Gastronomie in Börgerende, Maik Rossow: "Wie geht es weiter?"

Stand: 14.06.2021 09:08 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt, um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Thorsten Reinke

Maik Rossow hat seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 alles versucht, um sein Restaurant "Waterkant Kitchen" in Börgerende zu halten. Er verkaufte bereits früh eine eigentlich für seine Altersvorsorge gedachte Eigentumswohnung, um seine acht Mitarbeiter weiter beschäftigen und ihnen ihren Lohn zahlen zu können. Im Dezember 2020 hatte er noch gehofft, spätestens zu Pfingsten wieder öffnen zu können.

"Der Restaurantbetrieb war tot"

Die Rohlinge müssen in den Ofen. 6:30 Uhr im Café Koffjeklöön in Bargeshagen. Maik Rossow schiebt die erste Ladung Brötchenteig in den Ofen. "180 passen auf's Blech, das reicht erstmal." Die einzige Bäckerei in der Gegend hatte in der Corona-Zeit dicht gemacht. "Da habe ich mir gesagt: Kann ich auch nochmal Bäcker probieren", so der zweifache Vater. Blaubeer-Mascarpone-Torte mit geraspelten Schokosplittern hat das Café ebenfalls im Angebot, später am Tag auch noch Eis: "original aus Parma, Italien. Zehn Sorten. Der Hit ist das Kaffeeeis mit echtem Espresso", erzählt Rossow. Um 9 Uhr macht er sich auf den Weg nach Börgerende. Eine Angestellte übernimmt den Verkauf im Café. Maik Rossow muss seinen Food-Truck vorbereiten, sein drittes Standbein, um wirtschaftlich irgendwie über die Runden zu kommen. "Der übliche Restaurantbetrieb war tot. Auch das Café Koffjeklön war lange Zeit zu. Dann haben wir auf Online-Bestellung und Bringdienst gesetzt - mit Außerhausverkauf. Tja, und als es wieder möglich war, auch das hier", erzählt Maik Rossow, während er die Außenhaut seines Food-Trucks auf der Verkaufsseite nach oben dreht: Sonnen- und Regenschutz für die mobile Außengastronomie.

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Ein Frühjahr voller Momente des Zweifels

"Es mangelt mir nicht an Ideen, ich bin auch bereit zu investieren. Aber was ist, wenn trotzdem alles zu gemacht wird?" Seine Hygienekonzept sei gerade abgenommen worden, dann kam der Lockdown: "Dicht gemacht. Für sieben Monate!" Momente des Zweifels begleiteten Maik Rossow durch das Frühjahr, und die Unsicherheit, ob auch diese Saison je wieder beginnen wird. "Die Inzidenzen gehen hoch, die Inzidenzen gehen runter. Du weißt nicht, was du glauben sollst. Und weißt nicht mehr, ob es jemals wirklich irgendwann eine Perspektive gibt. Selbst zu Hause haben wir darüber gesprochen. Selbst die Mitarbeiter haben mit mir schon darüber diskutiert und gesagt, mit etwas Glück wahrscheinlich bis zur Wahl im September?" Das könne nicht sein, meint Maik Rossow und er hat weiter auf eine Öffnung wenigstens ab Juni gehofft. Aber: "Man hat trotzdem dann schon im Hinterstübchen überlegt, was ist, wenn nicht? Was ist dann? Wie geht es dann wirklich weiter?"

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"Wir haben es geschafft - bis hierher"

Am Nachmittag kommt Claudia, Maik Rossows Ehefrau, um ihren Mann abzulösen. Sie sei so etwas wie die Finanzministerin für all die Ideen ihres Mannes zwischen Eis, Fisch, Fleisch und Brötchen. "Das hier ist unser Traum. Den haben wir uns mit Anfang 40 wahrmachen wollen. Es stecken monatlich 35.000 Euro Fixkosten im Geschäft. Natürlich muss ich meinem Mann dann auch mal sagen: Geht nicht, Maik. Das können wir uns nicht leisten." Wenn sie über den Gehältern und den Krankenkassenbeiträgen im Büro brütet, wird ihr manchmal schon etwas schlecht. "Wir haben es geschafft, bis hierher, und natürlich auch mit der einen oder anderen Corona-Hilfe." Und dem großzügigen Entgegenkommen der Vermieter. Das Kurzarbeitergeld sei erst zur Hälfte des nächsten Monats gekommen, da mussten immer gut zwei Wochen "gedeichselt" werden. "Das ist echt der Wahnsinn für den ganzen Einsatz, der so weiter läuft", sagt sie, "und wenn man dann noch überlegt, dass bei gewissen Hilfen, die man beantragen will, dann nicht mal die Sachen, die gestundet sind, mit reinzählen."

"Wir haben gemerkt, dass Mama und Papa angespannter sind"

Nimmt man solche Spannungen mit nach Hause? "Wir haben natürlich gemerkt, dass Mama und Papa angespannter sind als sonst", so der elfjährige Sohn Finley. "Und ich habe schon mal angeboten, in der Küche zu helfen", versichert der neunjährige Harvey. Apropos Küche: Da steht inzwischen Maik Rossow. Das Restaurant liegt direkt hinter dem Food-Truck. Die Monatsmiete wird zur Zeit noch gestundet. Der kulinarische Clou des Hauses: hawaiianische Bowls. Um 20 Uhr sind trotz des Wochenendes wieder nur zwei Tische besetzt. Die Touristen aus dem ganzen Bundesgebiet fehlen noch. Neuer Einsatz für den Chefkoch: Er bindet sich die Schürze ab, holt seinen Autoschlüssel und setzt sich hinters Steuer. Auf Maik Rossow wartet sein letzter Job des Tages: Online-Bringdienst bis 21 Uhr.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 07:00 Uhr

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