Stand: 02.08.2018 14:39 Uhr

Ostsee: Den wandernden Bomben auf der Spur

Ein Modell einer Fliegerbombe liegt zu Anschauungszwecken im Sand. © NDR Foto: NDR
Unter gewissen Strömungsbedingungen können 250-Kilogramm-Bomben ihre Position auf dem Meeresboden verändern, so ein Ergebnis der Rostocker Wissenschaftler.

300.000 Tonnen Bomben, Granaten und Minen - größtenteils aus dem Zweiten Weltkrieg - liegen immer noch auf dem Grund der Ostsee. Ein gefährliches Erbe, wenn man bedenkt, dass der Meeresboden immer mehr zum Wirtschaftsraum wird mit Pipelines, Stromleitungen und Offshore-Windkraftanlagen. Eine Räumung aller kontaminierten Gebiete ist aufgrund deren schierer Masse nahezu unmöglich. Deshalb ist es umso wichtiger, die genaue Lage der Alt-Munition zu kennen. Denn die kann sich verändern, so dass Bomben wie von Zauberhand über den Meeresgrund "wandern". Rostocker Wissenschaftler der Fachrichtung Meerestechnik haben dieses Problem nun genauer erforscht.

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Sieben Jahre lang geforscht

Meerestechniker Peter Menzel von der Uni Rostock verdeutlicht das Problem: "Wenn wir eine sehr starke Strömung haben, kann es passieren, dass sich eine Bombe herausdreht, sich über eine Strecke bewegt und zum Beispiel in den Bereich des Windparks oder einer Kabeltrasse hineinrollt." Wenn das passiere, müsste immer wieder die aktuelle Position der Weltkriegsaltlasten nachsondiert werden. Deshalb haben Menzel und seine Forscher-Kollegen mit dem Modell einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg sieben Jahre lang geforscht. Als erste haben sie nun die Frage gelöst, unter welchen Umständen die Munition am Meeresboden ihren Standort verändert.

"Weggeworfen und dann war gut"

Scharfe Munition landete tonnenweise während und nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Boden der Ostsee. Das belastete Gebiet umfasst rund 10.000 Quadratkilometer Meeresgrund - es ist halb so groß wie Mecklenburg-Vorpommern. "Man hat die Munition einfach weggeworfen und dann war gut. Alles das, was unter der Meeresoberfläche war, das war weg", sagt Menzel.

Immer wieder neue Funde

Noch 2016 wurden insgesamt 1.428 Kampfmittel bei 264 Funden in Nord- und Ostsee gemeldet: Sporttaucher entdeckten mehrere Kisten mit Flakmunition in der Flensburger Förde. Auf der Nordseeinsel Juist fanden Vogelkundler Seeminen, und an Stränden der Mecklenburgischen Ostseeküste wurden in Ahrenshoop und Rerik große Mengen Kampfmittel angespült. Nun, wo der Ostseegrund auch wirtschaftlich immer mehr genutzt wird, bekommt das Altlasten-Problem eine zusätzliche Bedeutung. "Das ist ein ganz neues Thema, bei dem wir die ersten sind, die das dermaßen angegangen sind", so Menzel.

"Dort könnt ihr nicht arbeiten"

Von viele Stellen wisse man, dass es dort sehr viel Munition und Altmunition gibt. Doch auch wenn die belasteten Zonen mittlerweile größtenteils kartiert sind, ist die Gefahr nicht gebannt. "Man möchte sicherstellen, dass die Munition da bleibt, wo sie ist und nicht wandert. Damit man die Bereiche kennzeichnen kann - etwa für die Fischerei und die Industrie - und sagen kann: Dort könnt ihr nicht arbeiten, in anderen Bereichen ist es sicher", so Menzel.

Selbst 250-Pfund-Bomben können "wandern"

Wissenschaftler der Uni Rostock forschen zum Thema Munitionsbewegungen auf dem Ostseegrund. © NDR Foto: NDR
Meerestechniker Peter Menzel (r.) von der Uni Rostock und seine Kollegen haben sieben Jahre lang Grundlagenforschung betrieben.

Doch bleiben die Bomben nun auf ihren Friedhöfen, oder wandern sie? In Europas modernster Wellen-Simulationsanlage in England haben die Fachleute diese Frage untersucht. Das Ergebnis: 250 Pfund schwere Fliegerbomben etwa können sich grundsätzlich am Meeresboden bewegen. Auch wenn Menzel einschränkt: "Allein durch eine gleichmäßige Anströmung wird es in deutschen Gewässern so gut wie nie dazu kommen, dass ein so großes Objekt sich einfach so in Bewegung setzt und einfach über den Meeresboden wandert."

Ein bisschen mehr Sicherheit

Anhand ihrer Ergebnisse haben die Forscher eine Formel entwickelt. Damit können die Wissenschaftler jetzt genau angeben, bei welcher Strömung sich Munition mit einem bestimmten Gewicht überhaupt bewegt. Der Ostseeboden wird dadurch sicherer, aber die Gefahr durch scharfe Munition bleibt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.08.2018 | 19:30 Uhr

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