MV: Strafvollzug in Zeiten von Corona

Stand: 27.11.2020 16:35 Uhr

Vier Haftanstalten in Mecklenburg-Vorpommern, etwa 1.000 Inhaftierte. Die Corona-Gefahr lauert für sie VOR den Mauern. Aber das Leben in den Zellen scheint seit Beginn der Pandemie härter geworden zu sein.

von Jürgen Opel und David Pilgrim

Eins vorweg: an gesicherte Informationen zur Lage in den Justizvollzugsanstalten (JVA) zu kommen, ist nicht leicht. Als Reporter müssen wir uns auf die offiziellen Informationen des Justizministeriums verlassen. Die Aussagen von Inhaftierten, die uns als NDR-Mitarbeiter geschrieben haben und mit denen wir in Einzelfällen sogar telefonieren konnten, widersprechen den offiziellen Angaben allerdings zum Teil massiv. Und mit den Beschäftigten in einer JVA zu reden, ist offiziell auch nicht möglich. Wenn Beamte reden, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Oder sie sind in der Gewerkschaft. Hinter den Mauern zu drehen oder Interviews zu führen, ist ausgeschlossen. Immer mit dem Verweis auf Corona und dass die Inhaftierten vor einer Ansteckung geschützt werden müssen.

Die Haft als Schutz vor Corona

Für die derzeit etwa 1.000 Inhaftierten in den vier Haftanstalten im Land lauert die Gefahr VOR den hohen Mauern. Nur der Kontakt in die Freiheit könnte Ansteckung bedeuten. Dennoch käme wohl keiner auf die Idee, mit diesen Menschen tauschen zu wollen. Zumal auch das Leben „im Knast“ noch härter geworden zu sein scheint. Bislang hat es hinter den Haftmauern keine Infektion gegeben. Nicht beim Personal und nicht bei den Inhaftierten. Doch Corona hat auch die Gefängnisse im Griff: Wer von draußen kommt, also beim Arzt war oder bei Gericht zum Beispiel, der muss in Quarantäne und ist einmal mehr allein.

Vorschriften machen vor allem Kindern Inhalftierter zu schaffen

Aufschluss, also die Zeit, die der Inhaftierte nicht allein in seiner Zelle sitzt, wird einmal mehr reduziert, um alle noch weiter auf Abstand zu halten. Freizeit und Sport unterliegen den bekannten Regeln. Und wenn Besuch kommt, dann ist es auch da ein Treffen mit Trennscheibe dazwischen. Besonders hart ist das für die Kinder, denn die können Vater oder Mutter nicht einmal mehr drücken, sagt Gefängnisseelsorger Martin Kühn aus der JVA Waldeck.

Corona verstärkt Personalprobleme

Laut Justizministerium sind nur fünf Prozent der Stellen im Vollzug nicht besetzt. Damit sei der Normalbetrieb in den Haftanstalten gewährleistet, sagt der zuständige Abteilungsleiter im Justizministerium, Stephan Hagemann. Auch unter Corona-Bedingungen. Die Gewerkschaft der Strafvollzugsbediensteten rechnet da anders: laut Landeschef Hans-Jürgen Papenfuß sei zu keiner Zeit gesetzesgetreuer Vollzug möglich gewesen. Weil schon immer zu wenig Leute auf den Dienstplänen standen. Sicherheit könne zwar weiter gewährleistet werden. Aber moderner Vollzug und damit Resozialisierung sei immer auf der Strecke geblieben. Aktuell fehlen nach unserer Zählung in Summe 93 Vollzugsbeamte, die nicht in den Dienstplänen auftauchen. Entweder weil sie krank sind oder weil die Stelle nicht besetzt ist. Für die anderen gibt es Zwölf-Stunden-Schichten. Corona verstärkt das Problem nur, bekannt ist es seit Jahren.

Hoffnung auf Besserung

Aktuell sind 90 neue Vollzugsbeamte in der Ausbildung. Also: Verstärkung naht. Und das ist wohl auch ein Hinweis darauf, dass das Problem im Justizministerium erkannt wurde. Doch Gewerkschafter Papenfuß gießt gleich Wasser in den Wein, denn es sei ja noch nicht klar, wie viele der 90 "Neuen" dann auch tatsächlich auf den Fluren vor den Zellen ihren Dienst verrichten werden. Denn: Auch andere Landesbehörden - die besser bezahlen - suchen ebenfalls händeringend neue Mitarbeiter.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.11.2020 | 16:40 Uhr

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