In einer Geburtsstation in Hannover liegt ein Säugling in einem Bett. © NDR Foto: Julius Matuschik

Gutachten schlägt weniger Geburtsstationen vor

Stand: 08.04.2021 05:40 Uhr

Genau 69 Einzelmaßnahmen listet ein Gutachten im Auftrag des Landtags auf, um das Gesundheitswesen fit für die Zukunft zu machen. Vieles klingt bekannt, einiges ist neu. Für Unmut könnte der Vorschlag sorgen, Geburtsstationen zu zentralisieren.

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Der Streit um die Zukunft der Geburtsstation und der Gynäkologie am Krankenhaus in Crivitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim) war der Auslöser: Im Mai 2010 rief der Landtag eine Enquete-Kommission zur "Zukunft der medizinischen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern" ins Leben. Das Gremium aus Abgeordneten aller Fraktionen und Experten sollte sich Gedanken machen, wie das Gesundheitssystem aussehen muss, um die Menschen im Land gut zu versorgen. Herzstück sollte ein Gutachten sein. Und dieses Papier wird der Runde heute vorgestellt. Das Gutachten liegt NDR 1 Radio MV im Entwurf vor.

Sanfter Umbau der Versorgung

Die Experten des "Institute for Health Care Business" (HCB) aus Essen in Nordrhein-Westfalen schlagen einen sanften Umbau der medizinischen Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern vor. Das Gesundheitssystem müsse auf eine immer älter werdende Bevölkerung reagieren, heißt es in dem Papier. Ziel müsse sein, eine gute medizinische Versorgung sicherzustellen - trotz geringer Wirtschaftskraft, größer werdenden Finanzdrucks und Fachkräftemangels. HCB agiert auf dem Gesundheitsmarkt vor allem als Berater für Krankenhäuser.

"Digital vor ambulant vor stationär"

Einiges klingt altbekannt: Medizinische Angebote müssten leicht erreichbar sein, beispielsweise durch Rufbusse. Der Rettungsdienst müsse moderner und landkreisübergreifend werden, Telemedizin sollte ausgebaut werden. Anderes scheint dagegen ungewöhnlich: Die Kurzzeitpflege und Apotheken ("Apotheke plus") sollten stärker in die Behandlung Kranker einbezogen werden. Erste Anlaufstelle für Patienten - so das Gutachten - müsste ein integriertes Gesundheitszentrum (IGZ) sein, das fachärztliche Angebote bündele. Für diese Basisversorgung würden sich auch kleine Krankenhäuser eigen. Schon jetzt würden Zweidrittel aller Behandlungsfälle zur Basisversorgung gehören, die meist von kleineren und mittleren Krankenhäusern übernommen werde. Wo immer möglich, müssten Angebote zusammengefasst werden unter dem Motto: "Digital vor ambulant vor stationär".

Sinkende Geburtszahlen

In jedem Landkreis - so die Experten - sollte ein großes Krankenhaus als Regionalversorger auftreten. Spezialfälle könnten in den Groß-Kliniken in Schwerin und Rostock, Greifswald und Neubrandenburg versorgt werden, ebenso in den Fachkliniken. Die Krankenhauslandschaft wollen die Experten offenbar nicht umkrempeln: Im Land seien die Möglichkeiten für Konzentration fast ausgereizt, so das Gutachten. Die Experten schlagen allerdings weniger Geburtsstationen vor. Die Geburtsvorbereitung könne wohnortnah stattfinden, die Entbindungen dann aber in größeren Zentren erfolgen. Ein Grund sei die sinkende Zahl der Geburten. Der Erhalt möglichst vieler Geburtshilfen ist im Land seit der Debatte um den Standort Wolgast ein Politikum - das Gutachten stärkt die Seite derjenigen, die eine Zentralisierung befürworten.

Abbau der Bürokratie

Ungewöhnliche Wege empfiehlt das Gutachten für "Problemregionen", in denen die Gesundheitsversorgung gefährdet ist. Dort müssten Landkreise und Krankenkassen mehr "Gestaltungsfreiheit" bekommen. Das Gesundheitswesen sei überreguliert und biete deshalb wenig Raum, "neue Versorgungsformen zu erproben." Einen Abbau von Bürokratie schlägt das Gutachten auch vor, um mehr medizinisches Personal zu gewinnen. Dienstpläne könnten zuverlässiger werden, der Berufsalltag werde planbarer. Das mache Gesundheitsberufe attraktiver. Eine Hoffnung der Gutachter: Wenn das Personal mehr Verantwortung bekomme, die Tätigkeiten dadurch vielfältiger würden und es mehr Karrierechancen gebe, dann sinke auch die Teilzeit-Quote.

Vorschläge mit empfehlenden Charakter

Die Enquete-Kommission unter dem Vorsitz des SPD-Sozialexperten Jörg Heydorn kann dem Landtag nur Vorschläge machen - die haben empfehlenden Charakter. In der vorherigen Wahlperiode hatte der Landtag eine Kommission eingesetzt, die sich mit den Folgen einer älter werdenden Bevölkerung auseinandersetzte. Ein Vorwurf der Opposition lautete im Nachgang, dass viele Vorschläge in der Schublade landeten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.04.2021 | 07:00 Uhr

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