Ein Schild mit der Aufschrift "Universitätsmedizin Rostock" weist auf das entsprechende Gebäude im Hintergrund hin. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Krise der Uni-Medizin: Regierung wusste frühzeitig Bescheid

Stand: 07.09.2021 13:36 Uhr

Erst ein sogenannter Brandbrief hat die Dramatik an der landeseigenen Uni-Klinik deutlich gemacht: Der aufgezwungene Sparkurs gefährde die Patientenversorgung vor allem in der Kinderklinik, hieß es vor gut fünf Wochen von mehreren Dutzend Chefärzten in einem Schreiben an die Landesregierung. An diesem Dienstag sucht der Bildungsausschuss nach Ursachen für die Misere und fahndet gleichzeitig nach Lösungen.

von Stefan Ludmannn, NDR 1 Radio MV Aktuell

Kurz vor der Landtagswahl rückt die Gesundheitspolitik der Koalition damit erneut ins Rampenlicht. Dieses Mal geht es nicht um das Handeln der private Kliniken, sondern um die Uni-Medizin, für die Bildungsministerin Bettina Martin (SPD) die Verantwortung trägt. Sie ist heute im Bildungsausschuss wieder dabei. Bereits in der vergangenen Woche machte sie andere für die Lage veantwortlich: Das Grundproblem der Rostocker Kinderklinik sei, dass sie über die Fallpauschalen im Abrechnungssystem nicht auskömmlich finanziert sei, sagte sie. "Das ist nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern so. Das ist deutschlandweit so." Die Landesregierung habe sich im Bundesrat dafür stark gemacht, dass die Kinder- und Jugendmedizin aus diesem System herausgenommen werde.

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Bereits seit April 2020 informiert

Für die Rostocker Uni-Medizin ist das keine schnelle Lösung. "Die Probleme bleiben", sagte ein Mediziner. Zumal die Landesregierung gewarnt gewesen sei. Nach NDR Recherchen sind Aufsichtsrat und Ministerien schon seit Monaten über die prekäre Lage an der Kinderklinik und der Kinder-Intensiv-Station informiert. Bereits im April vergangenen Jahres wurde Aufsichtsrats-Chef Mathias Brodkorb (SPD) über bevorstehende Einschränkungen in der Versorgung unterrichtet, im November 2020 schickte der Vorstand der Uni-Medizin ganz offiziell eine Risikomeldung an die Landesregierung. Es folgten fast monatlich weitere Warnungen. Im April gab es dann den eindringlichen Hinweis auf die höchste Gefährdungsstufe mit Engpässen in der Notfallversorgung.

Regierung verspricht sieben Millionen Euro zusätzlich

Die Ursache: Personalmangel in der Kinderklinik und Überlastung der übrigen Mitarbeiter. Der Chef der Kinderklinik, Prof. Jan Däbritz, wollte für die Zustände am Ende keine Verantwortung mehr übernehmen, ihm blieb offenbar nur der letzte Schritt: Vor sechs Wochen bat der Top-Mediziner um Auflösung seines Vertrags, er wird die Uni-Medizin demnächst verlassen. Der mittlerweile beurlaubte Vorstandschef Prof. Christian Schmidt machte Brodkorb zuletzt Ende Juli auf die Krise aufmerksam, er beklagte einen "drohenden Kollaps".

Kurze Zeit später warnten die Chefärzte in ihrem Brandbrief vor Engpässen. Erst da versprach die Landesregierung Besserung. Es soll zwei Millionen Euro zusätzlich in diesem Jahr geben, fünf Millionen im kommenden Jahr. Insider erklärten, die zusagten Extra-Mittel könnten Stellen nicht neu besetzen, es fehlten schlicht Ärzte und Ärztinnen, die nach den Dauerkürzungen der vergangenen Jahre an der Kinderklinik arbeiten wollten. Top-Mediziner würden durch schlechte Angebote und den Sparkurs vergrault, sie würden eher an andere Uni-Kliniken gehen.

Brodkorb fordert Erlössteigerungen

Aus Protokollen des Aufsichtsrats wird deutlich, dass der Chef-Kontrolleur Brodkorb die Klinik wiederholt auf einen strengen Sanierungskurs verpflichtet hat. Die Passagen erinnern teilweise an das Gebaren von Geschäftsführern großer privater Klinik-Konzerne. Brodkorb forderte "Erlössteigerungen", gleichzeitig müsse die Klinik 40 Millionen Euro sparen, um das Ziel eines ausgeglichenen Jahresabschlusses - eine "Schwarze Null" - zu erreichen. Genau gegen diese Politik wehren sich die Chefärzte. Allerdings fährt die Klinik seit 2019 ein millionenschweres Minus ein, das vom Land ausgeglichen werden muss.

Landesregierung offenbar alarmiert

Vorstandschef Schmidt wird trotz seiner Beurlaubung im Bildungsausschuss des Landtags angehört. Die Landesregierung scheint alarmiert. Die Sitzung ist vorsorglich als "VS" eingestuft worden - also als streng vertraulich und "nur für den Dienstgebrauch". Öffentlich darf sich Schmidt nach dem Ausschuss wohl nicht äußern. Am kommenden Freitag tagt der Aufsichtsrat. Es ist unwahrscheinlich, dass die Krise der Uni-Medizin schnell gelöst wird.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 07.09.2021 | 06:00 Uhr

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