Stand: 22.09.2020 17:07 Uhr

Fehmarnbelt-Tunnel: MV könnte Nachsehen haben

Von Martin Möller, Nordmagazin

Die Einfahrt in den Fehmarnbelt-Tunnel auf deutscher Seite als Computer-Illustration - Vogelperspektive © Femern A/S
Der Fehmarnbelttunnel soll Fehmarn mit Lolland verbinden. (Illustration)

Für die einen ist es ein alter Traum. Trockenen Fußes über die Ostsee, per Auto oder Bahn in wenigen Minuten von Norddeutschland in die ostdänische Inselwelt. Einen grenzenlosen Wirtschaftsraum versprechen sie sich, der von Westmecklenburg und Hamburg über Lübeck, Ostholstein bis zu den Inseln Lolland, Falster und sogar nach Kopenhagen reicht.

VIDEO: Fehmarnbelttunnel: Hat er Auswirkungen auf MV? (4 Min)

Für die anderen ist der geplante Tunnel ein Umweltskandal, durch den Riffe zerstört und Schweinswale vertrieben werden. Der Bau des längsten Absenktunnels der Welt und der damit verbundene Sedimenttransport könnte die Unterwasserwelt bis in die Mecklenburger Bucht hinein nachhaltig schädigen, so ein Hauptargument der Kritiker. Fähren seien zwar deutlich langsamer, aber sie brauchen keine neue Infrastruktur. Es könnte also alles so bleiben, wie es ist.

Viele Bedenken bei Umweltschützern

Umweltschützer wie der NABU, regionale Bürgerinitiativen und private Fährgesellschaften wie Scandlines sind vor das Bundesverwaltungsgericht gezogen, um gegen den Bau des Tunnels zu klagen. Seit dem 22.09.2020 wird nun verhandelt, sechs Tage sind angesetzt. Dabei geht es auch darum, ob sich so ein gigantisches Verkehrsvorhaben in Deutschland überhaupt verwirklichen lässt.

Bislang treiben es vor allem die Dänen voran. Sie wollen die Kosten für den 18 Kilometer langen Tunnel komplett schultern. Deutschland hingegen hat sich 2008 per Staatsvertrag verpflichtet, die Anbindung auf seiner Seite sicherzustellen. Das Gesamtprojekt wird wohl gut 10 Milliarden Euro kosten, also fünfmal mehr als die Küstenautobahn A20 in Mecklenburg-Vorpommern.

Bahnverbindung Berlin-Schwerin-Kopenhagen denkbar

An der Südküste Lollands wird gerade ein Arbeitshafen und die Fabrik für die Tunnelelemente errichtet. Hunderte Bauarbeiter sind schon in Lohn und Brot. Es ist die größte Baustelle des Königreiches. Die Hochgeschwindigkeitsbahntrasse von Kopenhagen zur Insel Lolland ist ebenfalls im Bau und voraussichtlich in drei Jahren fertig. Auf deutscher Seite hingegen wird weiter um die neu zu bauenden 50 Kilometer Bahntrasse in Ostholstein gestritten. Es geht um Linienführungen, Lärmschutz und Ausgleichsflächen. Zur erweiterten Hinterlandanbindung gehört auch die Strecke Schwerin-Lübeck. Sie soll zweigleisig ausgebaut, elektrifiziert sowie die maximale Geschwindigkeit auf 160 km/h angehoben werden. Nach Fertigstellung des Tunnels wären direkte Züge von Berlin über Schwerin nach Kopenhagen denkbar.

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Der 9. Senat des Bundesverwaltungsgerichts kommt unter dem Vorsitzenden Richter Wolfgang Bier (M) und Ulrike Bick (l-r), stellv. Vorsitzende, Richter Martin Steinkühler, Richter Gunther Dietrich und Richter Peter Martini zum Beginn der Verhandlung über Klagen gegen den umstrittenen Fehmarnbelttunnel. © dpa-Bildfunk Foto: Jan Woitas

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Scandlines-Fähren fahren weiter

Mecklenburg-Vorpommerns Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) sieht für den Westen des Landes wirtschaftliche Vorteile. Für Ostseehäfen hingegen befürchtet der Sozialdemokrat erhebliche negative Auswirkungen. "Es wird darauf ankommen, dass die EU-Kommission eine ernsthafte wettbewerbliche Kontrolle gewährleistet, damit die Tunnelmaut auch den tatsächlichen Kosten entspreche und nicht subventioniert wird," so Pegel.  

Angst vor unfairer Konkurrenz hat auch die Reederei Scandlines. Das private Unternehmen, dass die Fährverbindung Puttgarden-Rødby und Rostock-Gedser betreibt, will den Fährverkehr auf beiden Routen aufrecht halten. "Besonders die Verbindung Rostock-Gedser sei auch mit Fehmarn-Belt-Tunnel weiter attraktiv, weil sie die schnellste und kürzeste Verbindung von Berlin nach Skandinavien ist", so Scandlines-Sprecherin Anette Ustrup Svendsen. "Auf den Fähren können Lkw-Fahrer essen, duschen und Pause machen." 

VIDEO: Fehmarnbelttunnel: Muss die Route geändert werden? (4 Min)

Rostock fordert Kompensation

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen freut sich grundsätzlich über den deutsch-dänischen Tunnel. "Es ist gut, wenn Europa zusammenwächst, aber die Verbindung wird auch negative Konsequenzen für Rostock haben". Deshalb fordert der gebürtige Däne Kompensation für seine Stadt. Der Seehafen muss laut Madsen besser an den Schienenverkehr angebunden werden. Außerdem fordert er, dass der Bund hilft, den Warnow-Tunnel in öffentliche Hände zu bekommen, um ihn künftig mautfrei betreiben zu können. 

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Klagen werden Bauvorhaben nicht mehr stoppen

Die Klagen werden den Tunnel wohl nicht mehr stoppen können, aber ihn möglicherweise um weitere Jahre verzögern. Das wäre vor allem für die dänischen und schwedischen Verkehrsplaner ein Problem. Beide Länder investieren Milliarden, um den Güterfernverkehr zurück auf die Schiene zu verlagern. Als Bindeglied zwischen Mitteleuropa und Skandinavien spielt der Fehmarnbelt-Tunnel dabei eine wichtige Rolle. Durch ihn sollen künftig Züge rollen, die Stockholm und Kopenhagen mit Hamburg und Berlin verbinden. Wann das soweit ist, bleibt unsicher.

MV könnte das Nachsehen haben

Sicher hingegen ist, dass der Fehmarnbelt-Tunnel die Verkehrsströme rund um die westliche Ostsee neu sortiert. Verlierer ist Mecklenburg-Vorpommern. Denn in der Vergangenheit lief der Güter- und der Zugverkehr aus dem Süden auf kürzestem Weg über Sassnitz und Rostock nach Skandinavien. Künftig werden sie einen großen Bogen um den Nordosten Deutschlands machen.

Das 18 Kilometer lange Bauwerk wäre der längste Absenktunnel der Welt. Das Bauprinzip gleicht dem des Rostocker Warnow-Tunnels. Die in Rødby an Land vorgefertigten 89 Tunnel-Elemente werden im Stück über den eigenen Arbeitshafen per Schlepper auf die Ostsee gezogen und dort in einen vorbereiteten Graben am Meeresboden abgesenkt. Danach werden sie unter Wasser miteinander verbunden, leer gepumpt und mit Sand abgedeckt.

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Nordmagazin | 22.09.2020 | 19:30 Uhr

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