Hilfen für Kinder und Jugendliche in DDR-Behinderteneinrichtungen

Stand: 17.06.2021 17:19 Uhr

Seit 2017 haben sich bei der Schweriner Anlaufstelle der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" rund 1.700 Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern gemeldet. Das waren deutlich mehr als ursprünglich erwartet. Nun endet die Frist zur Anmeldung bei der Stiftung.

Registrieren ließen sich bis jetzt über 300 Betroffene, die als Kinder und Jugendliche in der DDR als Gehörlose oder Schwerhörige Leid und Unrecht erlitten haben. "Wilhelm" ist 1959 taub zur Welt gekommen. Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit begleitet seine Familie über Generationen. Ältere Verwandte sind ebenso betroffen wie sein Bruder, seine Kinder und Enkel. "Wilhelm" möchte seinen richtigen Namen nicht veröffentlichen. Er ist einer der rund 300 Betroffenen, die sich bei der Stiftung "Anerkennung und Hilfe" gemeldet haben, um ihre Lebensgeschichte los zu werden, endlich Anerkennung und Hilfe zu erfahren. Aufmerksam geworden ist er auf die Leistungen der Stiftung durch einen Flyer, der beim Gehörlosenverband auslag.

"Ich kam mir vor wie im Gefängnis!"

Aufgewachsen ist Wilhelm in einem 400-Seelen-Dorf. Seine Eltern können keine Gebärdensprache, als er fünf Jahre alt ist bringen sie ihn in die Gehörlosenschule Güstrow. "Wilhelm" wächst nun im Internat auf und versteht die Welt nicht mehr. Niemand kann ihm damals erklären, warum er plötzlich von zu Hause weg musste. Der Junge hat Heimweh, der Kontakt zu seinem älteren Bruder, der ebenfalls in Güstrow ist, wird unterbunden. "Ich kam mir vor wie im Gefängnis", so beschreibt er diese Zeit. Gebärdensprache wird in der Gehörlosenschule kaum unterrichtet. Die Kinder sollen sprechen und Lippen lesen lernen. Auf Biegen und Brechen. "Wilhelm" erinnert sich an Strafen, auch Schläge mit dem Stock und an einen Lehrer, der regemäßig betrunken im Unterricht erschienen ist.

"Schulzeit nur abgesessen!"

In der Geschäftstelle der Landebeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur ist die Anlaufstelle der Stiftung Anerkennung und Hilfe angesiedelt. Anne Drescher kennt viele solcher Geschichten und sagt, sehr wenige sehbehinderte, aber überraschend viele gehörlose Betroffene wie "Wilhelm" hätten sich gemeldet. "Wenn Sie sich vorstellen, wie viele uns hier erzählt haben, dass sie die Schulzeit nur abgesessen haben!", erzählt sie, "viele sind völlig ohne Kenntnisse in Bereichen wie Biologie, Chemie, Mathematik". Das sei ein lebenslanger Nachteil, den die Stiftung abzufedern versucht, auch durch eine finanzieller Einmalleistung. Die hat auch "Wilhelm" erhalten, er fühlt sich nun entschädigt.

Anlauf- und Beratungsstellen der Stiftung "Anerkennung und Hilfe"

Niedersachsen
Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie
Anlauf- und Beratungsstellen in Hannover, Braunschweig und Oldenburg
E-Mail: Stiftung@ls.Niedersachsen.de
Tel. Hannover: (0511) 897 01-172
Tel. Braunschweig: (0531) 70 19-165
Tel. Oldenburg: (0441) 22 29-760 oder -761

Mecklenburg-Vorpommern
Anlauf- und Beratungsstelle bei der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur (Schwerin)
E-Mail: stiftung@lstu.mv-regierung.de
Tel: (0385) 55 15 69 01

Schleswig-Holstein
Anlauf- und Beratungsstelle beim Landesamt für Soziale Dienste in Schleswig-Holstein (Neumünster)
E-Mail: antje.christiansen@lasd.landsh.de und britta.toelch@lasd.landsh.de
Tel. (04321) 913 -753 oder -751

Hamburg
Anlauf- und Beratungsstelle beim Versorgungsamt Hamburg
E-Mail: stiftung-anerkennung-hilfe@basfi.hamburg.de
Tel. (040) 115

Tränenreiche Beratungsgespräche

Viel wichtiger als das sei jedoch gewesen, dass seine Geschichte endlich anerkannt worden sei. Seine Geschichte ist nun in einer virtuellen Ausstellung zu sehen und in einer Publikation der Landesbeauftragten nachzulesen. Oft seien die Beratungsgespräche tränenreich, erzählt Anne Drescher. Und eine Entlastung, oft nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Familien. "Wilhelms" Tochter, selbst schwerhörig, kann sich ein Leben ohne Gebärdensprache nicht vorstellen. "Ich wäre verloren", sagt sie und gebärdet dabei. "Ich habe die Geschichte von meinem Papa gelesen und am Ende hab' ich geweint, mir ist da klar geworden, warum mein Papa so geworden ist!".

Die Zeit läuft: Frist endet am 30. Juni

"Wilhelm" empfiehlt anderen Betroffenen, sich an die Stiftung zu wenden. Die Zeit läuft. Denn nach mehrmaliger Verlängerung endet die Frist für die Anmeldung am 30. Juni. "Wir fürchten uns wirklich ein wenig davor, was im Juli und im August und in den Folgemonaten passiert", sagt Anne Drescher. Denn viele Anspruchsberechtigte könnten sich verspätet melden. Sie würden auch weiterhin beraten, könnten aber keine Einmalleistung mehr beantragen. Betroffene, die in der DDR als Kinder und Jugendliche Leid und Unrecht in sonderpädagogischen Einrichtungen, Behinderteneinrichtungen sowie in Psychiatrien erlebt haben, sind anspruchsberechtigt. Für eine Registrierung reicht ein Anruf, eine E-Mail oder aber ein Brief an die Stiftung.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 17.06.2021 | 19:30 Uhr

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