Stand: 30.03.2019 12:43 Uhr

Lübtheener Heide: Naturidyll mit Altlasten

Von der größten eiszeitlichen Binnendüne Deutschlands aus bietet sich ein grandioser Blick über die unzerschnittene Landschaft.

Die Lübtheener Heide zwischen der Elbtalaue und dem Biosphärenreservat Schaalsee ist ein wahres Naturparadies: Mopsfledermaus und Kammmolch fühlen sich zwischen Kiefernwäldern, Heidesand und Deutschlands größter Binnendüne wohl, Wölfe heulen den Mond an und der seltene Ziegenmelker, ein Singvogel, lebt hier so zahlreich wie kaum anderswo. Doch die Heide ist auch ein gefährlicher Ort: Die einstmals militärische Nutzung wirkt bis heute nach. Bei einem Treffen von Amtsvorstehern, Umweltschützern, Touristikern und Munitionsbergungsdienst mit Umweltminister Till Backhaus (SPD) ging es nun um die Zukunft des Areals.

Wanderwege und Aussichtsplattformen geplant

Bis 2013 war das 6.200 Hektar große Gelände Truppenübungsplatz. Seit 2015 gehört er zum Nationalen Naturerbe Deutschlands. "Wir alle sind uns einig, dass wir es hier mit einem besonderen Fleckchen Erde zu tun haben", betonte Backhaus. Die Lübtheener Heide soll zu einem touristischen Höhepunkt in Mecklenburg entwickelt werden. Dabei komme es darauf an, die Bedürfnisse von Anwohnern und Gästen gleichermaßen zu berücksichtigen.

Konkret soll das Gebiet durch Wander- und Radwege sowie Aussichtsplattformen erschlossen werden. Geplant sei zudem der Anschluss an den Elbe-Radweg, der in elf Kilometer Entfernung verlaufe, und an den Mecklenburgischen Seen-Radweg. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Bislang ist das Gelände bis auf die große Sanddüne im Norden und einige Randbereiche gesperrt.

Bis zu 14 Tonnen Munition je Hektar

Das hat seine Gründe: Weite Teile des früheren Truppenübungsplatzes werden der höchsten Kampfmittelbelastungsgruppe 4 zugeordnet. Auf einem Teil des Geländes befand sich einst ein Marine-Arsenal der Wehrmacht. Die rund 200 Bunker mit einer Lagerkapazität von je 78 Tonnen Sprengstoff seien nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt worden, so Robert Molitor vom Munitionsbergungsdienst. Dabei sei Munition weit umhergeflogen. Bei Sondierungen stellten die Räumungsexperten bis zu 14 Tonnen Munition je Hektar fest. Zum Vergleich: Rund 70 Tonnen Munition können Molitors Kollegen bergen - pro Jahr. "Die Beräumung des Geländes allerdings wird eine große Aufgabe", so der Fachmann. Es stelle sich die Frage, wie dem technisch überhaupt beizukommen sei.

Gefährliche Hinterlassenschaften

Sichtbares Zeichen der militärischen Vergangenheit - und deren explosivem Erbe - sind die Überreste des Dorfes Quast. Es war 1961 für die militärische Nutzung aufgegeben worden. Die einstigen Bewohner kehren einmal im Jahr zum Gedenken in den verlassenen Ort zurück - sie dürfen aber nur im begleiteten Konvoi fahren, weil die Hinterlassenschaften so gefährlich sind.

"In erster Linie Brandschutz"

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Unter der Lübtheener Heide schlummert ein explosives Erbe. (Archivbild)

Die Eindämmung der Gefahren sieht auch die Lübtheener Bürgermeisterin Ute Lindenau als vordringliche Aufgabe: "Unser Interesse ist in erster Linie der Brandschutz." Den Anwohnern ist der vergangene Sommer noch gut in Erinnerung. Bei einem Waldbrand auf dem Gelände nahe der Ortschaft Belsch waren in Spitzenzeiten 25 Freiwillige Feuerwehren aus dem gesamten Landkreis Ludwigslust-Parchim mit rund 200 Feuerwehrleuten im Einsatz, am Ende mussten wegen der Munition im Boden zum Löschen Spezialpanzer anrücken. Über die Kostenübernahme gab es lange Streit. Erst an zweiter Stelle stehe die Tourismusentwicklung, so Lindenau.

Neues Brandschutzkonzept soll Dörfer besser schützen

Ein neues Brandschutzkonzept für die geplanten touristischen Wege wurde laut Backhaus auf den Weg gebracht und soll bald umgesetzt werden. Es sieht munitionsfreie Zonen um die Dörfer herum vor. Kein Totholz soll am Boden liegen, dafür Laubbäume gepflanzt werden, die dem Feuer länger widerstehen können. In der Heide selbst wird es entlang der Wege Schutzstreifen geben, auch die Wasserversorgung soll verbessert werden, ebenso wie die Ausrüstung der Feuerwehren in den angrenzenden Gemeinden.

An Plänen für Brandschutz, Naturschutz und Tourismus herrscht also kein Mangel. Doch sie alle hängen daran, wie gefährlich die Heide mit ihrem explosiven Erbe noch ist. Und das zu klären, wird dauern. Wie lange, das vermag noch niemand zu sagen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.03.2019 | 17:15 Uhr

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