Stand: 27.04.2020 14:05 Uhr

Grenze zu Polen dicht: Bedrohte Lebensentwürfe

Demonstration an der deutsch-polnischen Grenze © NDR Foto: NDR
Die Grenzschließung belastet das Alltagsleben der Grenzpendler, der Zusammenhalt aber wächst.

Seit sechs Wochen ist die deutsch-polnische Grenze praktisch dicht. Wer von Deutschland nach Polen einreist, muss zwei Wochen in Quarantäne. Für Berufspendler bedeutet das: Entweder verzichten sie auf ihren Job oder auf ihre Familie - eine echte Zwickmühle, die viele insbesondere in Vorpommern und im Großraum Stettin betrifft.

Mitten im Wald steht wieder ein Stacheldrahtzaun

So etwa die Reiterhof-Betreiberin Cornelia Brauer aus der Nähe von Löcknitz. Die Hälfte ihrer Kunden sind Polen. Seit sechs Wochen können sie nicht mehr kommen. Und mitten im Wald steht plötzlich wieder ein Stacheldrahtzaun. "Ich war schon ein bisschen erschrocken, als wir das letzte Mal hier entlang geritten sind. Das hier alles mit Stacheldraht zu ist." Nicht einmal im Traum hätte sie daran gedacht, dass die Grenze wieder geschlossen sein würde.

Grenzpendler: Lebensentwürfe zerbrechen

Die Corona-Krise stelle Gewissheiten in Frage, sagt Katarzyna Werth. Die junge Frau wuchs im polnischen Nowe Warpno auf und lebt seit einigen Jahren in Löcknitz, wo sie auch ihr Abitur machte: "Die individuellen Lösungen, die wir uns über Jahre entwickelt haben: Arbeit dort, Wohnung hier, Zahnarzt dort oder Kind zur Schule dort - all das ist so verflochten, miteinander zusammengewachsen." Es seien viele Lebensentwürfe, die jetzt gerade kaputtgingen, so Werth weiter.

Polen demonstrieren auf der deutschen Seite der Grenze

Am Freitag hatte sie deshalb eine Demonstration am verrammelten Grenzübergang Linken organisiert. "Ich glaube, das ist ein Präzedenzfall in der Geschichte überhaupt, dass überwiegend polnische Bürger auf der deutschen Seite - auf deutschem Boden - protestieren." Aber es gebe auch sehr viel Solidarität von den deutschen Mitbürgern. "Ich finde, was uns nicht kaputt macht, macht uns stark", sagt sie.

Ärger über fehlende Passierscheine

Rund 7.000 Menschen pendeln in der Euroregion Pomerania regelmäßig über die Grenze. Zu ihnen gehört auch der Stettiner Anwalt Rafal Malujda. Vor drei Jahren baute er in Löcknitz ein Haus, lebt dort mit seiner Familie. Malujda ärgert sich, dass es für solche Krisenzeiten keine Passierscheine für Pendler gibt. Solche gäbe es zum Beispiel zwischen Deutschland und Frankreich. Malujda hofft, dass die Corona-Krise nun ein Problem-Bewusstsein dafür schaffe. "Diese Krise könnte man als Gelegenheit dafür nutzen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert." Die Politiker auf beiden Seiten der Grenze seien das den Bürgern schuldig.

"Wir sind alle Vorpommern"

Der Löcknitzer Bürgermeister Detlef Ebert (CDU) sieht es ähnlich. 600 Polen leben mittlerweile in der 3.200-Einwohner-Stadt. Jetzt zeige sich schlagartig die enorme Entwicklung der vergangenen Jahre und der Zusammenhalt. "Man merkt wirklich, wie eng die Region zusammengewachsen ist. Dass es gar nicht mehr so problematisch ist, ob du Deutscher oder Pole bist. Denn wir sind alle Vorpommern." Das Zusammengehörigkeitsgefühl stärke das noch mehr. Trotzdem hofft der Bürgermeister, dass die Grenze so schnell wie möglich wieder geöffnet wird.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern | 27.04.2020 | 16:10 Uhr

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