Stand: 14.06.2019 10:50 Uhr

Warum junge Menschen in den Osten zurückkehren

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Rostockerin Franka Laudahn lebte fünf Jahre in Südhessen.

Franka Laudahn schiebt ihr Fahrrad durch die Straßen der Rostocker Innenstadt in Richtung Stadthafen. Sie hat ihre dreijährige Tochter Lola nach Feierabend vom Kindergarten abgeholt. Wind kommt auf, Lola fragt nach ihren Handschuhen - und beide genießen die frische Luft. Genau das hat Franka Laudahn vermisst in Südhessen, wo sie bis vor anderthalb Jahren gelebt und gearbeitet hat: "Für mich war wirklich klar: Ich will zurück an die Ostsee. Mir hat ganz doll die Natur gefehlt, mal einen Horizont zu sehen, die Ostsee, das Meer."

Rückkehr an die Ostsee

Fünf Jahre lang ist Franka Laudahn fort gewesen, um in einem Großunternehmen Berufserfahrung sammeln zu können - was im industriearmen Mecklenburg-Vorpommern kaum möglich gewesen wäre. Also wechselte sie in die Rhein-Main-Region. Ein konsequenter Schritt, sagt sie noch heute. Die Distanz zu Familie und Freunden, Mentalitätsunterschiede und das ungewohnte Klima - all das war zunächst kein Thema für sie. Aber irgendwann kam Heimweh auf. Die 31-Jährige begann, sich zurück zu orientieren - und zunächst die Chancen auf dem Arbeitsmarkt auszuloten: "Ich habe mich gezielt umgeguckt und auch gute Resonanz bekommen, hatte recht viele Gespräche. Und darüber ist dann am Ende auch der erste Arbeitsplatz zustande gekommen." Franka Laudahn arbeitet heute bei einem kleinen Start-up in der Versicherungsbranche. Das Einkommensniveau aus ihrer Zeit im Westen erreiche sie zwar nicht mehr, erklärt sie, aber die Bezahlung sei fair.

Aussicht auf die Mecklenburger Bucht und auf das Ostseebad Kühlungsborn © NDR Foto: Helmut Kuzina aus Wismar

Mecklenburg-Vorpommern: Rückkehrer aus dem Westen

NDR Info - Forum am Sonntag -

Heimweh - das haben immer mehr Mecklenburg-Vorpommern, die vor einigen Jahren zum Berufsstart weggezogen sind. Das Forum am Sonntag begleitet einige von ihnen.

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Fachkräfte kehren in den Osten zurück

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Familienfreundlichkeit und Lebensqualität sind oft Gründe für eine Rückkehr.

Für gefragte Fachkräfte und hochqualifizierte Jung-Arbeitnehmer aus Mecklenburg-Vorpommern lohnt es sich nach wie vor, in strukturstarke Industrie- und Dienstleistungsregionen zu wechseln. Und wo früher vor allem junge Frauen die Heimat Richtung West-Deutschland verließen, ziehe es mittlerweile auch die Männer fort, wenn es an Lebensqualität und beruflichen Perspektiven mangele, so die Erkenntnis von Johanna Menzel, Politologin der Universität in Rostock.

Doch mittlerweile hat auch eine Gegenbewegung eingesetzt. Es kehren wieder mehr Menschen zurück oder suchen dort bewusst eine neue Heimat, weil sie die Standortvorteile in Mecklenburg-Vorpommern zu schätzen gelernt haben. "Wir befinden uns in einem Wettbewerb um Menschen. Die Städte wachsen. Wir sehen diese Tendenz einer zunehmenden Urbanisierung. Aber das führt natürlich auch zu Gegenbewegungen, dazu, dass die Leute eben sagen: 'Ich will das eigentlich nicht mehr. Ich will raus, ich brauche Ruhe, ich will eine Entschleunigung'", erklärt Menzel. "Und das kann der ländliche Raum - und Mecklenburg-Vorpommern ist zum allergrößten Teil ländlicher Raum - sehr gut bieten."

Eine Frage der Wurzeln

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Irgendwann fragte sich André Settgast, wo er sich wirklich zu Hause fühlte.

Die riesige Werfthalle in Wismar, wo derzeit ein altes Kreuzfahrtschiff überholt wird, ist André Settgast schon seit vielen Jahren vertraut. Auf dem Gelände der MV Werft hat er einst seine ersten Schritte ins Berufsleben gemacht. Settgast stammt aus einer Werftarbeiterfamilie. Doch anders als sein Vater und sein Großvater ist André Settgast nicht auf der Werft geblieben. Vor zehn Jahren zog er fort von der Ostseeküste - zu seiner Freundin, die in Mannheim studiert und einen lukrativen Job bekommen hatte. Dass ihn später einmal das Heimweh packen würde, daran dachte der Mecklenburger damals nicht. "Ich fand es eigentlich gut endlich mal herauszukommen aus der kleinen Stadt. Ich wollte die große Welt kennenlernen. Man war jung. Man will einfach nochmal etwas anderes sehen, in dem Alter."

Ganz kühl überlegt lief die Rückkehr von André Settgast ins heimatliche Wismar allerdings nicht ab. Seine Gespräche mit der Freundin, die auch aus Wismar kommt, drehten sich immer häufiger darum, wo sich die beiden wirklich zu Hause fühlen, erinnert sich der 36-Jährige: "Man fährt jedes zweite Wochenende viele, viele Stunden, um mal wieder bei der Familie zu sein. Ja, und dann hat man sich irgendwann dazu entschlossen: Wir wollen wieder zurück. Die Heimat ruft!"                            

Ein Jobangebot macht die Rückkehr möglich

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Eine unerwartete Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt machte dem Zaudern schließlich ein Ende: Die Werft, auf der Settgast zehn Jahre zuvor seine Ausbildung abgeschlossen hatte, wurde an den Hongkonger Genting-Konzern verkauft und zu einem Standort für den Bau von Kreuzfahrschiffen ausgebaut. Als "MV Werften" wirbt der Schiffbaubetrieb seitdem in großer Zahl erfahrene Fachkräfte an. André Settgast bewarb sich im Frühjahr 2018 in der Logistikabteilung und wurde sofort genommen.

Seiner Freundin wurde allerdings kein Roter Teppich ausgerollt. Sie entschied sich zur Rückkehr eher aus dem Gefühl heraus und ohne zu wissen, ob sie eine passende Stelle finden würde: "Meine Freundin ist ein großes Risiko eingegangen. Damals hat sie von sich aus gesagt, sie kündigt einfach ihren Job dort im Rhein-Main-Gebiet. Und wir sind dann im Prinzip ohne Job hierher gekommen. Aber sie wollte die ganze Zeit eigentlich auch wieder zurück. Für sie war es fast noch wichtiger wieder zur Familie zurückzukommen als für mich." Mittlerweile hat sie wieder einen Job gefunden in Wismar. Das Leben der beiden bewegt sich längst wieder in gewohntem Fahrwasser. Dass ihr Wechsel zurück an die Ostsee eher unkompliziert verlief, hing auch mit einer weitgehend problemlosen Wohnungssuche zusammen.

Kleine Hindernisse und keine Reue

Deutlich schwieriger war dagegen die Wohnungssuche für Franka Laudahn. Anders als sie erwartet hatte, unterscheiden sich die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt in Rostock nicht wesentlich von denen in westdeutschen Großstädten. Sie habe zuerst gedacht, dass es relativ viele Angebote geben würde. Doch die Wohnungssuche zog sich hin. "Ich habe tatsächlich nur eine einzige Zusage bekommen. Und ich zahle jetzt fast doppelt so viel pro Quadratmeter wie ich es in Wiesbaden getan habe."   

Doch mittlerweile fühlt Franka Laudahn sich absolut wohl als Rückkehrerin in ihre Heimatstadt. Der Job macht ihr Spaß, die eigenen Eltern wohnen ganz in der Nähe - und nach einer Weile hat auch Tochter Lola den Ortswechsel verkraftet und ist angekommen in Rostock. Für Franka Laudahn ist die Frage eindeutig entschieden. Noch einmal von der Küste wegzuziehen, ist für sie undenkbar.

Auch André Settgast ist froh, dass er sich entschieden hat wieder zurückzukommen. Wenn man ihn fragt, ob er es ausschließen würde, die Heimat noch einmal für längere Zeit zu verlassen, antwortet der weltoffene Mecklenburger indes eher nachdenklich: "Heutzutage muss man flexibel bleiben im Berufsleben, wenn man erfolgreich sein will. Ich persönlich lege mich da nicht hundertprozentig fest. Ich fühle mich wohl im Moment, ich möchte in Wismar bleiben, auf jeden Fall. Aber wenn es gar nicht anders geht, dann würde ich auch wieder in den sauren Apfel beißen und weggehen. Wenn es nicht anders geht."        

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Forum am Sonntag | 16.06.2019 | 06:05 Uhr

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