Stand: 02.08.2018 11:50 Uhr

Helios: Ärztemangel führt zu OP-Absagen

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

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Patienten ohne Ärzte: Die Helios-Klinik in Schwerin bekommt ihren Ärztemangel offenbar nicht in den Griff.

Das landesweit größte privat-wirtschaftlich geführte Krankenhaus - die Helios-Klinik in Schwerin - bekommt den Ärztemangel nicht in den Griff. Nach Informationen von NDR 1 Radio MV ist die Lage in der Anästhesie-Klinik besonders schwierig. Fest vereinbarte Operationstermine mussten bereits abgesagt werden. Wegen Arbeitsüberlastung und eines offenbar schlechter gewordenen Betriebsklimas haben in den vergangenen Monaten viele Narkose-Ärzte gekündigt, darunter etliche erfahrene. "Wir brauchen Jahre, um den Verlust auszugleichen", sagte ein erfahrener Mediziner. Der ökonomische Druck nehme zu, berichten Ärzte in Gesprächen mit dem NDR. Aus Angst vor beruflichen Nachteilen wollen sie anonym bleiben.

Ein Zugang, der von einer Spritze gefüllt wird.

OP-Absagen wegen Ärztemangel in Helios-Klinik

Nordmagazin -

In der Schweriner Helios-Klinik herrscht Ärztemangel - vor allem im Bereich Anästhesie. Operationen müssen teilweise abgesagt werden. NDR Redakteur Stefan Ludmann im Gespräch.

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Fach- oder Oberärzte oftmals nur in Rufbereitschaft

Eine Krankmeldung, so heißt es, bringe das ganze Dienstplan-System ins Wanken. Immer mehr junge und unerfahrene Kollegen - auch ohne Approbation, aber mit Berufserlaubnis - müssten zum Teil auch bei schwierigen Operationen wie Lungen-Operationen über die Narkose wachen. Die nötige Betreuung durch Fach- oder Oberärzte sei nicht immer gegeben, das gelte auch für Unfall-Patienten. So seien in den sechs nebeneinander liegenden Operationssälen auch gelegentlich nur Assistenzärzte tätig, der aufsichtführende Fach- oder Oberarzt sei in der darunter liegenden Etage beschäftigt und nur in Rufbereitschaft. Bei internen Beschwerden werde versucht, die Nachwuchsmediziner zu gängeln und mundtot zu machen.

Kommt die medizinische Ausbildung zu kurz?

Der Ärztegewerkschaft Marburger Bund ist das Problem bei Helios schon seit einiger Zeit bekannt: "Aus dieser Einrichtung haben wir zahlreiche Anfragen unserer Mitglieder", erklärte Geschäftsführer Lars Grabenkamp. Es gehe dabei um Hinweise, "dass die ärztliche Besetzung nicht ausreichend ist". Die besondere Situation in der Anästhesie bestätigt auch die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di: "Wir haben im ärztlichen Bereich viele, die noch nicht die Kompetenz haben für die Dinge, die sie machen", so Daniel Taprogge, zuständiger Sekretär bei ver.di. Der Präsident der Ärztekammer, Andreas Crusius, hatte jüngst im Mitteilungsblatt seiner Organisation beklagt, dass durch den ökonomischen Druck die Ausbildung des Ärztenachwuchses und der Krankenschwestern zu kurz komme. "Tagtäglich werden junge Kolleginnen und Kollegen zu Tätigkeiten herangezogen, die sie nicht eigenverantwortlich durchführen können", so Crusius.

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Bereits geplante Operationen abgesagt

Nach NDR-Informationen mussten bei Helios in Schwerin bereits geplante Operationen abgesagt werden, offenbar waren die intern ausgegebenen Planzahlen zu optimistisch angesichts der Stellensituation. Helios-Geschäftsführer Thomas Rupp bestätigt, dass in den ersten fünf Monaten dieses Jahres etwa 90 Operationen ausgefallen sind, die Zahl habe aber schon höher gelegen. Angesichts von 2.200 durchgeführten Operationen in diesem Zeitraum sei das ohnehin eine kleine Größe. Der Helios-Geschäftsführer gesteht dennoch ein: "Für den Patienten ist das schlimm, für einen OP-Termin einbestellt worden zu sein und diesen dann nicht zeitgerecht durchgeführt bekommen zu haben." Der Ausfall habe mit der Grippe-Welle im Frühjahr zu tun, von der auch die eigenen Mitarbeiter betroffen gewesen seien.

Vier Arzt-Stellen momentan nicht besetzt

Rupp räumte ein, dass eine Ursache Personalmangel ist. "Der Stellenplan in der Anästhesie ist nicht ausgeschöpft", meinte er. Vier Arzt-Stellen seien aktuell nicht besetzt, wenn andere intern behaupteten, 20 Stellen seien offen, dann sei das schlicht falsch, der Klinikchef sprach offensiv auch Gerüchte an, nach denen bei Helios Mediziner ohne Berufserlaubnis arbeiten würden. "Dem muss ich widersprechen".

Pflegepersonal beklagt Arbeitsüberlastung

Rupp warb angesichts des schwierigen Mediziner-Arbeitsmarktes auch um Verständnis: Helios müsse sich der Herausforderung stellen, junge Menschen, die frisch in den Beruf kommen - ob aus Deutschland oder dem Ausland - in die Arbeitsprozesse zu integrieren. Wichtig sei die Sicherheit der Patienten, dazu müssten ihnen jederzeit erfahrene Kollegen zur Verfügung stehen. Die Situation in der Anästhesie hat jüngst auch eine Rolle bei einer Betriebsversammlung gespielt. Das Pflegepersonal beklagte dabei Arbeitsüberlastung, auch ein Arzt kritisierte die Lage in der Fachabteilung. Klinikchef Robert Hanß sagte, die Dinge seien in den vergangenen Monaten besser geworden. Das habe auch die Ärztekammer anerkannt.

Gewinne bei Helios steigen

Bei Helios in Schwerin arbeiten 2.500 Beschäftigte. Die Klinik hat nach NDR-Informationen im vergangenen Jahr einen Gewinn von 32,7 Millionen Euro erwirtschaftet, eine Million mehr als im Jahr zuvor. In der Vergangenheit hatten bereits Probleme in der Augenklinik Schlagzeilen gemacht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.08.2018 | 06:00 Uhr

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