Krankenschwester in Neubrandenburg: "Zurückkehren zu unserem Menschsein"

Stand: 15.06.2021 12:00 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt, um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Kathrin Matern

Manchmal hat sich Birgit Buth in den vergangenen 15 Monaten einfach nur weggewünscht, auf eine einsame Insel. Nur Sonne und Meer und Wind. Vor allem als sich Begriffe wie "Kontaktbeschränkungen", "Ausgangssperre" und "Corona-Notbremse" eingenistet hatten in die täglichen Nachrichten. Jetzt sitzt die Krankenschwester in einem ehemaligen Operationssaal und wir reden darüber, wie es ihr ergangen ist in der vergangenen Zeit. Gerade hat sie noch die gelbe Corona-Schutzkleidung - Kittel, Maske und Visier - getragen, nach der Isolierung eines Notfall-Patienten mit Verdacht auf Covid-19.

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"Jeder ist müder geworden"

"Ich denke, dass wir wirklich ein bisschen müder geworden sind. Also, jeder ist müder geworden, nicht nur wir hier in der Rettungsstelle, sondern auch die Patienten, die Familien und die Angehörigen", sagt die 43-Jährige. Seit März 2020 arbeiten sie und ihre Kollegen nun schon unter Pandemie-Bedingungen am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. 35 Pfleger und Ärzte sind sie hier im Team der Rettungsstelle. Gut 100 Patienten versorgen sie jeden Tag. Mittelohrentzündungen, Schnittwunden, Unfallopfer. Und seit dem März 2020 Corona-Patienten. Mehr als 700 Fälle hatten sie bislang am Neubrandenburger Klinikum. Eine der höchsten Zahlen im Land. Aber kritisch sei die Arbeitssituation schon vor Corona gewesen, sagt Birgit Buth. In ihrem Beruf hätten sie es jeden Tag mit gefährlichen Infektionskrankheiten zu tun. Auch, wenn sich die Lage gerade etwas entspanne, weil die Inzidenzen sinken, spüre sie doch, wie sehr das Virus die Patienten verändert hat.

 "Man kann nicht alle als Spinner abtun"

"Nach dieser Astra-Zeneca-Impfung hatten wir wirklich viele Patienten, die Beschwerden hatten und das abgeklärt haben wollten", erzählt Birgit Buth. Die Menschen seien auch sehr beunruhigt gewesen, weil die Krankheit die Schlagzeilen dominiert. "Wenn die Leute einen Infekt haben, dann sind sie natürlich beunruhigt und deshalb kommen sie manchmal auch hierher, um Sicherheit zu bekommen." Birgit Buth ist inzwischen zweimal geimpft. Das war für sie, die gern und viel in der Welt unterwegs ist und sich schon gegen etliche Krankheiten hat impfen lassen, gar keine Frage. An ihrer Arbeitsweise oder -haltung hat das Impfen nichts geändert. Sie schützt sich genauso wie davor. Aber sie wünscht sich mehr Sensibilität für jene, die Ängste oder Befürchtungen haben, sich impfen zu lassen. Diese Leute könne man nicht einfach alle als Spinner abtun, sagt sie.

Erst Sozialarbeiterin, dann Krankenschwester

Die sympathische Frau mit den großen braunen Augen war früher Sozialarbeiterin, bevor sie sich zur Krankenschwester ausbilden ließ. Zu ihrer Familie gehören ihre Mutter, drei Schwestern und ihre Tochter, die im vergangenen Jahr Rettungssanitäterin geworden ist. Sie alle hat Birgit Buth regelmäßig gesehen. Aber die Kontaktbeschränkungen der vergangenen Monate haben ihr doch sehr zu schaffen gemacht. "Mit meiner Mutter war das zum Beispiel so, dass wir uns trotzdem umarmt haben." sie seien sich der Gefahr durchaus bewusst gewesen, "aber so ganz ohne Körperkontakt, das geht gar nicht. Man möchte auch die Wärme 'mal spüren oder einen anderen Körper. Mit meinem Lebensgefährten habe ich mich so geeinigt, dass wir beide wissen, worum es geht. Er weiß, wo ich arbeite und wir sind uns dessen einfach bewusst.“ 

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 "Nur schwarz und weiß - und nichts dazwischen"

Was sie nach wie vor beschämt: Dass die Pandemie die Gesellschaft so gespalten hat, andere Meinungen noch immer kaum toleriert werden. "Immer noch gibt es irgendwie nur schwarz und weiß - und nichts dazwischen." Wenn man eine konstruktive Diskussion anfangen möchte, gehe das nur mit sehr wenigen Leuten. "Es wird schnell mit dem Finger auf Dich gezeigt, wenn Du 'mal eine Befindlichkeit äußerst." Wie sich die Pandemie auf die Bundes- und Landtagswahl auswirken wird, darüber möchte sie gar nicht nachdenken. Aber trotz der Müdigkeit in ihren Knochen und der herausfordernden Diskussionen in diesen Zeiten, blickt Birgit Buth nicht mutlos in die Zukunft. Aufzugeben - dafür ist sie gar nicht der Typ. "Ich habe ja immer noch die Hoffnung, dass wir wieder zurückkehren. Ich meine jetzt nicht die neue Normalität oder so. Sondern zu unserem Menschsein. Denn das sind wir zuallererst: Menschen", sagt die Krankenschwester und verlässt den früheren Operationssaal. Denn draußen vor der Tür warten schon die nächsten Notfall-Patienten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

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