Stand: 29.04.2019 08:41 Uhr

Die Abenteuer einer Störchin aus Gudow

von Petra Küntzer, NDR 1 Radio MV

Die Jungstörchin aus Gudow hat eine abenteuerliche Reise nach Kapstadt und zurück hinter sich.

Die Störche sind aus ihren Winterquartieren im Süden zurückgekehrt nach Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen seien die Nester zu etwa 80 bis 90 Prozent besetzt, sagt Steffen Hollerbach von der Storchenkate in Preten im Amt Neuhaus. Unter den Rückkehrern ist auch einer, der mit einem Sender unterwegs war und dessen abenteuerliche Reise die Storchenexperten im Detail nachvollziehen können - der Storch von Gudow bei Lübtheen.

36.000 Kilometer - bis Kapstadt und zurück

Wie alt er ist - das wissen sie nicht genau. Einen Namen hat er auch nicht. Ein Weibchen ist es, so viel ist klar und es hat im vergangenen halben Jahr mehr als 36.000 Kilometer zurückgelegt: von seinem Nest in Gudow bis nach Kapstadt und zurück. Am 3. August morgens sei der Storch losgeflogen nach Süden, über die Ostroute, die Störche nehmen - über Polen, Rumänien, die Türkei bis nach Israel, berichtet Hollerbach: "Er ist dann über den Sinai bis nach Afrika, war dann wie fast alle Störche fast bis zum Tschad-See geflogen, um dann Mitte November aber doch noch mal weiterzufliegen bis nach Südafrika. Und er hat dann quasi anderthalb Kilometer vor dem Indischen Ozean die Kurve gekratzt und ist dann Richtung Westen geflogen bis nach Kapstadt." Dort habe er dann überwintert bis Mitte Februar, bis er sich wieder auf den Weg zurück gemacht habe.

Kleiner Sender übermittelt täglich Daten

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Der Sender, der auf dem Rücken der Störche befestigt werden kann, ist etwa 50 Gramm schwer und überträgt täglich Daten.

Ein kleiner 50 Gramm schwerer Sender auf seinem Rücken überträgt die Positions-Daten. Jeden Tag um 12 Uhr sucht er ein Netz, um die Daten der vergangenen 24 Stunden zu übertragen. Wenn er keines findet, zeichnet er weiter auf, auch mehrere Tage, bis er wieder eine Verbindung hat. So haben die Experten in der Storchkate in Preten ein exaktes Bild, wie der Zug verläuft. Der Sender ist solarbetrieben und kostet etwa 2.000 Euro. Der Gudower Storch hat auf seinem Weg in den Süden mehrere Pausen eingelegt. Südlich der Sahara beispielweise in der Sahel-Zone oder auf Beregnungsfeldern im  Sudan.

Schlechtes Wetter auf den Golan-Höhen

Auf dem Rückflug gab es eine Zwangspause von 3 bis 4 Tagen auf den Golan-Höhen in Israel - da hat sich Steffen Hollerbach auch kurz mal Sorgen um den Storch gemacht, weil er lange an einem Punkt blieb. Wenn der Sender länger von der gleichen Position sendet, kann das bedeuten, dass der Storch nicht mehr lebt. In diesem Fall hatte der Aufenthalt aber andere Gründe. Ein Blick in den Wetterbericht zeigte, dass zu der Zeit in Israel viel Regen fiel, es feucht und kalt war, der Himmel bedeckt. Bei schlechtem Wetter ziehen Störche nicht, weil die Thermik dann nicht stimmt.

300 bis 400 Kilometer pro Tag

Störche sind Segelflieger, sagt Hollerbach, "sie schrauben sich in warme, aufsteigende Winde hoch, bis sie eine bestimmte Höhe erreicht haben und setzen dann zum Gleitflug an, segeln drei bis vier Kilometer und dann suchen sie sich die nächste Thermik." Eine kräftesparende Flugmethode, mit der ein Storch pro Tag durchaus 300 bis 400 Kilometer zurücklegt, in Spitzenzeiten auch mal 700.

The Stork Foundation

Storkenkate
Dorfstr. 9a
19273 Preten / Amt Neuhaus
Tel. (038841) 204 12
Fax (038841) 204 24
E-Mail: storkenkate@de.storck.com

Vor zwei Jahren sind die Storchenkundler ihren besenderten Störchen bis Bulgarien ein Stück nachgereist und haben beobachtet, dass die Zug-Gruppen immer größer wurden. In Deutschland waren es noch 10 bis 15 Störche, die gemeinsam unterwegs waren, in Polen dann schon 70 bis 80, manchmal auch 100. In Bulgarien haben sie dann zum Teil Trupps von mehreren Tausend Störchen beobachtet. Weiter Richtung Süden, in Istanbul sehe man manchmal auch 20.000 bis 30.000 Störche am Himmel, sagt Hollerbach. Störche meiden es, übers Meer zu fliegen und sammeln sich dann an Landzungen, wie es sie in Istanbul gibt.

Stromleitungen, Jäger und Stürme sind gefährlich

Gefahren gibt es für Störche viele: ungesicherte Stromleitungen in Osteuropa zum Beispiel - bei Burgas in Bulgarien am Schwarzen Meer hätten polnische Ornithologen einmal über 100 Jungstörche gefunden, die Stromschlägen zum Opfer gefallen seien. Im Libanon wiederum würden sehr viele Zugvögel abgeschossen. Dazu kommen Stürme, Sandstürme, Unwetter. 75 Prozent der unerfahrenen Jungstörche überleben die ersten beiden Jahre nicht, so Hollerbach.

Storchennachwuchs in MV hat sich halbiert

Pro Nest müssten deshalb jedes Jahr zwei Junge ausgebrütet werden, um den Bestand an Störchen stabil zu halten. In Mecklenburg-Vorpommern lag die Rate in den vergangenen Jahren aber immer darunter - der Storchenbestand hat sich laut Hollerbach im Nordosten vom Jahr 2000 bis heute halbiert. Weltweit allerdings nimmt die Zahl der Störche sogar leicht zu.

Landwirtschaft verdrängt wilde Wiesen

Die Gründe dafür, dass es in Mecklenburg-Vorpommern immer weniger Störche gibt, lägen zum einen an der gefährlichen Ost-Route, die die Zugvögel von hier nehmen. Andere Störche, die weiter westlich leben, nehmen die Westroute und überwintern im Süden Spaniens - sie müssen also längst nicht so weit fliegen. Zum anderen habe aber die intensive Landwirtschaft den entscheidenden Anteil. Störche brauchen eine Vielfalt an Landschaften: Wiesen, Auen, Feuchtgebiete, Randstreifen. Auf den bewirtschafteten Äckern finden sie nicht genug Nahrung.  

Wie viele Jungstörche der Gudower in diesem Jahr ausbrütet, wird sich zeigen. Nach seiner Rückkehr hat er sich erst mal ausgeruht. Ein männlicher Storch ist jedenfalls auch schon in Gudow angekommen, es kann also bald losgehen. Und im August irgendwann werden sich die Störche dann vermutlich wieder auf den langen Weg nach Afrika machen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 29.04.2019 | 12:00 Uhr

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