VIDEO: Corona und wir in MV: Wie geht es uns jetzt? (3 Min)

Metallgestalterin in Rothen, Takwe Kenders: "Wir brauchen ein Wir“

Stand: 15.06.2021 12:00 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Thomas Naedler

In der Emaille-Werkstatt in Rothen ist es still. Nur die Vögel zwitschern durchs offene Fenster herein. Wer die zwei Treppen hinauf geht, findet zwei Räume unter dem Dach einer alten Gutsscheune. Darin ein Brennofen und ein langer Schreibtisch, Skizzen und Bücher und surreal wirkende Objekte, hunderte kleine Röhren zum Beispiel, aufgereiht auf einem Lichttisch, die schimmern wie milchiges Glas. Hier in Ruhe arbeiten zu dürfen - fast ohne Termine, während der Pandemie, das hat sie als Glück empfunden. Und das Gefühl vergessen zu werden, gab es das? "Es ist in Deutschland schon immer so, dass Kunst und Bildung an letzter Stelle stehen", sagt Takwe Kenders ohne Bitterkeit in der Stimme. Ein fein gewobenes Netz aus Kupferdrähten bringt sie währenddessen so in Form, dass es einem Fischernetz ähnelt. Eine Skulptur für eine Kirche soll entstehen - in Anlehnung an das sprachliche Bild vom "Menschenfischer Jesus".

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"Es hat die getroffen, die eh schon gebeutelt sind"

Für sich und ihre Kunst hatte Takwe Kenders während der Pandemie soviel Zeit wie noch nie zuvor. In drei Kunstvereinen arbeitet sie ehrenamtlich - doch bis auf ein paar Videokonferenzen gab es in diesen Strukturen wenig zu tun. Eine virtuelle Ausstellung haben sie aufgebaut im Kulturhaus in Mestlin, da war die erste Welle gerade auf ihrem Höhepunkt. "Opel Corona", so der Titel der Schau, in der sich Künstlerkollegen von Takwe Kenders künstlerisch mit dem Virus auseinandergesetzt haben. In abgesetzten Interviews erzählen sie von sich in dieser Zeit - als Film ist diese Ausstellung veröffentlicht worden. Dann der vergleichsweise unbeschwerte Sommer, doch ein Gefühl blieb für die Metallgestalterin: Kunst und Künstler sind verschwunden aus der öffentlichen Wahrnehmung. Das hätten, so sagt sie, besonders diejenigen gespürt, die kleinere Kinder haben, Haushalte, in denen beide Elternteile von Kunst leben, hätten es besonders schwer. "Dass es wieder die getroffen hat, die eh schon gebeutelt sind, das ärgert mich kolossal", sagt Takwe Kenders.  

 32 Seiten Formulare für den Hartz-IV-Antrag

Auch sie hat irgendwann Hartz IV beantragt. Angekündigt war, dass das für Künstler wie sie über ein vereinfachtes Verfahren möglich ist. Am Ende hat Takwe Kenders 32 Seiten ausgefüllt - 400 Euro gab es einige Monate lang. Das eine oder andere Kunstwerk konnte sie verkaufen, doch die 1.500 Euro im Monat, die ihr sonst zum Leben reichen, waren dennoch nur schwer aufzutreiben. Doch Künstler sind solidarisch, sagt sie: "Wir sind es gewöhnt, mit wenig auszukommen." Wenig aber ist relativ: Als Metallgestalterin braucht sie ein Auto, um ihre Arbeiten zu transportieren, sie braucht Benzin, Material, Strom. Ihre Werkstatt in Rothen - unten die Schmiede - oben die Emaillewerkstatt - ist in einem Gebäude, das dem Verein Rothener Hof gehört. Auch hier: mit Solidarität durch die Krise.

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Die zersplitterte Gesellschaft

"Wir brauchen ein Wir", sagt Takwe Kenders gleich mehrfach. Während der Corona-Pandemie hat sich in ihrer Wahrnehmung die Gesellschaft noch weiter zerstückelt, in Lager geteilt, so empfindet sie es, dabei müsste gerade jetzt ein Zusammenhalt her. Weil die Aufgaben so groß sind: Die Landwirtschaft soll so arbeiten, dass nicht die Natur vergiftet wird, Pflegekräfte, Krankenschwestern, Pfleger müssten vernünftig bezahlt werden, Lehrer und Schüler brauchen bessere Bedingungen in den Schulen, so viele Aufgaben - so wenig Zusammenhalt.

Terminkalender füllt sich schneller als gedacht

Mit den sinkenden Inzidenzwerten, mit den Lockerungen im Land, füllt sich der Terminkalender der Künstlerin schneller, als sie gedacht hatte. Die Galerien öffnen, die ersten Märkte für Kunst und Kunsthandwerk sollen folgen. Die Schulen beginnen zu planen für das kommende Jahr - in verschiedenen Projekten arbeitet die Metallgestalterin mit jungen Leuten, seit Jahren schon. Und eine neue Ausstellung ist in Vorbereitung: Künstlerinnen und Künstler setzen sich mit der Kunst von Joseph Beuys auseinander - zum 100. Geburtstag des großen Kollegen, zu sehen wird sie sein im Kulturhaus Mestlin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.06.2021 | 19:30 Uhr

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