Langzeitfolgen: Wie geht es nach einer Covid-19-Erkrankung weiter?

Stand: 17.01.2021 10:52 Uhr

76 Prozent der Menschen, die einen schweren Covid-19-Verlauf hatten, haben laut einer aktuellen Studie mit Langzeitfolgen zu kämpfen. Dazu gehören Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, Ängste und Haarausfall. Eine Klinik in Heiligendamm behandelt solche Patienten.

von Melanie Jaster

Chefärztin Jördis Frommhold von der Reha-Klinik Median Heiligendamm hat schon mehr als 300 solcher Fälle betreut. "Es wird aktuell nur unterschieden zwischen Erkrankten und Genesenen", erklärt Frommhold. Dabei sei der Zustand der Patienten, die offiziell als genesen gelten, ganz unterschiedlich. "Wenn ich mir eine Patientin vor Augen führe, die sagt: 'Ich finde mich auf einmal in meiner überfluteten Küche wieder, weil ich leider vergessen habe, dass ich überhaupt den Wasserhahn angemacht habe' - dann ist die Patientin so in keinerlei Weise arbeitsfähig." Solche neurologischen Schädigungen sind laut Frommhold für Viruserkrankungen nicht untypisch. Es gebe auch einzelne Fälle von Grippeinfektionen, die ähnliche Auswirkungen im Gehirn verursacht haben.

Auch junge Menschen mit mittelschweren Verläufen betroffen

Ihr jüngster Reha-Patient nach einer Covid-19-Erkrankung sei 19 Jahre alt gewesen, ihr ältester 86. "Und auch Menschen mit einem vermeintlich leichten bis mittelschweren Verlauf können Langzeitfolgen entwickeln", hat sie beobachtet. Die Symptome treten dabei zum Teil auch erst vier bis sechs Monate nach der akuten Infektion auf. Ihre Beobachtungen und Therapiemethoden dokumentiert Frommhold gemeinsam mit Kollegen der Uniklinik Lübeck in einer Studie.

Studie: Rund 76 Prozent der schweren Akutverläufe haben langfristig Beschwerden

Bei der chinesischen Studie, die in der aktuellen Ausgabe der medizinischen Fachzeitschrift "Lancet" erschienen ist, haben Forscherinnen und Forscher 1.700 Patienten befragt, die einen schweren Covid-19-Verlauf hatten. Sechs Monate später gaben 76 Prozent von ihnen an, dass sie an Konzentrationsschwäche, Müdigkeit, Muskelschmerzen, Angst oder Depression leiden. Diese Zahl sei aber auf Deutschland nicht eins zu eins übertragbar, sagt Frommhold. "Zum einen wurden nur die schweren Verläufe untersucht. Zum anderen verfügt China nicht über ein vergleichbares Reha-System wie Deutschland, mit dem solche Langzeitfolgen ganz anders behandelt werden können."

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Reha-Klinik Heiligendamm: Vielfältige Therapiemethoden

Seit Ausbruch der Pandemie hat sich die Reha-Klinik Median in Heiligendamm immer weiter auf die Behandlung von Post-Covid-19-Patienten spezialisiert. Zu den Therapiemethoden gehören Atemübungen, Massagen für die Atemmuskulatur, Ausdauer- und Krafttraining - aber auch psychologische Betreuung. "Die meisten sind aus der Bahn geworfen durch die Erkrankung und manche sind auch traumatisiert", beschreibt Frommhold die Verfassung vieler Patienten. "Aber wenn wir dann sehen, dass wir diese erschreckende Zahl aus der chinesischen Studie reduzieren können in Deutschland, dann macht uns das natürlich stolz", sagt Frommhold.

Aufklärung wichtig

Dass solche Langzeitsymptome überhaupt auftreten können, ist laut Frommhold noch nicht ausreichend bekannt. Dabei gehe es ihr nicht darum, Panik zu verbreiten, sondern vielmehr darum, ein Bewusstsein zu schaffen. "Viele Patienten sitzen weinend vor mir und sagen, keiner hat ihnen geglaubt." Ihr dringender Appell ist deshalb: Selbst, wenn die Beschwerden erst Monate später auftreten, darf und soll man sich Hilfe holen - zum Beispiel in Form eines Reha-Aufenthalts.

Zweitinfektionen meist harmlos

Zwei Patienten waren bisher in der Klinik in Heiligendamm, die sich sogar ein zweites Mal mit dem Coronavirus infiziert hatten. Laut Frommhold waren diese Zweitinfektionen aber nur durch einen Zufall entdeckt worden - die Krankheiten verliefen mit milden Symptomen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 17.01.2021 | 12:00 Uhr

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