Zwei Pflegefachkräfte in Schutzkleidung arbeiten auf einer Intensivstation (Themenbild). © picture alliance/Marcel Kusch/dpa Foto: Marcel Kusch

Intensivmediziner in MV: Werden Pflegekräfte das Nadelöhr?

Stand: 08.11.2020 14:45 Uhr

Wie gut ist die Intensivmedizin in Mecklenburg-Vorpommern in der zweiten Corona-Welle aufgestellt? Aktuell versuchen die Kliniken im Land, den normalen Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten.

Von den 37 Kliniken im Land sind 29 für die Erstaufnahme von Covid-19-Patienten vorgesehen. Insgesamt stehen dabei 512 Beatmungsplätze zur Verfügung. Weitere 1.000 können als Reserve aktiviert werden. Um die Verteilung der Covid-19-Patienten auf die Kliniken kümmern sich vier Koordinierungsstellen - in Schwerin, Rostock, Greifswald und Neubrandenburg. Die vier Zentren stehen täglich in Kontakt. Sie wissen genau, welches Intensivbett im Land auch wirklich zur Verfügung steht.

Mediziner: Intensivbettenregister zeigt Schwächen

Deutschlandweit werden alle verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten in einer zentralen Datenbank aufgelistet. Ziel dieses Registers ist es, Beatmungsbetten und die Behandlung von akutem Lungenversagen zu beziffern. Doch dieses Register hat Schwächen, sagt der Chef der Intensivmedizin an der Uniklinik in Greifswald, Professor Klaus Hahnenkamp: "Da werden die Intensivbetten gezählt, die Beatmungsmaschinen. Aber nicht, ob diese Betten auch tatsächlich mit Personal hinterlegt sind. Und ehrlich gesagt, was wir vor allem brauchen ist Personal, was diese Betten betreut, Pflegekräfte, Ärzte. Und die sind darin nicht gezählt."

Register: Krankenhäuser melden Kapazitäten

Die Betreiber des DIVI-Registers (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) widersprechen dieser Einschätzung: "Uns werden tagesaktuell ausschließlich Intensivbetten gemeldet, die auch betreibbar sind, zu denen es also auch die entsprechenden Geräte und das qualifizierte Personal gibt", sagt DIVI-Sprecher Torben Brinkema. Die teilnehmenden Krankenhäuser melden ihre Kapazitäten demnach täglich, nachdem sie das Personal disponiert haben.

VIDEO: Ist die Intensivmedizin für die neue Corona-Welle gerüstet? (10 Min)

Kliniken wollen normalen Betrieb aufrechterhalten

Momentan werden in allen Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern nur wenige Intensivbetten für Covid-19-Patienten freigehalten. Solange es die Lage erlaubt, werden auch keine geplanten Operationen verschoben, wie es im Frühjahr der Fall war. Vorerst wollen die Kliniken den normalen Krankenhausbetrieb aufrechterhalten.

Intensivmediziner: Ressource Pflegekräfte wird Nadelöhr werden

Professor Daniel Reuter, Leiter der Anästhesiologie und Intensivtherapie an der Universitätsklinik Rostock sagte im Interview mit dem NDR Nordmagazin, man sehe auch in Mecklenburg-Vorpommern die steigende Zahl an Menschen, die sich infiziert haben "Dementsprechend sehen wir auch steigende Zahlen an Menschen, die in die Krankenhäuser kommen. Die Lage ist noch kompensiert, wir haben noch eine Situation ähnlich wie im Frühjahr, aber (...) wir sollten zusehen, dass es nicht noch weiter ansteigt." Die Intensivbetten, die derzeit genutzt würden, seien personell gut ausgestattet. Aber, wenn mehr Patienten intensivmedizinische Behandlung bräuchten, dann werde die Ressource Pflegekräfte das Nadelöhr werden. "Wir haben im Frühjahr noch zusätzlich Personal geschult, selbstverständlich - das kann natürlich eine voll ausgebildete Intensivschwester oder einen voll ausgebildeten Intensivpfleger nicht kompensieren."

Ärzte: Corona-Behandlung heute vielschichtiger als im März

Professor Johann Christian Virchow, Leiter der Pneumologie an der Universitätsmedizin Rostock, sagte, die Maßnahmen die man heute ergreifen könne seien vielschichtiger als im März, als man noch überhaupt keine Erfahrung mit der Krankheit hatte. "Die wesentlichen Aspekte sind einerseits eine Atmungs- oder Sauerstoffaufnahme sicherstellen - im schlimmsten Fall durch eine invasive Beatmung, dann, wie man das nennt, mit einem künstlichen Koma. Das zweite Wichtige, was wir gelernt haben, ist, dass es wichtig ist, dass wir die Blutgerinnung hemmen, weil es zu Thrombosen, also zu Blutgerinnseln kommt in der Lunge oder auch im Rest des Körpers. Und das Dritte ist, dass man das Immunsystem, das offenbar bei vielen Patienten, die schwer krank werden, überschießend reagiert, dass man das unterdrückt."

Schwerste Fälle mit sogenannter "ECMO" behandelt

Die ECMO pumpt das Blut des Patienten aus dessen Körper heraus, reichert es dort mit Sauerstoff an und pumpt es dann wieder zurück in den Körper. Das Gerät kann also für einige Zeit die Lunge ersetzen - gerade bei Covid-19-Patienten mit schwerem Verlauf. Die ECMO-Beatmung birgt viele Risiken. Da sie den gesamten Kreislauf beeinflusst, bedarf eine solche Behandlung eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit sehr viel Personal, sagt Professor Matthias Heringlake, Chef der Intensivmedizin am Klinikum Karlsburg: "Es gibt im skandinavischen Raum so ECMO-Einheiten, da wird Personal vorgehalten, dass man drei Pflegekräfte für so einen Patienten hat. Davon sind wir weit entfernt, da wir nicht genügend Pflegekräfte zur Verfügung haben." Die ECMO-Beatmung kann Leben retten, wo andere Verfahren nicht mehr helfen. Deutschlandweit hängen derzeit 241 Patienten an einer solchen Maschine. Etwa 500 ECMOs stehen noch zur Verfügung.

Kliniken in MV gut vernetzt

Intensivmediziner Professor Daniel Reuter, sagte im NDR Nordmagazin, man sei diesbezüglich prinzipiell gut aufgestellt. Diese Spezialgeräte würde es vor allem in den Schwerpunktzentren geben, aktuell habe man keinen einzigen Covid-Patienten in Mecklenburg-Vorpommern an der ECMO. "Wir haben das hier in Mecklenburg-Vorpommern sehr früh gemacht, im Frühjahr, dass wir das Bundesland aufgeteilt haben in vier Cluster, um den regionalen Informationsfluss zu optimieren. In der Tat: Wir haben vier Cluster mit je einem Clustermanager, was ein erfahrener Intensivmediziner ist - ich darf das für die Region Rostock vertreten. Wir kommunizieren letztendlich jeden Tag - wie ist die Situation in den verschiedenen Häusern im Cluster, um uns, wenn es notwendig ist, auch gegenseitig unter die Arme zu greifen."

Wen erfasst die Statistik?

In der täglichen Corona-Statistik des LAGuS sind nur Menschen erfasst, die in Mecklenburg-Vorpommern ihren Erstwohnsitz haben. Das LAGuS gibt darüber hinaus regelmäßig Berichte über Infektionen bei Gästen heraus. Das sind all jene Menschen, bei denen eine Infektion in Mecklenburg-Vorpommern festgestellt wurde, die aber keinen Erstwohnsitz im Land haben.

Karte nach gewichteten Ampelstufen eingefärbt

Die grafische Aufbereitung als Landkarte zeigt die Ampelstufen der risikogewichteten Karte des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Die Zahlenwerte zeigen den Inzidenzwert jeder Region. Die Einfärbung des jeweiligen Bereichs orientiert sich aber an der risikogewichteten Karte: dabei finden auch die Anzahl der Patienten im Krankenhaus und auf Intensivstationen eine Rolle. Dies soll einen genaueren Überblick auf das Infektionsgeschehen in Mecklenburg-Vorpommern ermöglichen. Der Inzidenzwert allein hat darum nicht allein Einfluss auf die Ampelstufenfarbe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 08.11.2020 | 13:00 Uhr

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