Stand: 05.03.2020 18:12 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Deponie Ihlenberg: Führungschaos droht

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Der landeseigenen Deponie Ihlenberg (Landkreis Nordwestmecklenburg) droht ein Führungschaos. Die beiden Geschäftsführer haben nach Informationen von NDR 1 Radio MV vorzeitig gekündigt. Ende des Monats steht eine der größten Sonder-Mülldeponien Europas damit ohne Führungsspitze da, ein geordneter Wechsel scheint nicht mehr möglich. Die Landesregierung sucht über einen internationalen Headhunter eilig Geschäftsführer-Ersatz.

Offenbar aus Enttäuschung über das Verhalten der SPD-geführten Landesregierung und gefrustet über die dauernden Störfeuer aus Schwerin haben der technische Geschäftsführer Norbert Jacobsen und seine für die Finanzen zuständige Kollegin Beate Ibiß zum Monatsende hingeworfen - ihr Vertrag wäre noch bis Ende Juni gelaufen, sollte aber ohnehin nicht mehr verlängert werden.

Vertrauensverhältnis ins Rutschen geraten

Ihr vorzeitiger Weggang ist ein vorläufiger Höhepunkt in der Debatte um die Deponie. Das gegenseitige Vertrauensverhältnis zwischen Deponie-Leitung und den Ministerien in Schwerin geriet seit November 2018 ins Rutschen. Ein sogenannter Prüf-Bericht des damaligen Chef-Controllers Stefan Schwesig, Ehemann der Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), erhob schwere Vorwürfe gegen die Deponieleitung. Der Finanzfachmann sprach alarmierend von angeblichen zu hohen Giftmüll-Einlagerungen und einer Gefährdung für Mensch und Umwelt. Obwohl nicht vom Fach, kreidete Schwesig die vermeintliche Fehlentwicklung seinen Chefs, der Deponiespitze, an.

Schwesig-Vorwürfe ließen sich nicht bestätigen

Schwesig erhob - offenbar abgesichert durch die Staatskanzlei - Vorwürfe, die sich jedoch durch mehrere Gutachten nicht bestätigten ließen. Unter anderem bescheinigte der von der Landesregierung eingesetzte Sondergutachter Tilmann Schweisfurth - Ex-Rechnungshof-Präsident - der Deponie unterm Strich ein gesetzkonformes Handeln. Obwohl sich der Schwesig-Bericht in weiten Teilen als gegenstandslos erwies, entzündete sich eine Debatte über einen möglichst frühen Schließungstermin. Der wurde schließlich per Kabinettsbeschluss auf 2035 festgelegt, obwohl der Gutachter dafür plädierte, ein späteres Datum ins Auge zu fassen. Die Begründung: es gebe noch genügend Kapazität auf der Deponie, Einnahme aus dem Müllgeschäft könnten für die Nachsorge genutzt werden.

Der Schließungstermin 2035 allerdings bedeutete nur wenig Neues: Schon früher war dieses Datum in Aussicht genommen worden. Die einzigen Änderungen: bis zur Schließung soll unter Inkaufnahme von Betriebsverlusten weniger Müll eingelagert werden, es sollte kein Abfall mehr aus dem Ausland auf den Ihlenberg kommen und die Stichproben bei eingehenden Transporten sollten verschärft werden.

Keine Rückendeckung für Aufsichtsratschef

Das Vorgehen der Landesregierung veranlasste den mittlerweile abgelösten Aufsichtsratschef Hans-Thomas Sönnichsen zu scharfen Bemerkungen: Sönnichsen vermutete ein Manöver der Ministerpräsidentin. Schwesig - so Sönnichsen sinngemäß - habe ihren Mann schützen wollen, damit dessen Analysefehler nicht offen zu Tage treten sollten. Aus diesem Grund habe es auch einen Feldzug gegen die Geschäftsführung gegeben. Sönnichsen und offenbar auch die Deponiespitze vermissten eine Rückendeckung aus Schwerin. Sie sollen sich intern mehrfach darüber beschwert haben, dass ihr Ruf, der der Mitarbeiter und der Deponie insgesamt durch ständige Falschbehauptungen und Unterstellungen aus dem politischen Raum beschädigt worden sei.

Stellenanzeige geschaltet

Jetzt zieht das Geschäftsführer-Duo die Reißleine und kehrt Mecklenburg-Vorpommern den Rücken. Der Aufsichtsrat unter seinem neuen Chef, Agrarstaatssekretär Jürgen Buchwald, hat eilig über einen externen Headhunter - die Hamburger Kienbaum consultants international - eine Stellenanzeige geschaltet. Gesucht wird eine "technisch versierte und überzeugende Führungspersönlichkeit". Hauptaufgabe des neuen Geschäftsführers soll sein, die Entsorgungssicherheit zu garantieren und gleichzeitig auf den Schließungstermin 2035 zu achten.

50.000 Euro für Fachkräfte-Agentur

Die Kosten für das Engagement der externen Fachkräfte-Agentur belaufen sich auf etwa 50.000 Euro. Aufsichtsratschef Buchwald erklärte auf NDR Anfrage, man habe aus drei Anbietern ausgewählt. Die Erwartungen an die neue Geschäftsführung seien hoch, daher habe man sich für eine "professionelle Unterstützung" entschieden. Das bedeute auch, dass das Besetzungsverfahren transparent laufe. Zudem sei die Lage nicht überraschend, man habe den Geschäftsführern freigestellt, früher zu gehen. Es gebe deshalb "keine Situation".

Neue Geschäftsführung übernimmt in schwierigen Zeiten

Experten fragen sich allerdings, ob die Aufgabe, die vorher von zwei Geschäftsführern erledigt wurde, künftig von einem geschultert werden kann - zumal der "Neue" nicht eingearbeitet werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass die negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate das Geschäftsergebnis der Deponie offenbar schon nach unten gezogen haben. Die neue Geschäftsführung übernimmt in schwierigen Zeiten. Die rund 130 Mitarbeiter fühlen sich zum Großteil von den Ministerien schlecht behandelt - zumindestes in der jüngsten Vergangenheit. "Wir wünschen uns Ruhe und wollen zurückkommen zur Normalität", sagte der Vize-Betriebsrat Jens Szabries.

Linke: Landesregierung verursacht "Chaos und Unsicherheit"

Die Linksfraktion im Landtag beklagt "Chaos und Unsicherheit am Ihlenberg" - verursacht durch die Landesregierung. Sie habe die beiden Geschäftsführer weggemobbt. "Die vorzeitige Kündigung der beiden erfahrenen und engagierten Geschäftsführer halte ich für sehr fatal", so Fraktionschefin Simone Oldenburg. Wer einen Strategiewechsel am Regierungstisch ohne die Einbeziehung von Fachleuten und offenbar ohne die Beschäftigten verkünde, der müsse sich nicht wundern, wenn ihm das Fachpersonal davon laufe, so Oldenburg. Für die beiden Deponie-Chefs scheint die Suche nach einer Anschluss-Beschäftigung allerdings kein Problem: Beate Ibiß fängt in einigen Wochen bei einem Abfallentsorger in Hessen an.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 05.03.2020 | 15:00 Uhr

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