Ein Mädchen schaut traurig aus dem Fenster eines Wohnkomplexes © photocase.de Foto: davidpereiras

Jedes vierte Kind an der Seenplatte ärmer als der Staat erlaubt

Stand: 06.07.2021 14:00 Uhr

13.249 Kinder und Jugendliche im Kreis Mecklenburgische Seenplatte waren 2020 auf staatliche Hilfe angewiesen - deutlich mehr als in anderen Kreisen. Für sie hat der Landkreis die Bildungskarte ausgegeben.

von Thomas Köhler

Weil die Eltern das Leben ihrer Kinder trotz Kindergeld nach Ansicht des Staates nicht ausreichend finanzieren können, erhalten diese Mädchen und Jungen Unterstützung. Dazu gehören zum Beispiel Geld für Schulmittel, warmes Mittagessen, Klassenfahrten und Mitgliedschaft in Vereinen. Beantragen können die Bildungskarte alle Eltern, die staatliche Unterstützung erhalten. Dazu gehören Hartz IV, Sozialhilfe und Wohngeld.

Jedes sechste Kind lebt in einer Hartz IV-Familie

Damit ist mehr als jedes vierte der rund 51.640 Kinder und Jugendlichen (bis 25 Jahre) im Kreis Mecklenburgische Seenplatte auf Hilfe angewiesen. „Es ist durchaus möglich, dass noch mehr Kinder anspruchsberechtigt sind, die Eltern aber keine Anträge stellen“, vermutet die Vize-Präsidentin des Kreistages Elke-Annette Schmidt (Die Linke). Ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen lebt in Hartz IV-Familien. Bei den unter 18-Jährigen sind es laut Agentur für Arbeit 6.550 Mädchen und Jungen – also jedes sechste Kind.  

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Viel Geld für Mittagessen in Schule und Kitas

Der Kreis Mecklenburgische Seenplatte hat 2020 rund zwei Millionen Euro für Leistungen auf Basis der Bildungskarte ausgegeben. Das sind rund 150 Euro je Kind. Drei Viertel der Gesamtsumme entfielen auf Schulbedarf und Mittagessen. In anderen Kreisen liegen die Pro-Kopf-Kosten über 400 Euro. Am höchsten sind sie mit durchschnittlich 472 Euro je Karteninhaber in Schwerin. Für Mittagessen in Schule und Kitas geben die Kreise das meiste Geld aus. In Schwerin ist es rund ein Drittel von knapp 1,6 Millionen Euro, in Vorpommern-Greifswald etwa die Hälfte von knapp 3 Millionen Euro jährlich.  

Seenplatte überproportional betroffen

Bundesweit soll der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die staatliche Hilfen per Bildungskarte erhalten, laut Links-Partei bei rund 15 % liegen. In Mecklenburg-Vorpommern hat 2020 kein anderer Kreis so viele Bildungskarten ausgegeben wie der Südosten des Landes. Im Kreis Vorpommern-Greifswald waren es 6.288 (13,2 %), in der Landeshauptstadt Schwerin 3.317 (15,4%) und im Kreis Nordwest-Mecklenburg 3.496 (10,7%). Im Nordwesten sinkt die Zahl der Bildungskarteninhaber seit 2018 kontinuierlich. Vor drei Jahren lag die Zahl noch gut 10% höher. Die Verwaltungen der Kreise und kreisfreien Städten in Mecklenburg-Vorpommern führen allerdings keine einheitlichen Statistiken zur Bildungskarte.  

Zahlen steigen weiter

Die Zahl ist in diesem Jahr im Kreis Mecklenburgische Seenplatte um weitere 500 Kinder und Jugendliche gestiegen. „Das sind so viele wie noch nie“, erklärt der Sozialdezernent des Kreises Michael Löffler. Einen direkten Zusammenhang sieht Löffler hier mit der Corona-Pandemie. Denn rund 8.000 Menschen des Kreises waren zu Jahresbeginn in Kurzarbeit. Das hatte zur Folge, dass viele Familien Wohngeld beantragen mussten. In Neubrandenburg erhielten im April 1.184 Haushalte Wohngeld. Das war ein Drittel mehr als vor Beginn der Corona-Pandemie.

„Das ist ein Skandal!“

Warum der Anteil der Bildungskarteninhaber im Kreis Mecklenburgische Seenplatte fast doppelt so hoch ist wie in anderen Kreisen erklärt sich der ehemalige Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses des Kreises, Peter Ritter (Die Linke), so: „Viele Regionen des heutigen Landkreises Mecklenburgische Seenplatte waren in den letzten Jahren von hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Seit der Einführung von Hartz IV hat sich Armut, vor allem Kinderarmut, nunmehr seit Generationen verfestigt. Auch sind hier eher Niedriglohnjobs auf der Tagesordnung. Die Strukturen in der Kinder- und Jugendhilfe geraten daher auch schnell an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. So oder so, dass in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik so viele Kinder in Armut oder an der Armutsgrenze leben ist ein Skandal.“ 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 06.07.2021 | 12:00 Uhr

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