Stand: 01.02.2019 05:03 Uhr

Fall Leonie: Kreis schickt Bericht ans Ministerium

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV
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Der Tod Leonies hatte in Torgelow und Wolgast große Bestürzung ausgelöst. (Archivbild)

Der Landkreis Vorpommern-Greifswald zieht nach dem Tod der sechsjährigen Leonie aus Torgelow erste Konsequenzen. So soll das Kita-Personal verstärkt geschult werden, um Kindswohlgefährdungen und Misshandlungen frühzeitig zu erkennen. Das steht in einem Bericht des Landkreises an das Sozialministerium in Schwerin, der NDR 1 Radio MV vorliegt. Das Papier erläutert auch das Vorgehen der Behörde in dem Fall.

Informationsfluss soll verbessert werden

Als weitere Maßnahme ist am vergangenen Dienstag in einem Gespräch zwischen Jugendamt, freien Trägern und Beratungsdiensten bei Landrat Michael Sack (CDU) verabredet worden, auch die sozialen Dienste der freien Träger zum Verhalten bei Kindswohlgefährdung noch einmal zu belehren. Die Ämter wollen den Informationsfluss bei Verdachtsfällen sicherstellen - durch eine grundsätzliche Meldung an die Leitstelle des Kreises. Bei außergewöhnlichen Fällen soll es zudem eine sofortige Lagebesprechung mit dem Landrat geben.

Jugendamt stellte keine Auffälligkeiten fest

In dem Bericht stellt der Kreis erneut klar, dass die Familie des Mädchens im Februar 2018 nach einer Meldung über Kindswohlgefährdung beim Jugendamt überprüft wurde - allerdings ohne dass Auffälligkeiten festgestellt wurden. Bei einem Termin mit Großmutter, Mutter und Leonie im Wolgaster Jugendamt hätten sich Sozialarbeiter das Kind angesehen. "Augenscheinlich waren keine Verletzungen zu erkennen. Das Kind selbst spielte unauffällig und ruhig mit dem bereit gestellten Spielzeug."

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Keine Hinweise auf Kindswohlgefährdung

Seinerzeit wohnte der Stiefvater bereits bei der Familie. Auch Befragungen in der Kita und bei der behandelnden Kinderärztin hätten nichts ergeben. In dem Papier an das Ministerium heißt es: "Auch berichtet die Kinderärztin, dass zu keinem Zeitpunkt der Behandlung kindeswohlgefährdende Anhaltspunkte festzustellen waren." Laut Bericht wurde seinerzeit entschieden, dass die Mutter keine Hilfe benötige.

Leonie war seit Oktober nicht mehr in der Kita

Auch nach dem Umzug von Wolgast nach Torgelow im vergangenen Juli sei die Familie nicht auffällig geworden. "In diesem Zeitabschnitt bis zum tragischen Kindstod sind dem Jugendamt keine Informationen bekannt geworden, die auf eine mögliche Kindswohlgefährdung hinweisen", so der Bericht. Im Zuge der Nachforschungen nach dem Tod des Mädchens listen die Behörden aber mögliche Verdachtsmomente auf.

Der Bericht führt auf, dass Leonie und ihr jüngerer Bruder trotz Anmeldung seit Mitte Oktober nicht mehr in der Kita waren, obwohl Mutter und auch der Stiefvater mehrfach anriefen und mitteilten, dass sie den Platz wieder in Anspruch nehmen wollten. Zuletzt sei der Anruf am 3. Januar erfolgt, neun Tage vor dem Tod des Mädchens. "Weder die Kinder noch die Eltern erschienen daraufhin in der Einrichtung", heißt es in dem Papier.

Bruder erschien nicht zu Vorsorgeuntersuchung

Zudem hatte das Landesgesundheitsamt (LaGuS) das Gesundheitsamt in Anklam Anfang November informiert, dass der jüngere Bruder trotz Erinnerungsschreiben noch nicht an der Vorsorgeuntersuchung U 7 teilgenommen hat. Am 5. November hatte das Amt die Mutter schriftlich gebeten, mitzuteilen, "wann und durch wen die U 7 stattgefunden hat". Als auch drei Wochen später keine Rückmeldung erfolgte, statteten Mitarbeiter der Familie einen unangemeldeten Hausbesuch ab. Die Mutter - so der Bericht - habe gerade das Haus verlassen wollen und erklärt, die U 7 sei am 8. November in einer Arztpraxis in Pasewalk erfolgt. Ob das Gesundheitsamt diese Information auf ihre Richtigkeit überprüfte, lässt der Bericht an das Ministerium offen. Dort heißt es: "Die beiden jüngsten Kinder (Bruder und das 2018 Neugeborene, d. Red.) wurden durch den Sozialarbeiter des Gesundheitsamtes in Augenschein genommen. Beide Kinder wirkten normal und zeigten keine äußerlichen Anzeichen von Gewaltanwendungen". Daraus ergibt sich auch, dass Leonie nicht dabei war.

"Kinder gut versorgt"

Der Bericht schildert außerdem das Handeln von Polizei, Notarzt, Kriminaldauerdienst, Seelsorge, Kriseninterventionsdienst, Bereitschaftsdienst AWO und Rechtsmedizin in der Wohnung der Familie, nachdem der Stiefvater per Notruf Hilfe wegen des angeblichen Treppensturzes von Leonie angefordert hatte. Eine Reanimation sei erfolglos geblieben. "Nach Einschätzung der Fachkräfte vor Ort war eine Inobhutnahme der (beiden anderen) Kinder zu diesem Zeitpunkt nicht notwendig. Von allen Beteiligten wurde eingeschätzt, dass die Kinder gut versorgt und die Häuslichkeit im sauberen und ordentlichen Zustand war".

Dann änderte sich das Bild

Erst zwei Tage später ergab sich ein anderes Bild: Sozialarbeiter ordneten an, dass der Bruder beim leiblichen und sorgeberechtigten Vater untergebracht wird, da das Kind Verletzungen hatte. Nach einer ärztlichen Untersuchung wurde der Junge dann fast eine Woche stationär im Krankenhaus behandelt. Leonie starb vor drei Wochen. Der 27-jährige Stiefvater sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat der Mann die Tochter seiner Lebensgefährtin so schwer misshandelt, dass sie an den Folgen starb. Der Mann bestreitet die Tat.

Drese: "Lehren aus schrecklichem Vorfall ziehen"

Das Sozialministerium wollte den Bericht auf Anfrage nicht kommentieren, bestätigt aber den Erhalt. Es gehe jetzt um eine gründliche Auswertung und um eine sachlich-kritische Aufarbeitung, so Ministerin Stefanie Drese (SPD), "um gemeinsam Lehren aus dem schrecklichen Vorfall zu ziehen".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.02.2019 | 06:30 Uhr

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