Stand: 06.04.2020 16:28 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Kinderschutz: "Zeit nehmen, im Gespräch bleiben"

Spitzenpolitikerinnen appellieren daran, in der Krise das Wohl von Kindern im Blick zu behalten. Ihre Sorge: Isolation und Unsicherheit führen in Familien zu Druck und auch zu mehr Gewalt. (Symbolbild)

Die ganze Familie den ganzen Tag zu Hause - für Eltern und Kinder ist das sonst eher die Ausnahme. Seit Kitas und Schulen im Land geschlossen sind, ist es Alltag. Die vierte Woche schon - wie lange noch - ist ungewiss. Sozialministerin Stefanie Drese und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (beide SPD) appellieren, das Wohl der Kinder in diesen Tagen nicht aus den Augen zu verlieren. Ihre Sorge - dass Isolation und Unsicherheiten zu enormem Druck in den Familien führen und auch zu mehr Gewalt. Genau deshalb bemühen sich viele Träger der Kinder- und Jugendhilfe, weiter für Kinder und Familien da zu sein.

Kinder- und Jugendhilfe: In den Familien wird es eng

Matthias Glüer ist eigentlich einer zum Hüttenbauen und Feuer machen. Auf dem Bauspielplatz Schwerin begleiten er und seine Mitarbeiter die Kinder und Jugendlichen aus den Plattenbauten - helfen ihnen Holzbalken zu sägen oder Nägel einzuschlagen. Im Moment ist auch dieser Treff geschlossen. Wie es den Bauspielplatz-Kindern jetzt geht, kann Matthias Glüer sich gut vorstellen. "Die Kinder wohnen vielleicht mit mehreren Geschwistern in einer relativ engen Wohnung und die Eltern sind gerade auch mehr oder weniger da und haben Sorgen - das wird schon ganz schön eng manchmal und da knallt es mitunter auch und dann sind die Kinder eben draußen auf der Straße unterwegs."

Bürgertelefone gegen Elternstress

Elternstress-Telefon des Kinderschutzbundes Mecklenburg-Vorpommern:
(0385) 479 - 1570
Mo. bis Fr. 14:00 - 17:00 Uhr

Bundesweites Elterntelefon des Kinderschutzbundes:
(0800) 111 - 0550
Mo. und Fr. 9:00 - 11:00 Uhr sowie Di. bis Do. 17:00 - 19:00 Uhr

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche:
116111
Mo. bis Sa. 14:00 - 20:00 Uhr

Sozialarbeiter in Wohngebieten präsent

Glüer ist auch sonst als Straßensozialarbeiter unterwegs. Nun gehen er und seine pädagogischen Mitarbeiter ganz gezielt durch die Wohngebiete, die als soziale Brennpunkte gelten. "Wir lassen uns ansprechen von Kindern und Jugendlichen oder sprechen sie auch selbst direkt an. Das geht jetzt auch nur noch eins zu eins. Wir sind immer mit zwei Kollegen unterwegs und wenn es dann zum Gespräch kommt, geht der andere weiter - und so funktioniert es auch."

Gespräche mit Pädagogen helfen Druck abzubauen

Viele der Kinder und Jugendlichen kennen ihn und nutzen die Chance, mal Dampf abzulassen. "Dieser Druck, der ist auch bei Kindern da und der kommt an schrägen Stellen raus. Die sagen ja nicht: 'Ich kann mit der Situation nicht umgehen und deshalb brülle ich hier mal!' Sondern da ist dann plötzlich ne Glasscheibe kaputt. Da bilden wir uns ein, dass so ein Gespräch schon ein bisschen Druckabbau bietet." Auf diesem Wege, hofft Matthias Glüer, würde er auch erfahren, wenn Kinder Angst haben oder sich bedroht fühlen. Bisher, sagt er, hat er das aber noch nicht erlebt.

Ein Kind steht in der Eingangstür eines Wohnhauses. © imago Foto: photothek

Kinderschutz in Corona-Zeiten

NDR 1 Radio MV - Der Tag -

Politikerinnen aus MV appellieren, das Wohl von Kindern in diesen Tagen im Blick zu behalten. Ihre Sorge: Isolation und Unsicherheit führen zu Druck und mehr Gewalt in Familien.

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Jugendhelfer müssen mit Familien in Kontakt bleiben

Heiko Höcker und sein Team vom Kinder- und Jugendhilfeverein Sternentaler betreuen im Auftrag der kommunalen Jugendämter 80 Familien in Schwerin und den Landkreisen Ludwigslust-Parchim und Nordwestmecklenburg. Auch sie bleiben in Kontakt mit ihren Familien: "Bis jetzt haben wir alles noch im Blick soweit es geht. Wir müssen arbeiten, wir dürfen nicht wegbleiben. Wenn wir nicht mehr in den Familien sind, dann könnte es wirklich zu mehr Kindeswohlgefährdungen führen."

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Kostenfreie Kinderschutz-Hotline für MV

Die Kinderschutz-Hotline ist am Landesamt für Gesundheit und Soziales angesiedelt. Fachkräfte des ASB Rostock nehmen unter der (0800) 14 14 007 die Anrufe an der Hotline entgegen. extern

In Krisenzeiten vor allem praktische Hilfe gefragt

Familien, die nach einem Kinderschutzplan betreut werden, besuchen sie weiter - unter strengen Hygieneauflagen. Mit den anderen telefonieren sie regelmäßig und treffen sich draußen zu Gesprächen. Vor allem praktische Hilfe ist gefragt in diesen Tagen. Die Mutter eines 8-jährigen Mädchens musste dringend zum Arzt - Heiko Höcker half, die Zeit zu überbrücken: "Wir sind eine ganze Runde um den Faulen See gelaufen. Ich hab dann auch Kreide mitgenommen und auf dem Gehweg Rechenaufgaben aufgemalt, Buchstaben und Wörter aufgeschrieben. Und natürlich auch Gespräche geführt, wo zu Hause die Probleme liegen und weshalb es immer zu Konflikten kommt. Das Gespräch habe ich dann im Anschluss mit der Mutter ausgewertet."

Pädagogen wollen im Gespräch bleiben

Zeit nehmen für die Menschen - daran wollen sie nicht rütteln. Heiko Höcker hofft, dass er seine zwölf Mitarbeiter nicht in Kurzarbeit schicken muss, auch wenn sie anders arbeiten in diesen Tagen. Und auch der Bauspielplatz hat mittlerweile ein virtuelles Angebot. Er lädt Jugendliche ein, sich über eine Audio-App auszutauschen - damit sie einfach im Gespräch bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 06.04.2020 | 16:15 Uhr

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