Stand: 21.03.2019 15:41 Uhr

Heiter bis gefährlich: Weltraumwetter aus Neustrelitz

Seit über 100 Jahren lauschen in Neustrelitz Wissenschaftler in den Äther und das All. Was 1913 mit einer Versuchsfunkstelle begann, ist heute eine hochspezialisierte Forschungseinrichtung. In der Außenstelle des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums wird an Projekten gearbeitet, die weltweit Einfluss haben. Eines davon ist die Erforschung des Weltraumwetters.

Ein Teleskop von der DLR.

Weltraumwetter wird in Neustrelitz erforscht

Nordmagazin -

Die Genauigkeit von Navigationsgeräten hängt vom Weltraumwetter ab. Um dies genauer zu erforschen, entsteht am Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum in Neustrelitz ein Institut dafür.

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Vor 160 Jahren gab es den letzen extremen Vorfall, der die Experten des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) bis heute schaudern lässt: das Carrington-Ereignis. Auf der Sonne kam es damals zu heftigen Sonneneruptionen. Wenige Stunden später ist das gesamte Telegraphen-Netz der Erde zerstört. Heute würde ein solches Weltraum-Wetterextrem die ganze Welt in Chaos stürzen. Die Bordelektronik von Flugzeugen würde lahmgelegt, Telefon- und Datennetze zerstört. Die energiereiche Partikelstrahlung hätte auch weltweite Auswirkungen auf Krankenhäuser, Atomkraftwerke, Börsen und Militäreinrichtungen. Im Sommer 2012 entging die Erde diesem Szenario nur knapp. Die Sonne spuckte Billionen Tonnen magnetisiertes Plasma ins All, allerdings dicht an unserem Planeten vorbei.

"Überall wo Satelliten im Spiel sind, droht Gefahr"

Es muss nicht gleich die große Katastrophe sein - auch alltägliche, kleine Sonnenstürme haben Einfluss auf unseren Alltag. "Überall dort, wo Satelliten im Spiel sind, droht Gefahr", sagt Jens Berdermann, Gruppenleiter am Institut für Kommunikation und Navigation. Spuckt die Sonne Plasma ins All, stört dies GPS-Satelliten, und Navigationssysteme werden ungenau. Ganz extreme Wetterereignisse könnten Satelliten auch zum Absturz bringen. Gefährlich ist das vor allem für die Navigation in Anwendungsgebieten, in denen absolute Präzision benötigt wird. Der Flugbetrieb sei ein Beispiel, aber mit zunehmender Technisierung werde das Problem immer größer. Schon heute pflügen GPS-gesteuerte Trecker die Felder und auch selbstfahrende Autos werden immer realer.

Fast 100 Jahre Forschungstradition

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Bis zu 100 Kilometer weit reichte das Signal bei der Gründung 1913. Heute ist die neueste Antenne auf einen Satelliten ausrichtet, der in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung die Sonnenaktivität beobachtet.

Die Erforschung des Einflusses der Sonne auf irdische Technik in Neustrelitz geht zurück bis in die 1920er-Jahre. Zuvor wurde der Einfluss von elektromagnetischen Wellen auf die Funktechnik für die Deutsche Post erkundet, im Februar 1923 geht die 1913 gegründete Versuchsfunkstelle des Kaiserlichen Telegraphenversuchsamtes Neustrelitz bereits in die Geschichte ein.

Die Versuchsfunkstelle Neustrelitz, Techniker in Gräfeling bei München und eine Funkstelle in Riverhead bei New York protokollierten während eines internationalen Großversuchs über mehrere Tage das Zeitzeichen des französischen Senders Lyon. Dabei traten in Neustrelitz protokollierte Funkstörungen zu 98 Prozent auch bei München und New York auf. Die Sonne wurde dabei als wesentlicher Faktor identifiziert. Diese wissenschaftliche Sensation wird zu den Anfängen der eigentlichen Weltraumwetter-Forschung gezählt.

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Weltraumwetter aus Neustrelitz

Norbert Jakowski beschäftigt sich seit 1974 mit dem Weltraumwetter und war bis zu seiner Pensionierung Gruppenleiter der Neustrelitzer Weltraumwetter-Forscher. Alles, was auf der Sonne passiere, habe direkte Folgen in der Ionosphäre unseres Planeten. "Und die können dramatisch sein", ergänzt Berdermann, sein Nachfolger am Institut in Neustrelitz.

Weiß man vorher, wie stark ein Plasma-Sturm wird, kann möglichen Störungen entgegengewirkt werden. Um die Qualität der Vorhersagen zu verbessern und weiter Grundlagenforschung zu betreiben, wird in der Außenstelle des DLR in Neustrelitz derzeit eine Weltraumwetterstation errichtet. Berdermann will zukünftig in der Lage sein, mit einer Vorlaufzeit von 30 bis 60 Minuten nicht nur die Stärke eines Sonnensturmes vorhersagen zu können. Er hofft, mit einer Mischung aus Grundlagenforschung und angewandter Forschung Modelle entwickeln zu können, die Vorhersagen ermöglichen, die mit der Genauigkeit des heutigen Wetterdienstes mithalten können.

Selbstnavigierende Schiffe und Gefahrenanalysen

Für den Bremer Flughafen erstellten die Neustrelitzer Forscher eine kosmische Gefahrenanalyse. Aufgrund langjähriger Messungen in der Umgebung Bremens konnten sie das Ionosphärenwetter oder das Weltraumwetter einschätzen. "Wir haben also die schlechtesten Bedingungen herausfiltern können und gesagt: Das sind so die schlechtesten Fälle - bitte berücksichtigt das bei der Landung", so Berdermann. Ein anderes Projekt bereitet die Zukunft der Binnenschifffahrt vor. Derzeit ist ein Assistenzsystem für selbstfahrende Schiffe im Bau, in spätestens zweieinhalb Jahren soll der Prototyp testreif sein. In Zukunft sollen Schubverbände komplett allein in Schleusen ein und ausfahren können.

Eine Grafik zeigt den Einfluss von Sonnenstürmen auf das Magnetfeld der Erde und Satelliten. © ESA-P. Carill Foto: ESA-P. Carill

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Das Weltraumwetter hat Einfluss Satelliten, die GPS-Daten für Navigationssysteme liefern. Eine präzise Vorhersage für den Flugverkehr, die Schiffahrt und autonomes Fahren wird immer wichtiger.

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