VIDEO: Corona und wir in MV: Wie geht es uns jetzt? (3 Min)

Friseurhandwerk in Anklam, Melanie Falk: "Ich habe Existenzängste"

Stand: 14.06.2021 05:00 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt? Um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Michaele Rüting

Friseurmeisterin Melanie Falk blättert durch ihr Terminbuch in ihrem Salon im Lilienthal-Center in Anklam. In ihrer Stimme liegt echte Enttäuschung, denn sie sieht die vielen freien Termine in ihrem Terminbuch, die sie gerne besetzen würde. Doch die Kunden bleiben aus. "Für uns ist es momentan unglaublich schwierig, auch wenn wir schon so lange wieder aufhaben dürfen. Aber die Tests machen uns sehr zu schaffen", erzählt sie. Denn nach wie vor scheuten vor allem Kunden von außerhalb sich, in den Salon zu kommen. Um der Testpflicht nach zu kommen, müssten viele gleich zweimal nach Anklam kommen, erst zum Test, dann zum Friseur.

"Die Testpflicht macht uns zu schaffen"

"Ich habe Existenzängste", sagt Melanie Falk. Ihre Mitarbeiterin kann sie noch immer nicht voll beschäftigen. "Sie ist nur wenige Tage im Monat hier, sonst in Kurzarbeit und es sieht nicht danach aus, als wenn sich das in absehbarer Zeit ändern würde." Von der Politik fordert die Selbständige, sie müsse angesichts der Inzidenzen handeln und die Testpflicht in Friseurgeschäften abschaffen, "sonst packen wir das nicht." Vor vier Jahren hat sich Melanie Falk in Anklam selbstständig gemacht. Als im Frühjahr 2020 die Corona-Krise begann, hatte sie sich gerade einen guten Kundenstamm aufgebaut. Die Geschäfte liefen gut. Im ersten Lockdown 2020 hat das NDR Nordmagazin sie getroffen und begleitet, als sie verzweifelt den ersten Antrag auf staatliche Hilfe in den Briefkasten geworfen hat und lange auf das Geld warten musste. Damals war sie sich nicht sicher, ob sie die Zeit überstehen wird. Ende 2020 haben sich die Friseurmeisterin und ihre Angestellte in's Zeug legen müssen, um die Kunden schnell noch vor Weihnachten wieder glücklich zu machen. Sonderschichten wurden geschoben, um so viele Termine wie möglich anbieten zu können und die Verluste wieder auszugleichen.

Videos
Amtsärztin Ute Siering
4 Min

Corona und wir in MV: Was brauchen wir jetzt?

Mehr als ein Jahr Corona-Pandemie haben bei den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern Spuren hinterlassen. Was brauchen wir jetzt? 4 Min

"Wie kann man nur so miteinander umgehen?"

Die Testpflicht für den Friseurbesuch habe noch einen weiteren Effekt. Kunden versuchten, die Mitarbeiterin von Melanie Falk "hinten herum" dazu zu überreden, ihnen einfach schwarz die Haare zu schneiden. "Was mich wirklich unglaublich traurig und wütend macht", empört Melanie Falk sich, "einfach nur, weil sie den Test nicht machen wollen und sich offenbar absolut nicht darüber im Klaren sind, was sie uns damit antun!" Froh ist sie über das "großartige Vertrauensverhältnis" zu ihrer Mitarbeiterin, die ihr zum Glück alles erzähle und zu ihr stehe. "Aber das macht mich wirklich fassungslos. Wie kann man nur so miteinander umgehen in dieser schwierigen Zeit!" Melanie Falk wünscht sich, dass die Kundinnen und Kunden einfach kommen, ihre Termine einhalten, die Tests, solange sie noch Pflicht sind, mitmachen und damit nicht zuletzt dafür sorgen, dass ihr kleines Unternehmen im Lilienthal-Center in Anklam bestehen bleiben kann. Ihr größter Wunsch: endlich wieder ihre Mitarbeiterin voll beschäftigen und bezahlen zu können.

Videos
NDR Redakteurin Siv Stippekohl im Gespräch mit NDR MV Live Moderatorin Anna Lou Beckmann
13 Min

NDR MV Live: Corona und wir in MV

Es ist kurz vor den Sommerferien 2021. Ein Stimmungsbild aus ganz MV - Geschichten von Menschen aus dem Land. 13 Min

"Es reicht!"

Im Dezember 2020 hat Melanie Falk erzählt, wie wenig Verständnis manche Kunden für die strengen Hygienevorschriften hätten, dass sie oft erklären müsse, dass der Abstand einfach einzuhalten sei und sie daher nicht so viele Termine vergeben könne. Gleichzeitig habe sie aber auch große Unterstützung und Dankbarkeit vieler Kunden erfahren. Und gehofft, dass ihr Beruf durch die lange Schließzeit mehr Wertschätzung gewinnen würde. Nun schlägt sie ihr Terminbuch zu, denn die erste Kundin des Tages kommt. Eines möchte Melanie Falk aber noch los werden: "Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit! Und dass die Politik uns endlich die Bürde der Tests nimmt, wo wir doch Meister in der Einhaltung der Hygieneregeln sind. Die Inzidenzen lassen es zu. Es reicht!"

So erleben Mecklenburger und Vorpommern die Corona-Pandemie:

Weitere Informationen
Brigitte Schnellhammer © NDR

Corona und wir in MV: Wie es uns geht, was wir jetzt brauchen!

Im Frühjahr 2020 haben sich in Mecklenburg-Vorpommern die ersten Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Der NDR blickt auf eine turbulente Zeit zurück. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 14.06.2021 | 05:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

Ein Motorrad liegt nach einem Unfall auf einer Landstraße.

Motorradfahrer stirbt auf der B321 bei Crivitz

Bei mehreren Unfällen werden in Mecklenburg-Vorpommern acht weitere Menschen verletzt. mehr