Stand: 15.10.2019 15:19 Uhr

Fangquoten gesenkt: MV-Fischer befürchten "das Aus"

Freester Fischer sehen durch die gesenkten Fangquoten ihre Existenz bedroht. (Archivbild)

Die Einigung der EU-Fischereiminister auf niedrigere Fangquoten für die Ostsee stößt in Mecklenburg-Vorpommern auf breite Kritik. Die erlaubte Fangmenge soll beim Hering um 65 Prozent und beim Dorsch um 60 Prozent gesenkt werden. Zunächst waren noch striktere Kürzungen im Gespräch. Die Vorsitzende des Verbandes der Kutter- und Küstenfischer in MV, Ilona Schreiber, befürchtet das Schlimmste.

"Das ist das Aus für die Fischer"

Nachdem die Zahl der aktiven Fischer hierzulande in den vergangenen 20 Jahre einst 2.000 auf aktuell 135 gesunken ist, sei nun das endgültige Aus für die meisten Verbliebenen vorprogrammiert, meint Schreiber. Hatte ein einzelner Kutterbetrieb 2019 noch eine Dorschquote von 10 Tonnen und damit einen Erlös von rund 30.000 Euro, bleibe 2020 nur noch eine Quote von 3,2 Tonnen und ein Erlös von rund 9.600 Euro. "Damit kann kein Fischereibetrieb existieren. Das ist das Aus für die Fischer", so Schreiber gegenüber NDR 1 Radio MV.

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Die EU hat die Fangquoten für Hering und Dorsch noch einmal deutlich reduziert. Bei den Stellnetzfischern in Freest ist die Enttäuschung groß - fünf wollen zum Jahresende aufhören.

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Backhaus fordert Maßnahmenprogramm

Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD) forderte ein Maßnahmenprogramm, um die Folgen für die Fischer zu mildern und den Sektor neu auszurichten. Dies wolle er zum Thema auf der nächsten Agrarministerkonferenz machen, sagte Backhaus. Die jährlichen Quotensenkungen sollten nach seiner Ansicht nicht höher als 15 Prozent liegen, damit die Fischer kalkulierbare Rahmenbedingungen bekämen. Der Minister forderte zudem Alternativen zur Quotenregelung und mehr Forschung zum Umgang mit dem Klimawandel.

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Die Quotenreduzierungen würden "drastische Folgen" für die Fischerei haben, sagte auch der Vorsitzende der Freester Fischereigenossenschaft, Michael Schütt. "Man muss nun versuchen, wenigstens einen Teil der Fischer am Leben zu halten. Wie uns das gelingen wird, wird sich zeigen", so Schütt. Allein in Freest (Landkreis Vorpommern-Greifswald) kündigten fünf der 23 Fischer an, ihre Arbeit bis Ende des Jahres einzustellen. Die Fischer hatten laut Schütt ursprünglich auf Abwrackprämien für ausscheidende Fischkutter vom Bund gehofft. Doch dies sei nicht möglich, weil es gegen EU-Recht verstoße.

WWF: Fangmengen sind immer noch zu hoch

Nach Meinung der Umweltstiftung WWF sind die neu ausgehandelten Fangmengen mit Blick auf den Klimawandel immer noch zu hoch. Einige Wissenschaftler hatten einen völligen Fangstopp für Hering in der westlichen Ostsee empfohlen. Aufgrund steigender Wassertemperaturen und sinkender Sauerstoffkonzentration überlebten immer weniger Fischlarven. Auch mit den neuen Fangmengen könnten nicht genügend fortpflanzungsfähige Tiere heranwachsen. "Nur wenn der Druck auf das Ökosystem Ostsee als Ganzes drastisch vermindert wird, gibt es eine Chance, dass es mit zunehmender Klimakrise nicht zu einem Kollaps des Systems kommt", sagte WWF-Fischereiexpertin Stella Nemecky.

Klimawandel und Überfischung gefährden Bestände

Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, sieht den Klimawandel und die Erwärmung der Ostsee maßgeblich als Ursache für die rückläufige Entwicklung der Heringspopulation an. Beim Dorsch in der westlichen Ostsee lägen die Gründe jedoch anders. "Der wurde jahrelang kräftig überfischt", so Zimmermann. Das geltende Fangverbot für Dorsche aus der östlichen Ostsee reiche nicht aus. "Der Dorschbestand erholt sich nicht, selbst wenn man die Fischerei für die nächsten fünf Jahre schließt." Die jetzige Situation sei eine "Chance zur notwendigen Gesundschrumpfung", um künftig nachhaltig mit der natürlichen Ressource Ostseefisch umzugehen.

Einschränkungen auch für Angler

Auch für die Angler gibt es Einschränkungen. Sie dürfen 2020 nur maximal fünf Dorsche pro Tag anlanden. In diesem Jahr waren es noch sieben. "Dass nun wieder radikal gekürzt wird, dürfte das Aus für die Kutterbesitzer sein, die Angeltouren anbieten, weil nun sicher keiner mehr kommt. Dieses Hü und Hott ist nicht nachvollziehbar", sagte der Präsident des Landesanglerverbandes MV, Karl-Heinz Brillowski.

Zwei Dorsche in der Laichzeit erlaubt

Der Deutsche Angelfischerverband hatte für die Quotenverhandlungen Vorschläge erarbeitet, wie die Dorschbestände längerfristig geschont werden könnten. Dazu gehört ein generelles Fangverbot während der Laichzeit im Februar und März. Das ließen die EU-Fischereiminister bei ihren Entscheidungen unberücksichtigt. Stattdessen wurden zwei Dorsche pro Tag und Angler in dieser Zeit genehmigt.

Experte: "Die jetzige Fischerei muss sich ändern"

Das Hin und Her bei den jährlichen Quotenregelungen nervt Angler wie Fischer gleichermaßen. Doch das hat Ursachen. "Das Auf und Ab ist ein natürlicher Vorgang. Wir können nur das nutzen, was die Natur uns anbietet", so Fischerei-Experte Zimmer vom Thüneninstitut. Die Branche selbst und die Wissenschaft wollen mit neuen Bewirtschaftungskonzepten gegensteuern. Zimmermann hofft, dass es gemeinsam gelinge, eine längerfristige Strategie zu entwickeltn. "Wie soll die deutsche Ostseefischerei in 20 Jahren aussehen? Dafür wird man die jetzige Fischerei ändern müssen." Als Partner sollen auch die Landwirtschaft und die Industrie mit Blick auf mehr Umweltschutz mit ins Boot geholt werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.10.2019 | 12:00 Uhr

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