Der Gastronom Rossow in seinem Foodtruck

Gastronom Maik Rossow: Mit 300 halben Gänsen gegen die Corona-Krise

Stand: 23.12.2021 14:26 Uhr

Wie geht es den Menschen im Land? Wut, Angst, Hoffnungslosigkeit oder doch: "Jetzt erst recht"? Für Selbständige ist Covid neben einer gesundheitlichen Bedrohung auch eine existenzielle. Ganze Berufszweige stehen vor dem Aus - wie bei Maik Rossow, Gastronom in Börgerende.

von Thorsten Reinke

Tiefe Fleischwunde rechts! "Aber zum Glück bin ich beidhändig." Chefkoch Maik Rossow wirbelt mit der Linken durch sein Restaurant "Waterkant Kitchen" in Börgerende. Er hat in eine Scheibe gegriffen. Starke Blutung, Notarzt, geklammert, so die Kurzvervsion. "Kann ich mit leben und bleibe den Kochtöpfen fern, da arbeitet mein Team", so der zweifache Familienvater. Vor dem Unfall hatte es Maik Rossow wieder gejuckt: Entenbraten, aber eben nicht klassisch - das war sein Ziel. Herausgekommen ist Ente auf Rotkohlsalat mit Chutney und Steinpilzgnocchis. Läuft gut, muss es aber auch, denn die Probleme sind gewachsen seit dem ausgefallenen Silvestergeschäft 2020 und dem Sommer 2021.

Viele stornierte Weihnachtsfeiern

"Gestern waren nur drei Tische besetzt, den Tag davor zwei, das reicht einfach nicht." Maik Rossow könnte in seinem Restaurant bequem 50 Personengruppen unterbringen, aber er darf nur maximal 10 Gäste pro Tisch bedienen. Und das nur mit der 2G-Plus-Regel. Die Folge: Viele stornierten ihre Weihnachtsfeiern. Für den Geschäftsführer und seine acht Festangestellten bleibt ein Minus von 70 Prozent. Der Selbständige ist keiner, der sich unterkriegen lässt, der sich immer wieder etwas einfallen lässt. Seine Frau Claudia ist so etwas wie die Finanzministerin des Familienunternehmens.

"Wir merken, wie angespannt Mama und Papa sind"

Die 40-Jährige legt den Blick auf die Geschäftsabschlüsse: "Allein durch den Total-Lockdown 20/21 haben wir 85.000 Euro Verlust gemacht. In der Weihnachtszeit kommen noch einmal 20.000 Euro hinzu." Alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und dem eigenen Steuerberater hat sie gerade mitgeteilt, dass die Überbrückungshilfe III immer noch nicht da sei. Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster. Alle Hoffnungen und Ersparnisse stecken in dem Restaurant. Draußen spielen die beiden Kinder auf der Eisstockbahn. Auch so eine Idee ihres Mannes. Die Curlingsteine landen manchmal auf dem Grün neben der Spielfläche.  Finley (12) und sein Bruder Harvey (10) lachen. "Aber wir merken schon, wie angespannt Mama und Papa sind."

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Abends fährt der Chef Speisen aus - mit verbundenem Arm

Die Eisstockbahn und der Foodtruck daneben, das Café "Koffjeklöön", nicht weit vom Restaurant entfernt. "Dort haben wir angefangen, Brötchen zu verkaufen, weil der Bäcker nebenan zugemacht hat", so Rossow. "Man kann doch nicht rumstehen wie das Kaninchen vor der Schlange, Mann!" Abends fährt der Chef noch Speisen aus. Bis 21 Uhr. Auch mit verbundenem Arm.

Hoffen auf gut gebuchte Ferienwohnungen

Die beiden Pizzerien nebenan sind zu. Die Hoffnung: "Ab dem 28. Dezember sind die Ferienwohungen in der Umgebung gut gebucht, dann haben wir automatisch wieder volles Haus", spekuliert der Gastronom Rossow. Dann gäbe es auch eine Zukunft für die 300 halben Gänse, die im Vorratsraum des Restaurants auf Abnehmer warten. "Sollte die Landesregierung allerdings nach Weihnachten wieder einen Lockdown verhängen, muss ich mir was einfallen lassen", meint der 46-Jährige. Schon wieder Zeit für neue Ideen. Fragt sich nur, was Finanzministerin Claudia dazu sagt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.12.2021 | 05:00 Uhr

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