Güstrow: Bleiben SED-Funktionäre Ehrenbürger?

Stand: 27.11.2020 08:10 Uhr

30 Jahre nach der Deutschen Einheit wird in Güstrow über die Aberkennung von Ehrenbürgerschaften für drei hochrangige SED-Funktionäre diskutiert.

von Sabine Frömel


Angestoßen hat die Diskussion der Bürgermeister der Barlachstadt, Arne Schuldt (parteilos), im Mai 2019. Bei der Einweihung eines Gedenksteines für die Opfer stalinistischer Willkür äußerte Schuldt in einem Nebensatz, dass man über drei Ehrenbürgerwürden nachdenken müsse. Damit stellte er die früheren Auszeichnungen der hohen SED-Funktionäre Bernhard Quandt (1903 - 1999), Klaus Sorgenicht (1923 - 1999) und Johannes Warnke (1896 - 1984) zur Diskussion. In Güstrow wurden sie am 8. Mai 1965 anlässlich des 20. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus zu Ehrenbürgern ernannt. Alle drei haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre politische Karriere in Güstrow begonnen oder fortgesetzt.

"Verantwortlich für Enteignungen und Schauprozesse"

Im November 2019 stellte der pensionierte Lehrer Ulrich Schirow den Antrag auf Aberkennung dieser Ehrenbürgerschaften. Sie seien mit verantwortlich für staatliches Unrecht nach Kriegsende und zu DDR-Zeiten - unter anderem für Enteignungen, Vertreibungen und Schauprozesse. Als hohe Funktionsträger seien sie in die Machtstrukturen der SED eingebunden gewesen. Schirow beruft sich auf die Satzung der Stadt Güstrow zur Verleihung und Beendigung des Ehrenbürgerrechts. Dort heißt es im Paragraph 4: "Strafbare Handlungen sowie schwerwiegende Verstöße gegen Grundsätze der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte führen zur Aberkennung des Ehrenbürgerrechts."

VIDEO: Diskussion über Ehrenbürgerschaften dreier SED-Funktionäre (4 Min)

Ex-SED-Funktionär sammelt für seine früheren Genossen

Wilfried Schubert hingegen sammelt seit Monaten Unterschriften für den Erhalt der Ehrenbürgerwürden. Der 80-jährige war in der DDR Zweiter Sekretär der SED-Kreisleitung. 730 Menschen hätten bereits unterschrieben, sagt Schubert. Er argumentiert, dass sich Quandt, Sorgenicht und Warnke gegen den Faschismus gestellt und dafür teilweise auch in Zuchthäusern und Konzentrationslagern gesessen hätten. Für ihn seien sie "Protagonisten des Neuanfangs" in Güstrow gewesen. Bis Ende Oktober 2020 konnten sich die Güstrower schriftlich für oder gegen eine Aberkennung aussprechen. Inklusive der Unterschriftenlisten seien mehr als 120 Meinungsäußerungen im Rathaus eingegangen, so eine Sprecherin der Stadt. Die Stadtvertretung wird im kommenden Jahr entscheiden, ob Klaus Sorgenicht, Bernhard Quandt und Johannes Warnke Ehrenbürger der Stadt Güstrow bleiben – oder nicht. Güstrow hat derzeit 18 Ehrenbürger. Dazu zählen auch der Bildhauer und Schriftsteller Ernst Barlach, Altbundeskanzler Helmut Schmidt und der Schriftsteller John Brinckman.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.11.2020 | 05:45 Uhr

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