Das große Fragezeichen Alt Tellin

Stand: 08.05.2021 10:07 Uhr

Mecklenburg-Vorpommern will die Größe der Ställe in der Tierzucht begrenzen. Denn das verheerende Feuer in der riesigen Schweinezuchtanlage Alt Tellin Ende März hat die Grenzen aufgezeigt.

von Franziska Drewes und Claudia Arlt, NDR 1 Radio MV

99 Seiten lang ist der Genehmigungsbescheid für die Schweinezuchtanlage Alt Tellin. Er wurde am 28. September 2010 vom damaligen Staatlichen Amt für Umwelt und Natur in Neubrandenburg ausgestellt. Mittlerweile wurde die Behörde in Staatliches Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburgische Seenplatte umbenannt. Allein 74 Seiten befassen sich mit Auflagen zu unterschiedlichen Themen wie etwa dem Brandschutz.

Auf die Frage, wie normal ein solcher Umfang an Auflagen ist, antwortet das heutige Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Mecklenburgische Seenplatte (StALU MS) dem NDR schriftlich so: "Unter Berücksichtigung dessen, dass mit dieser Genehmigung sowohl die Tierhaltungsanlage samt Abluftreinigung als auch eine Biogasanlage und die notwendigen Lagerbehälter für Gülle und Gärreste, somit drei immissionsschutzrechtlich genehmigungsbedürftige Anlagen genehmigt wurden, ist der Umfang nicht außergewöhnlich."

Landkreis für Brandschutz zuständig

Im Juni 2011 ist offizieller Baubeginn in Alt Tellin. Ein Jahr später ist Europas größte Schweinezuchtanlage fertig. Seitdem wird die Anlage kontrolliert und überwacht. "Allein durch das StALU MS wurden seit Inbetriebnahme 113 Überwachungen der Anlage durchgeführt", heißt es in der schriftlichen Antwort weiter. Für das Brandschutzkonzept der Anlage war der damalige Landkreis Demmin zuständig, heute der Landkreis Vorpommern-Greifswald. Dort ist Jörg Hasselmann Dezernent für Kreisentwicklung, Bauen und Umwelt. Er betont: "Zu Beginn gab es noch größere Beanstandungen." Aber diese seien zum Großteil abgestellt worden durch den Betreiber.

Brand war "keine Katastrophe"

Jörg Hasselmann geht auf das Feuer in Alt Tellin ein. Am Vormittag des 30. März steigt eine riesige Brandwolke über der Schweinezuchtanlage auf. "Dieser Brand hat gezeigt, dass das Brandschutzkonzept genau dazu geführt hat, dass es nicht zu einer Katastrophe kam. Der Brand war ein schreckliches Ereignis. Aber zu einer Katastrophe hätte es geführt, wenn das Feuer auf die Biogasanlage übergegriffen wäre. Und genau das konnte durch die Feuerwehr verhindert werden."

Schwelbrand in Zwischenwänden

Für den Baudezernenten des Landkreises Vorpommern-Greifswald steht fest, dass es unmöglich gewesen ist, den Brand in den Stalleinheiten der Anlage zu löschen. "Hier ist man davon ausgegangen, dass es an den Seitenwänden zu Schwelbränden kommen kann. Aber der Schwelbrand war in den Zwischenwänden. Er ist also nicht da entstanden, wo er per Brandschutzgutachten hätte entstehen können. Das kann man vorher nie voraussagen und so eine große Anlage gibt es auch nicht nochmal." Ende März sind in Alt Tellin nach jüngsten Angaben des Betreibers 49.700 Schweine verbrannt oder erstickt. Zunächst war von 55.000 Tieren die Rede. Nur 1.300 Schweine konnten gerettet werden. Zur genauen Brandursache wird noch immer ermittelt.

BUND fordert Aufklärung

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) reichte im September 2012 Klage beim Verwaltungsgericht Greifswald ein. Die Klage hatte zum Ziel, die Genehmigung für die Anlage wegen vorliegender Rechtsverstöße gegen Tierschutz- und Naturschutzvorschriften aufheben zu lassen. Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des BUND, blickt zurück. "Aus dem damaligen Brandschutzkonzept ging unter anderem nicht hervor, wie im Falle eines Feuers tausende Schweine gerettet werden sollen“. Corinna Cwielag betont zudem, dass laut dem überarbeiteten Brandschutzkonzept eine Rettung der Tiere gar nicht mehr vorgesehen war.

Am 15. März 2017 fand der erste Verhandlungstag zur BUND-Klage statt, bislang der einzige. Auch nach dem Großbrand in Alt Tellin hält der BUND an seiner Klage fest. Die Umweltschutzorganisation will so erreichen, dass Nutztiere im Falle eines Brandes generell gerettet werden müssen. "Alt Tellin hat gezeigt, dass in großen Ställen eine Rettung von tausenden Tieren so gut wie unmöglich ist", so Cwielag weiter.

Umfangreiches Gerichtsverfahren

Heinz-Gerd Stratmann ist Pressesprecher am Verwaltungsgericht Greifswald. Er verweist auf die umfangreichen eingereichten Unterlagen des BUND und der Beklagten. "Dabei ging es um Fragen des Biotopschutzes, des Störfallrechts, des Tier- und Brandschutzes." Für das Gericht sei das ein Verfahrensumfang, der nicht dem Üblichen entspricht und viel Zeit und Arbeit beansprucht, so Stratmann. Erschwerend kam laut Stratmann hinzu, dass auf Seiten des Anlagenbetreibers der Anwalt gewechselt hat. Das war im Jahr 2018. Dieser Prozessbevollmächtigte musste sich komplett neu einlesen, die umfangreichen Akten des Gerichts und der zuständigen Behörden studieren. Neue Stellungnahmen wurden geschrieben und dem Gericht vorgelegt.

Tiere nicht zu retten

Jörg Hasselmann vom Landkreis Vorpommern-Greifswald resümiert noch einmal den Brand in der Schweinzuchtanlage Alt Tellin. Er verweist auf viele Gespräche nach dem Feuer, auch mit den Feuerwehrleuten des Einsatzes. Für die Kameraden sei es unmöglich gewesen, sämtliche Schweine zu retten. "Tiere verkriechen sich. Die laufen nicht besorgt aus dem Stall. Das muss man kontrolliert durchführen können. Je weniger Tiere, um so einfacher ist das Ganze. Das ist unstrittig". Und aus seiner Sicht ist das in den großen Tierbeständen gar nicht möglich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 07.05.2021 | 12:00 Uhr

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