Stand: 12.06.2020 10:20 Uhr  - Nordmagazin

Mehr Hilfe nach fatalen Medikations-Fehlern

von Michael Schmidt

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Dieses Medikament wurde Frauen nach der Entbindung verabreicht.

Ostdeutsche Frauen, die in der DDR Opfer einer kontaminierten Anti-D-Prophylaxe geworden sind, sollen durch die Novellierung eines Gesetzes besser unterstützt werden. Unterstützung ist dringend nötig, denn Tausende Frauen leiden seit Jahrzehnten unter den Folgen dieser medizinischen Behandlung. Frauen mit Rhesusfaktor negativ im Blut erhielten nach einer Entbindung, Fehlgeburt oder Schwangerschaftsunterbrechung die damals gesetzlich vorgeschriebene Anti-D-Immunprophylaxe. Damit sollte einer Unverträglichkeit der Rhesusgruppen zwischen Mutter und Säugling entgegengewirkt werden. Zwischen August 1978 und März 1979 war das per Spritze verabreichte Blutplasma im Serum jedoch kontaminiert. Es enthielt das  Hepatitisvirus einer erkrankten Spenderin. Rund 6.800 junge Frauen wurden mit einem äußerst gefährlichen Erreger infiziert. Verantwortliche des Bezirksinstituts für Blutspende und Transfusionswesen Halle wurden in einem Geheimprozess verurteilt. Doch die geschädigten Frauen erfuhren von der katastrophalen Fehlbehandlung nichts. Ein Skandal, der in der DDR hartnäckig vertuscht wurde.

Kaum ein Tag ohne Schmerzen oder Unwohlsein

Die Folgen für die Frauen waren und sind dramatisch. Birgit Hall aus Steinhagen bei Stralsund ist eine von ihnen. Selten sind die Tage, an denen sie ohne Schmerzen oder Unwohlsein über die Runden kommt. Die Liste ihrer Leiden: "Schwächegefühl, Müdigkeit, Appetitverlust, Übelkeit. Dann Muskel- und Gelenkschmerzen. Was auch immer ganz schlimm ist. Dann Nervosität, Konzentrationsstörungen. Ein- und Durchschlafstörungen."

Kritik am Schreiben aus dem Landesamt

Von der Änderung des Anti-D-Hilfegesetzes, in dem eine neue Bestandsschutzregelung mehr finanzielle Hilfe garantieren soll (AntiDHG, § 7a), hätten sie und andere Betroffene mehr erwartet. Zwar sei es zu begrüßen, dass sich die Bundespolitik ihrer chronischen Erkrankungen annehme. Aber nach wie vor gebe es einen unbegreiflichen und zermürbenden Rechtfertigungsdruck durch die Ämter.

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So teilte das Landesamt für Gesundheit und Soziales MV (LAGuS) einer durch Hepatitis C erkrankten Frau in Rostock mit: "Die durchgeführte Therapie hat zu einem nachhaltigen Erfolg geführt." Der Grad der Schädigungsfolge betrage nunmehr unter 25 - nur noch 10. Dieser vergleichbar niedrige Wert ist das Ergebnis von Gutachten. Die jedoch erfassen fast ausschließlich die Leberwerte. Keine Folgeschäden wie die, unter denen Birgit Hall leidet. Außerdem: je niedriger der Grad der Schädigungsfolge, desto geringer die finanzielle Unterstützung. Gegenüber dem NDR wird das vom LAGuS bestätigt. Dank neuer Medikamente seien die Heilungschancen "auf über 90 Peozent gestiegen. Das hatte zur Folge, dass in einigen Fällen die Entschädigungsleistungen gekürzt wurden oder ganz wegfielen." Die seit Jahrzehnten unter den Folgen von Hepatitis C leidenden Frauen sind darüber empört. Es wäre wunderschön, ginge es ihr so gut wie die amtlichen Gutachten es ihr weismachen wollen, sagt eine Rostocker Patientin.

Beistand vom Verein geschädigter Frauen und vom Rechtsanwalt

Margit Papke kennt all das zur Genüge. Sie ist selbst eine der betroffenen Frauen und sie ist die Vorsitzende des Vereins Anti-D HCV-Geschädigte e.V. Vom überarbeiteten Gesetz ist auch sie enttäuscht. Vor allem deshalb, weil die Frauen immer wieder aufs Neue ihre Erkrankungen nachweisen müssen. Der Grad der Schädigungsfolgen sei bereits vor 2014 "in endgültigen Bescheiden" entsprechend dem Bundesversorgungsgesetz bestätigt worden. Warum werde das nicht anerkannt? Warum müssten sie ständig neue Nachweise erbringen wie schlecht es ihnen gehe? Dennoch ist Margit Papke unbedingt dafür, dass Frauen, die es noch nicht getan haben sollten, entsprechend dem Gesetz einen Antrag auf Entschädigung stellen. „Das ist unser gutes Recht“, bekräftigt sie. Beratend zur Seite steht übrigens auch die Landesbeauftragte für MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Antragsfrist endet am 30. Juni 2020.

Betroffene: Klärung von Ansprüchen dauert zu lang

Hunderte betroffener ostdeutscher Frauen haben sich in den vergangenen Jahren rechtlichen Beistand geholt. Zum Beispiel vom Rostocker Anwalt Ingo Klee, Fachanwalt für Medizinrecht. Klee ist vehementer Kritiker der "Gutachter-Praxis" und der "schleppenden Verwaltungspraxis". Er erlebe immer wieder, dass die Klärung von Entschädigungsansprüchen drei, vier und mehr Jahre dauere. "Solche Erlebnisse traumatisieren die Frauen", stellt er fest. Was die Novellierung des Gesetzes angeht, ist auch er kritisch. Sie decke das wirkliche Krankheitsbild der geschädigten Frauen keineswegs ab. Die Frauen selbst könne er nur bewundern. Sie hätten sich trotz ihrer Leidensodyssee dem Leben gestellt und es überwiegend gemeistert.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 12.06.2020 | 19:30 Uhr

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