Stand: 02.11.2018 17:03 Uhr

Neue Wolfsattacke: Backhaus sieht "Präzedenzfall"

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In Woosmer bei Dömitz wurde Mitte der Woche eine Mutterschafherde Ziel einer Wolfsattacke.

35 tote Schafe, zehn weitere, die so schwer verletzt sind, dass sie wohl noch getötet werden müssen - das ist die traurige Bilanz einer Wolfsattacke Mitte der Woche auf eine Schafherde nahe Woosmer in der Nähe von Dömitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim). Der Tierhalter hatte seine Herde vorschriftsmäßig geschützt, doch selbst Zäune und Herdenschutzhunde konnten den oder die Wölfe nicht aufhalten - für Umweltminister Till Backhaus (SPD) "ein Präzedenzfall". "Die Wölfe lernen jetzt Nutztiere anzugreifen - und nicht nur Einzeltiere, sondern gegebenenfalls auch ein ganzes Rudel", sagte Backhaus NDR 1 Radio MV. Die Debatte um den Schutzstatus des Wolfes ist in Mecklenburg-Vorpommern nach diesem Vorfall neu entbrannt.

Forderung: Schutzstatus abstufen

Für Bauernverband, Landesschaf- und Ziegenzuchtverband und Jagdverband in Mecklenburg-Vorpommern ist klar: Eine neue Rechtsgrundlage ist erforderlich. Der Schutzstatus des Wolfes müsse von "streng geschützt" auf "geschützt" zurückgestuft werden. So könnte einfacher gegen auffällige Wölfe vorgegangen werden.

Backhaus dringt auf Änderung des Naturschutzgesetzes

Umweltminister Backhaus sieht es ähnlich: In einer Arbeitsgruppe auf Bundesebene setzt sich Backhaus für eine Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes ein. Dabei geht auch um den Abschuss von auffälligen "Problemwölfen": "Wir müssen das Gesetz ändern mit der Maßgabe, dass wenn Wölfe Nutztierbestände angreifen oder auch auf Dörfer zugehen, dass sie dann getötet werden", so der Minister. Auch eine Bundesratsinitiative Niedersachsens in Absprache mit Mecklenburg-Vorpommern sei gut auf dem Weg.

Das Wolfs-Comeback in Mecklenburg-Vorpommern

Präventionsmaßnahmen sollen erstattet werden

Außerdem sollen Nutztierhalter die Kosten für Herdenschutzhunde, Hütehunde und spezielle Zäune künftig erstattet bekommen - bevor etwas passiert. "Wir werden hoffentlich auch in den nächsten Tagen bereits hören, dass aus Brüssel die Zusage kommt, dass die präventiven Maßnahmen zu 100 Prozent gefördert werden können", ist Backhaus zuversichtlich.

Umweltschützer: Analyse statt neue Gesetze

Die Naturschutzverbände im Land halten von neuen Gesetzen dagegen wenig. Rica Münchberger, Chefin des NABU im Nordosten, plädiert stattdessen für eine besonnene Analyse. Es sei leicht und populär, nach jedem neuen Wolfsriss den Abschuss der Raubtiere auszurufen. Vielmehr müsse erkannt werden, was im jeweiligen Fall falsch gelaufen sei. Dies müsse dann abgestellt werden, damit das Problem in der Zukunft nicht wieder auftrete. "Aber das Leben ist nicht so, wie man es sich theoretisch vorstellt", räumt sie ein. "Es passieren immer Dinge, die man nicht vorhergesehen hat."

"Das ist schon eine Dramatik"

In der Diskussion des jüngsten Vorfalls sind sich alle einig: Der betroffene Schäfer in Woosmer bei Dömitz hatte seine Tiere umfassend geschützt. Trotzdem konnten offenbar mehrere Wölfe die Herde mit 600 Mutterschafen in Panik versetzen und Beute machen. "Das ist schon eine Dramatik", sagte Backhaus. Er vermutet, dass ältere Wölfe die jungen angelernt haben und sie dann gemeinsam als Rudel Jagd gemacht haben. Aus Münchbergers Sicht handelt es sich um einen tragischen und wirtschaftlichen Verlust für den Tierhalter. Der brauche in solch einer Situation professionelle Unterstützung.

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Doch daran hapere es. "Es fehlt einfach an Fachpersonal, mit dem man das Problem vernünftig diskutieren kann. Dafür muss das Ministerium sorgen, dass in diesem Fall entsprechend gut ausgebildete Fachleute da sind, die beraten können, die den Minister auch beraten können, um Entscheidungen für die Zukunft vorzubereiten", meint Münchberger.

Ministerium zwischen den Stühlen

Einen hundertprozentigen Schutz für Nutztierhalter wird es nicht geben, das weiß auch das Ministerium. Beim Thema Wolf sitzt es nach wie vor zwischen den Stühlen. Unter Artenschutz-Aspekten sei die Wiederkehr der Wölfe ein großer Erfolg, meint Backhaus. Aber man müsse eben auch an die Nutztierhalter denken. Am Ende gehe es darum, ein vernünftiges Verhältnis zwischen Wolf, Mensch und Nutztierhalter zu bekommen. "Denn wir wollen auch in der Zukunft Nutztiere auf der Weide sehen."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.11.2018 | 16:00 Uhr

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