsstelle des Erzbistums Hamburg spricht öffentlich von schweren und brutalen Formen von Missbrauch und Gewalt in Gemeinden der ehemaligen DDR.

Mary Halley-Witte von der Präventionsstelle des Erzbistums Hamburg sagt, nach Erkenntnissen aus der Aktenanalyse habe der Missbrauch in einer katholischen Gemeinde in der DDR andere Faktoren als die Missbrauchsgeschichten, die aus Hamburg und Schleswig-Holstein bekannt seien. "Das sage ich inzwischen auch öffentlich". Von schwereren und brutaleren Formen von Missbrauch, "immer auch gepaart mit sehr schwerer physischer Gewalt", spricht Halley-Witte. Konkrete Fälle benennt sie dabei nicht.

Opfer oder Nestbeschmutzer?

Unter den Katholiken in Neubrandenburg halten manche Michael Räuber für einen Nestbeschmutzer - sein Fall spaltet die Gemeinde. Vom Erzbistum Hamburg hat er eine Entschädigungszahlung für das erlittene Leid erhalten. Die Lebensjahre bekomme er damit nicht zurück, sagt er. Aus der Kirche ausgetreten ist er trotzdem nicht. Vielmehr hat er den Kontakt zum heutigen Pfarrer gesucht und bei ihm Unterstützung erfahren. Und Michael Räuber hat seine Erfahrungen in einem autobiografischen Roman verarbeitet. Der Titel: Geteilte Hölle.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.09.2018 | 16:10 Uhr

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