Stand: 17.06.2020 04:55 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Dürre in MV: Regen-Ersatz aus dem Speicherbecken

von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Dieser Frühling war in Mecklenburg-Vorpommern sehr trocken. Vielerorts zählte der Frühling zu den drei trockensten der vergangenen 70 Jahre, sagt Stefan Kreibohm vom NDR Wetterstudio auf Hiddensee. Allerdings ist der Regen laut der ihm vorliegenden Statistik regional in sehr unterschiedlichen Mengen gefallen. Die meisten Orte im Land bekamen in den letzten drei Monaten zwischen 55 und 80 Liter Regen pro Quadratmeter ab. Das entspricht nur 50 bis 60 Prozent dessen, was im Durchschnitt fällt.

VIDEO: Dürre: Landwirte hoffen weiter auf Regen (5 Min)

Regen fehlt seit November

Besonders betroffen von der Frühjahrstrockenheit ist der Südosten Vorpommerns. Dort hat es in einigen Gebieten seit Monaten nicht mehr geregnet. In Anklam beispielsweise kam zum letzten Mal Anfang November 2019 "so richtiger" Regen herunter. Auch in allen anderen Landkreisen gibt es Regionen, deren Böden eine "außergewöhnliche Dürre" aufweisen. Das ist die höchste Stufe im sogenannten Dürremonitor für Deutschland, den das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung erstellt. Den Pflanzen fehlt vor allem in den tiefen Bodenschichten ausreichend Wasser, sie stehen unter Stress. Relativ am besten ist die Situation derzeit in den Landkreisen Nordwestmecklenburg und Ludwigslust-Parchim.

Obstbäume unter Trockenstress

Auch die Apfelbäume des Stralsunder Obstguts von Johannes Eggert haben zu wenig Wasser bekommen. Vor allem Bäume auf sandigen Böden weisen erhebliche Schäden auf. "Die Bäume sterben einfach ab. Sie sind so stark gestresst, dass sie nicht mehr so widerstandsfähig sind", bilanziert Eggert. Alle Gehölze sind von der extremen Trockenheit betroffen, auch Himbeeren, Johannesbeeren oder Brombeeren. Erschwerend hinzu kommen die Frostnächte im Mai. "Den 9. Mai 2020 werde ich so schnell nicht vergessen", erzählt Eggert. Am frühen Morgen lagen die Lufttemperaturen über Stunden bei minus vier Grad. Die Obstbäume standen schon in voller Blüte. Viele Blüten sind erfroren. Der Seniorchef beziffert den Schaden auf knapp eine Million Euro. Schon jetzt ist absehbar, dass das Stralsunder Obstgut Eggert in diesem Jahr keine Sauerkirschen ernten wird. Der Ertrag bei den Süßkirschen wird um die Hälfte schrumpfen. Bei Industrie- und Tafeläpfeln sind jeweils 80 Prozent Ernteausfälle erkennbar.

Landwirte bewässern künstlich

Das Stralsunder Obstgut hat seine Kulturen bislang nicht bewässert, weil lange noch ausreichend Wasser im Boden vorhanden war, auch in tiefen Schichten. Tau und Nebel halfen, die Reserven im Winter und Frühjahr aufzufüllen. Aber mittlerweile denkt das Unternehmen darüber nach, in eine Bewässerungsanlage zu investieren, um weitere Schäden zu verhindern. Nach Angaben des Geschäftsführers des Verbandes Mecklenburger Obst und Gemüse, Rolf Hornig, sind auf vielen Freilandflächen seit Wochen Bewässerungsanlagen eingeschaltet. Karls Erdbeerhof in Rövershagen bei Rostock hat dafür ein riesiges Speicherbecken für Regen- und Oberflächenwasser, um damit seine Pflanzen gießen zu können. Auch bei der Behr Gemüsegarten GmbH in Gresse im Landkreis Ludwigslust-Parchim zählt es zum Standard, die Freilandflächen zu bewässern. Bodenfeuchtigkeitsmesser, Wetterstationen und Regenmesser kommen bei der Boddin Obst GmbH und Co KG im Landkreis Ludwigslust-Parchim zum Einsatz. Wenn sie zu wenig Regen voraussagen oder Wasser im Boden anzeigen, wird bewässert. "Die jungen Apfelbäume, die wir im letzten Jahr gepflanzt haben, werden jetzt schon künstlich beregnet", so Juniorchef Marcell Brandt. Wenn die Trockenheit anhält, wird er bald alle Bäume bewässern.

Futter wird knapp

Landwirte, die Tiere halten, sorgen sich um ihre Milchkühe, Schafe oder auch Pferde. Die Futterreserven aus dem vergangenen Jahr sind vielerorts nahezu aufgebraucht. Vor allem Weideflächen im Osten des Landes sind betroffen, so auch bei der Anklamer Agrar AG. Dort hat es seit Monaten nicht mehr geregnet. Der Anklamer Mischbetrieb hält 1.300 Milchkühe, betreibt zwei Biogasanlagen und betreibt Ackerbau. "Die Anlagen und die Tiere wollen gefüttert werden", betont der Vorstandsvorsitzender Detlef Stark. Der erste Futterschnitt ist schlecht ausgefallen, der Ertrag liegt bei der Hälfte eines Durchschnittsjahres. Die Hoffnung liegt auf dem zweiten Futterschnitt im Juni.

Winterkulturen haben es schwer

Vor allem die Winterkulturen haben es schwer, weil das Wachstum bereits weiter ist als beispielsweise bei Sommergetreide. Dürreschäden zeigt unter anderem der Winterweizen. „Die Körneranzahl pro Ähre hat sich reduziert und die Körner selbst fallen teilweise viel kleiner aus als sonst“, bemängelt Landwirt Stark. Zudem haben sich Rapspflanzen durch Trockenstress braun verfärbt. Sie müssten eigentlich saftig grün sein. Auch Mais und Zuckerrüben sind im Osten des Landes viel schlechter aufgegangen als in anderen Regionen. Wie hoch die Ertragseinbußen insgesamt sein werden, kann noch nicht im Detail benannt werden. Die Landwirte hoffen auf viel Regen. Die nächsten Wochen sind entscheidend. Es müsste extrem viel Regen fallen. Stefan Kreibohm vom NDR Wetterstudio auf Hiddensee: "Statt der durchschnittlich rund 600 Liter pro Quadratmeter im Jahr sollten es am Ende am besten bis zu 750 Liter sein."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.06.2020 | 05:00 Uhr

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