Stand: 12.09.2018 16:58 Uhr

Jamel: Wiese an mutmaßlichen Neonazi verpachtet

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Eine große Wiese mitten im Dorf, die sonst für "Jamel rockt den Förster" genutzt wird, wurde an einen mutmaßlichen Neonazi verpachtet.

Die Gemeindevertretung in Gägelow bei Wismar hat ein zentrales Grundstück in dem Dorf Jamel an einen mutmaßlichen Neonazi verpachtet. Wie am Mittwoch bekannt wurde, entschieden die Gemeindevertreter am Dienstagabend mit sieben zu zwei Stimmen für den Pachtvertrag über die Dorfmitte Jamels. Es geht um 3.700 Quadratmeter für den Preis von 65 Euro im Jahr.

Festival angeblich nicht betroffen

In dem zu Gägelow gehörenden Dorf Jamel veranstalten die Anwohner Birgit und Horst Lohmeyer einmal im Jahr das Festival gegen Rechtsextremismus "Jamel rockt den Förster". Die betreffende Wiese diente bisher als Parkplatz für das Festival. Allerdings soll eine Sonderklausel im Pachtvertrag dafür sorgen, dass der Bereich während des Festivals freigehalten wird. Das Dorf Jamel ist bekannt für seine Neonazi-Szene. In den 1990er-Jahren sind dort gezielt Rechtsextreme hingezogen. Das Künstlerehepaar Lohmeyer warfen Gägelows Bürgermeister Uwe Wandel (parteilos) eine Verharmlosung der Probleme in Jamel vor. Die Nazis bekämen so noch mehr Dominanz im Ort, so Lohmeyers.

Verpachtung wirft Fragen auf

Warum die Gemeindevertreter ausgerechnet einem mutmaßlichen Neonazi diese Fläche überlassen, blieb zunächst unklar. Anfang des Jahres hatten die Gemeindevertreter bereits einmal über die mögliche Verpachtung diskutiert, eine endgültige Entscheidung aber bis jetzt vertagt. Bürgermeister Wandel verweigerte auf Anfrage ein Interview mit dem NDR. Wie die zweite stellvertretende Bürgermeisterin von Gägelow und Fraktionsvorsitzende der Linken im Landtag, Simone Oldenburg, im Gespräch mit NDR 1 Radio MV sagte, verstehe sie diese Entscheidung nicht und lehne diesen Pachtvertrag ab. Oldenburg war am Dienstag krankheitsbedingt nicht bei der Abstimmung anwesend.

Polizei bekommt Probleme

Nach Informationen des NDR wird die Verpachtung Auswirkungen auf die Arbeit der Polizei im Ort haben. Auch die nutzte die öffentliche Wiese bisher nicht nur, um das Festival abzusichern, sondern auch für Kontrollen und Überwachung der Neonazis. Mehrmals im Jahr treffen sich einige Hundert Rechtsextreme aus ganz Norddeutschland in Jamel für Veranstaltungen - wie zum Beispiel Fackelumzüge. Wie NDR 1 Radio MV aus Polizeikreisen erfuhr, dürfte die Polizei somit für ihre Arbeit an den Rand des Ortes gedrängt werden.

Caffier hofft auf Nutzungsgenehmigung für Polizei

Innenminister Lorenz Caffier (CDU) nahm die Entscheidung nach eigener Aussage mit Sorgen zur Kenntnis. Er wünsche sich ein geschlossenes Auftreten im Kampf gegen Rechtsextremismus. So werde die Polizeiarbeit in Jamel auf jeden Fall erschwert, weil der Raum für die Einsatzkräfte fehle, so Caffier. Er hoffe, dass der Pächter die Fläche auch künftig für Polizeiarbeit zur Verfügung stellen werde.

Ministerpräsidentin äußert Sorge

Ministerpräsidentin und SPD-Landeschefin Manuela Schwesig, die im August bei der jüngsten Ausgabe des Festivals "Jamel rockt den Förster" selbst vor Ort gewesen war, zeigte sich besorgt über die Ereignisse. Es sei wichtig, dass alle Kräfte im Kampf gegen den Rechtsextremismus zusammenstehen, sagte Schwesig in Schwerin.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 12.09.2018 | 13:00 Uhr

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