Maritime Konferenz: Wie Aufträge für deutschen Schiffbau sichern?

Stand: 12.05.2021 12:14 Uhr

Mit einem Ausblick auf die maritime Wirtschaft der nächsten Jahrzehnte ist die 12. Nationale Maritime Konferenz in Rostock zu Ende gegangen.

Knapp 100 Referenten, Gastredner und Experten sprachen in den Podiumsveranstaltungen und Foren zu den Themen rund um die maritime Wirtschaft am Warnemünder Passagierkai. Das hybride Format als Balanceakt zwischen Livetagung und Videokonferenz hat das möglich gemacht. Auch am zweiten Tag stand die Frage im Mittelpunkt, wie Aufträge für deutsche Werften und Zulieferer gesichert werden können. Der Blick war auf die mächtige Konkurrenz aus Asien gerichtet, vor allem China subventioniert die Branche im eigenen Land stark.

Gastgeber zieht ernüchternde Bestandsaufnahme

Klare Perspektiven für deutsche Schiffbau-Beschäftigte zum Beispiel bei den MV Werften oder auch bei der Meyer Werft in Papenburg gab es auf der Konferenz aber auch zum Abschluss keine. Der maritime Koordinator der Bundesregierung Norbert Brackmann als Gastgeber der Konferenz zog eine ernüchternde Bestandsaufnahme: "Wir wissen, dass China Schiffbauaufträge zu 99 Prozent in China vergibt, aber die europäischen Auftraggeber wickeln ihre Aufträge zu 95 Prozent in Asien ab. Und wir wissen, dass zum Teil unter Materialpreis angeboten wird. Diesen Wettbewerb können wir nicht gewinnen." Es müsse eine europäische Strategie für weltweit fairen Wettbewerb zu gleichen Bedingungen geben, sagte Brackmann. Dann habe auch die deutsche Schiffbau-Industrie eine super Zukunft.

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Bernhard Meyer, Geschäftsführer der Meyer Werft in Papenburg erklärte, was passieren könnte, wenn die passende Antwort Europas ausbleibe: "Ich bin der Überzeugung, dass die maritime Industrie eine ganz große Zukunft hat, es ist nur die Frage, dürfen wir daran teilnehmen oder nicht."

Klimafreundliche Weltflotte als Chance

Doch nicht allein die Verschärfung der europäischen Regularien gegen asiatische Dumpingpreise oder staatliche Subventionen nach asiatischem Modell sollen den Schub geben, um aus der Krise herauszukommen. Viel mehr gelte es, die Innovationskraft der Branche zu nutzen. Insbesondere, wenn es darum geht, eine klimafreundlichere Weltflotte aufzulegen, die immer weniger Schuld daran trägt, dass den Weltmeeren der Atem ausgeht. Ein Auftrag, der Politik und Wirtschaft gleichermaßen durch die Direktorin des Alfred-Wegner-Instituts Antje Boetius ins Logbuch geschrieben wurde. "Wir sind dabei, alles an die Wand zu fahren. Das Meer-Eis wird in 20 oder 30 Jahren wahrscheinlich das erste Mal im Sommer verschwunden sein", so Boetius.

IG Metall Küste: Lippenbekenntnissen müssen Taten folgen

Die IG Metall Küste zeigte sich enttäuscht. "Alle waren sich einig, dass die dramatische Lage im Schiffbau schnelles Handeln erfordert. Aber konkrete Maßnahmen, um Arbeitsplätze und Standorte zu sichern, wurden nicht auf den Weg gebracht", kritisierte Bezirksleiter Daniel Friedrich. Den "Lippenbekenntnissen" müssten nun rasch Taten folgen. Den Beschäftigten laufe die Zeit davon. Auf der Konferenz sei jedoch deutlich geworden, dass der Schiffbau in Deutschland eine Zukunft habe. Dazu müssten die Strukturen stabilisiert werden. Emissionsfreie, klimafreundliche Antriebstechniken würde mehr Aufträge bringen. Dafür sei aber aktives staatliches Handeln und eine Neuausrichtung der Förderung nötig, betonte Friedrich.

Europäische Reeder sollen in Europa bestellen können

Nach Ansicht des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik hat die Maritime Konferenz die Notwendigkeit eines europäischen Flottenprogramms deutlich gemacht. "Wir müssen die europäischen Reeder in die Lage versetzen, in Europa Schiffe zu bestellen. Diese müssen natürlich klima- und umweltfreundlich sein, damit wir für Europa eine moderne und klimafreundliche maritime Verkehrsinfrastruktur schaffen", sagte Verbandsgeschäftsführer Reinhard Lüken der dpa. Basis für diese Stärkung des europäischen Binnenmarkts sei die technische Vorreiterrolle der maritimen Industrie. Die Reeder könnten mit einem solchen Programm in die Lage versetzt werden, die Schiffe zu finanzieren, sagte Lüken.

Bis Ende 2022 keine neuen Windkraftanlagen am Netz

Auch für die Offshore-Windkraftbranche in Deutschland bleibt es schwierig. "Bis Ende kommenden Jahres werden keine neuen Anlagen ans Netz gehen", sagte der Geschäftsführer der Stiftung Offshore Windenergie, Andreas Wagner. Ein echter Investitionsschub werde benötigt. Dafür müssten die vorhandenen Potenziale schnellstmöglich zusätzlich ausgeschrieben und mit raschen Inbetriebnahmen verbunden werden. Jetzt die Investitionen vorzuziehen, helfe Konjunktur und Klimaschutz gleichermaßen, sagte Wagner. Die gravierenden Folgen des fehlenden Ausbaus der Windenergie in Nord- und Ostsee - Unternehmensschließungen, Beschäftigungsverluste und Abwanderungen aus dem deutschen Markt etwa - müssten schnellstmöglich überwunden werden.

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Vor dem Schriftzug "12. Nationalen Maritimen Konferenz" unterhalten sich Norbert Brackmann, Koordinator der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft, Claus Ruhe Madsen, Oberbürgermeister von Rostock, und Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern. © dpa Foto: Bernd Wüstneck

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.05.2021 | 16:00 Uhr

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