Kloster Malchow: Spurensuche auf Dachböden und am Computer

Stand: 14.10.2021 18:15 Uhr

Es ist eine Spurensuche rund um den Globus. Historikerin Shirley Brückner erforscht die Geschichte des Klosters Malchow, manchmal hilft ihr dabei auch der Zufall.

von Heike Becker, NDR 1 Radio MV

Shirley Brückner sitzt im zweiten Obergeschoss des Malchower Klosters, in einem Raum, schmal wie ein Handtuch. Die Wände sind mit Raumplänen des Klosters beklebt, bunte Zettel haften auf den einzelnen Räumen. Hier entsteht am Reißbrett eine neue Ausstellung. "Es gibt praktisch nichts über das Leben der Stiftsdamen", sagt Shirley Brückner. Außer einem alten schwarzen Kachelofen aus dem Zimmer der Domina ist fast nichts vorhanden.

Hinweise auf ältere Fundamente am Kloster Malchow

Historiker und Denkmalschützer haben durchaus einige Spuren verschiedener Jahrhunderte gefunden, unter anderem Hinweise auf noch ältere Bauwerke. Demnächst gehen die Experten auf die Suche nach weiteren Fundamenten im Innenhof. 1298 entstand in Alt-Malchow ein Damenbüßerinnenstift, das seit 1552 Damenstift der mecklenburgischen Landstände war.

Dorf Stadt Kreis: Porträt von Thomas Naedler  Foto: Jörn Lehmann
AUDIO: Folge 52 - Malchower Kloster wird Kulturzentrum (22 Min)

40 Millionen Euro für die Sanierung

"Es gibt so gut wie keine Informationen über das Kloster. Wir sind ja der Geschichte verpflichtet und müssen sie der Nachwelt erhalten", sagt Bürgermeister René Putzar. "Und hier in Malchow sind sich alle einig, dass das Kloster ein Besuchermagnet werden soll." Bis dahin werden wahrscheinlich mehr als 40 Millionen Euro in die Gebäude fließen. Unterstützung gibt es vom Land, vom Bund, von der Stiftung Denkmalschutz und vom Ostdeutschen Sparkassenverband. Allein würde es die Stadt Malchow nicht schaffen, sagt Putzar.

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Über 1.000 Damen haben im Kloster gelebt

Shirley Brückner sitzt vor dem Rechner, entziffert die Eintragungen im Klosterbuch. "Hier sind die Namen aller Frauen drin, die hier eingeschrieben waren. Nicht alle sind auch hier angekommen", sagt Brückner. Gewöhnlich wurden die Mädchen von Adelsfamilien gleich nach der Geburt eingeschrieben, damit sie zum Lebensabend abgesichert waren. Im Malchower Kloster haben immerhin über 1.000 Damen gelebt. "Da es sich die Ritter gar nicht leisten konnten, zwei oder gar drei Töchter zu verheiraten, war es damals üblich, sie dann in so einen Stift zu geben", erklärt die Historikerin. Ihre Suche nach Hinweisen auf die Geschichte des Klosters führt sie weit über die Grenzen der Stadt in der Mecklenburgischen Seenplatte hinaus.

"Das ist ein Puzzle für Fortgeschrittene"

Gefunden hat sie bereits einiges: unter anderem ein Dammasttuch aus dem 17. Jahrhundert. Eingewebt auf dem etwa zwei mal drei Meter großen Tischtuch sind die biblischen Figuren Kain und Abel. Mit rotem Zwirn eingestickt sind außerdem die Initialen der Besitzerin und das Jahr 1748 an einem Ende des Tuches zu finden. In der Klosteranlage diente es als Raumteiler, nun soll es Ausstellungsstück werden. "Da bin ich in meinem Urlaub nach Wien gefahren. Dort gibt es ein Museum, ein privates, das beschäftigt sich mit solchen Funden. Und selbst die waren erstaunt. Sie selber haben in ihrem Fundus die passende Serviette. Festgestellt wurde, dass die Decke aus Amsterdam stammt", erzählt die leidenschaftliche Historikerin.

Ein nasser Hut als Quelle

Klosterkirche in Malchow © ZB - Fotoreport
Die neugotische Klosterkirche thront über der Stadt. Sie beherbergt auch ein Orgelmuseum.

Dachböden haben es Shirley Brückner angetan, dort ist sie schon öfter fündig geworden. "Ich habe so einen alten nassen Hut auf dem Boden des Klosterflügels gefunden. Und da drin: handgeschriebene Briefe", erzählt Brückner im NDR Podcast Dorf Stadt Kreis. Gelesen habe sie die Briefe noch nicht, sie mussten zunächst trocknen. "Dann kam eine Frau aus der Nachbarschaft und brachte mir ein Bild. Sie sagte, dass die Frau im Kloster gelebt haben soll. Und so habe ich wieder ein Puzzlestück in der Hand. Und dann fange ich an, zu suchen", erzählt sie weiter.

Auch auf Reisen hilft der Zufall

Selbst in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires ist sie schon fündig geworden. Eine der Stiftsdamen ist Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ausgewandert und soll bei Eva Perón, besser bekannt als die berühmte Präsidentengattin "Evita", gearbeitet haben. Das sei allerdings noch nicht bestätigt. "Also man bekommt immer wieder einen Hinweis und den verfolgt man dann weiter. Es ist wie ein Puzzle für Fortgeschrittene", so die Historikerin. Zudem lagern noch etwa 40 Meter Akten im Schweriner Landesarchiv. Auch durch diese will sich Shirley Brückner noch durcharbeiten.

Schon jetzt Ausstellungsort für Malchower Künstler

Etwa zwölf Millionen Euro sind schon in die Anlage geflossen. Mittlerweile ist die Kirche zumindest von außen saniert. Ein Teil der Klostergebäude dient bereits als Ausstellungsort für Malchower Künstler. Der Beweggrund für das Engagement der Stadt ist zum einen die Suche nach den Spuren der eigenen Stadtgeschichte, zum anderen wollen die Inselstädter ihren Gästen auch touristisch etwas bieten. In der kleinen 6.500-Einwohner-Stadt gibt es 2.000 Betten in Ferienwohnungen. Demnächst sollen 600 Hotelbetten dazukommen.

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"Wir müssen dieses Denkmal erhalten"

"Die Geschichten, die Frau Brückner schon ausgegraben hat, geben uns recht: Wir müssen dieses Denkmal für die Nachwelt erhalten", ist Bürgermeister René Putzar überzeugt. Allein sei das jedoch nicht zu schaffen. "So wird beispielsweise die Stelle von Frau Brückner durch das Land und die Sparkassenstiftung gefördert - für drei Jahre".

Stadt hofft auf eigene Forschungsstelle zu Damenstiften

Die Stadt unterhält schon jetzt vier Museen: das Orgelmuseum, das auch Weltkulturerbe ist, das DDR-Museum, das Kunstmuseum und das Kuriositätenmuseum. Letzteres soll künftig auch im sanierten Kloster eingerichtet werden. "Wir erhoffen uns von dieser für Mecklenburg-Vorpommern einzigartigen Einrichtung einen großen Gewinn für die Stadt. Unser Wunsch wäre, dass hier auch eine Forschungsstelle eingerichtet wird, die sich mit den Damenstiften Mecklenburg-Vorpommerns beschäftigt", sagt Bürgermeister Putzar.

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Dieses Thema im Programm:

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