Stand: 22.11.2016 17:37 Uhr

Freie Schulen nur für Reiche?

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DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn befürchtet "unüberwindbare Bezahlschranken" an den freien Schulen.

Der DGB-Nord hat die rot-schwarze Landesregierung und Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) aufgefordert, die Privatschulen in Mecklenburg-Vorpommern stärker zu überprüfen. An den freien Schulen bestehe immer mehr die Gefahr, dass Kinder reicher Eltern bevorzugt aufgenommen würden, so der Chef des Gewerkschaftsbundes, Uwe Polkaehn. Der DGB beruft sich bei seiner Kritik auf eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Studie: Keine soziale Durchmischung an freien Schulen

Das WZB verurteilt die Schulpolitik und Verwaltungspraxis der meisten Bundesländer, auch Mecklenburg-Vorpommerns. Sie würden die soziale Abschottung freier Schulen zementieren. Schulgelder seien nach oben hin nicht gedeckelt, die Aufnahmepraxis werde nicht kontrolliert und Geringverdiener oder Hartz-IV-Empfänger seien nicht vom Schulgeld befreit. Die Schlussfolgerung der Sozialforscher: Eine vom Grundgesetz geforderte soziale Durchmischung finde an den freien Schulen nicht statt. Die Länder würden vor dem Problem die Augen verschließen, denn es gebe kein Monitoring der Aufnahmepraxis, zum Beispiel über eine anonymisierte Erhebung von Einkommensdaten der Eltern. So sei "das tatsächliche Ausmaß der sozialen Ungleichverteilung der Schüler auf Privatschulen in allen Bundesländern unbekannt".

DGB fordert Änderung der Schulgesetze

DGB-Nord-Chef Polkaehn meint, eine Spaltung des Bildungswesens mit "unüberwindbaren Bezahlschranken" dürfe es nicht geben, der Geldbeutel der Eltern dürfe nicht über die Zukunft und Aufstiegschancen der Kinder entscheiden. Die Bundesländer müssten den freien Schulen deshalb konkrete Vorgaben machen und dazu ihre Schulgesetze ändern. Die Arbeitsgemeinschaft freier Schulen im Land - Interessenvertretung der Privatschulen - unterstützt den DGB: Das Einkommen der Eltern dürfe keine Rolle spielen, sagte ihr Sprecher Thomas Weßler. Es sei nicht das Interesse der freien Schulen, Bedürftige auszugrenzen.

AG: Freie Schulen entlasten das Land

Allerdings müsse das Land "politisch nachsteuern" - zum Beispiel könnte Empfängern von Hartz-IV das Schulgeld erlassen werden. Auch bei der Unterrichtung von Flüchtlingen seien die freien Schulen auf mehr Hilfen angewiesen, schon jetzt aber würden Flüchtlingskinder "aus eigenem Antrieb der Schulen" unterrichtet. Weßler sagte, das Land spare durch die Existenz der freien Schulen bei den Bildungsausgaben, weil Eltern und Träger einen Teil der Kosten übernehmen würden. Auch das gehöre zu der Diskussion dazu.

Ministerium: Keine Beschwerden von Eltern

Das Bildungsministerium spricht von einer "interessanten Studie", die man prüfen werde. "Allerdings können wir schon heute den Vorwurf zurückweisen, dass wir nicht tätig sind", so ein Sprecher auf Anfrage von NDR 1 Radio MV. Freie Schulen würden nur nach einem umfassenden Antragsverfahren genehmigt, die Höhe des Schulgeldes werde überprüft. Außerdem lägen keine Beschwerden von Eltern vor, deren Kinder an freien Schulen nicht angenommen worden sind.

Das Land übernimmt 85 Prozent der Kosten. In Mecklenburg-Vorpommern werden immer mehr Kinder an freien Schulen unterrichtet, es sind etwa 16.300, staatliche Schulen besuchen etwa 128.000 Schüler.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.11.2016 | 06:00 Uhr

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