Der nette Nazi von nebenan

Stand: 01.03.2021 10:32 Uhr

Rechtsextreme drängen zunehmend in kleine Dörfer. Die Dorfgemeinschaften sind oft gespalten, wie sie mit den Rechten umgehen sollen. Das zeigt ein Fall in Groß Krams bei Hagenow.

von Hans Jakob Rausch

Der Schäfer Wolfgang Gresens will keinen Streit mit seinem Dorfnachbarn, dem Neonazi. So denken viele der 185 Dorfbewohner im mecklenburgischen Groß Krams. © NDR
Der Schäfer Wolfgang Gresens will keinen Streit mit seinem Dorfnachbarn, dem Neonazi. So denken viele der 185 Dorfbewohner im mecklenburgischen Groß Krams.

Die rechtsextreme Einstellung seines Dorfnachbarn? Für Wolfgang Gresens stellt sie kein Problem dar, wie er sagt: "Wir reden darüber nicht". So einfach ist das für ihn. Gresens ist vor einem Jahr aus Lübeck nach Groß Krams gezogen, hat sich einen Hof gekauft und züchtet nun Schafe. So hat er sich immer seine Rente vorgestellt – friedlich und ohne Streitereien. Mit seinem rechten Nachbarn kommt er gut aus: Man grüßt sich freundlich, leiht einander Werkzeug, trinkt gemeinsam Kaffee. Er gehört eben dazu. Und so wie er denken viele in dem kleinen Dorf.

"Das politische System der BRD kann hinweggefegt werden."

Das Problem: Der Nachbar, um den es geht, ist nicht irgendwer: Sebastian Richter, bis 2018 ein hoher Funktionär in der NPD. Bundesvorsitzender des Jugendverbandes "Junge Nationalisten" und Mitglied der inzwischen verbotenen HDJ, einer Art neue Hitlerjugend. Auch heute noch steht er zu seiner Gesinnung. Im Gespräch gibt er offen zu: "Das politische System der BRD kann hinweggefegt werden." Ganz anders gibt er sich in Groß Krams. Hier sitzt Richter gemeinsam mit einem weiteren Rechtsextremen in der Gemeindevertretung. Nach seiner Wahl verteilte er ein Infoblättchen im Dorf. Einer der Slogans darin lautet: "Für ein Dorf mit Herz – gegen Ausgrenzung und Hetze". Von rechtsextremer Gesinnung keine Spur.

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Rechtsextreme Unterwanderung ländlicher Gemeinden

Das sei reine Taktik, sagt Daniel Trepsdorf. Der Bürgerrechtler aus Ludwigslust berät Vereine und Gemeinden im Umgang mit Nazis. "Das bürgerliche, bewusst nicht ideologische Auftreten ist Teil einer rechtsextremen Unterwanderungsstruktur." Und Groß Krams ist offenbar kein Einzelfall – überall in Deutschland gehen Rechtsextreme gezielt in den ländlichen Raum, kaufen dort Häuser, treten in Vereine ein und engagieren sich ehrenamtlich. Sebastian Richter selbst hat diese Strategie schon 2016 in einem Artikel für die Zeitschrift des NPD-Jugendverbandes ausgelegt. Dort spricht er von einer "nationalistischen Siedlungsstrategie" und fordert seine Kameraden dazu auf, nach Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen und "politisch in die ländliche Gesellschaft hineinzuwirken".

Widerstand in Groß Krams

Julia Wurl ist es nicht egal, wer ihre Nachbarn sind: "Ich möchte nicht, dass Groß Krams als Nazidorf bekannt ist." Sie setzt ein Zeichen. © NDR
Julia Wurl ist es nicht egal, wer ihre Nachbarn sind: "Ich möchte nicht, dass Groß Krams als Nazidorf bekannt ist." Sie setzt ein Zeichen.

Die Groß Kramser sind gespalten, wie sie mit Sebastian Richter umgehen sollen. Einige leisten nun Widerstand. Julia Wurl, eine junge Rechtsanwältin, hat mit rund 15 Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern im vergangenen Sommer ein Bündnis für Demokratie gegründet. Sie wollen das Feld nicht den Rechten überlassen und planen ein Autokino, eine Theatergruppe, Musikunterricht. Ihr Ziel: Die demokratische Zivilgesellschaft stärken. Julia Wurl gibt sich kämpferisch: "Ich möchte nicht, dass Nationalisten hier die Oberhand gewinnen und das, was wir in Europa erreicht haben, wieder zurückgeht." Ihre erste Aktion im Sommer war ein Flohmarkt. Nach dem Lockdown wollen sie weitermachen im Kampf für Demokratie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.03.2021 | 17:15 Uhr

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