Stand: 02.06.2020 16:35 Uhr

Das Krankenhaus in Crivitz: Eine Chronologie der Ereignisse

von Gritt Kockot, NDR Nordmagazin

Ein Protestschild hängt bei der Mahnwache für den Erhalt der Geburtenstation des Mediclin-Krankenhauses Crivitz. © dpa-Bildfunk Foto: Jens Büttner
Die Geburtenstation in Crivitz: Wie die geplante Schließung einer Station zu einer Debatte über die Privatisierung der Gesundheitsversorgung von Flächenländern führte.

Am 6. Dezember 2019 verkündet Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU), dass die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Crivitzer Krankenhaus Ende 2019 geschlossen wird. Nach zahlreichen Mahnwachen der Crivitzer, Debatten im Landtag und Überlegungen zur Rekommunalisierung des Krankenhauses kündigt der Krankenhausbetreiber Mediclin am 9. April 2020 die endgültige Schließung der Geburtenstation im Sommer an - eine Chronologie der Ereignisse.

6. Dezember 2019: Gesundheitsminister Glawe verkündet Aus für Geburtshilfe in Crivitz

Am 6. Dezember 2019 verkündet Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU), dass die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Crivitzer Krankenhaus zum Jahresende 2019 geschlossen wird.Man wolle die jeweiligen Abteilungen stattdessen in der Asklepios Klinik Parchim bündeln. Die Crivitzer und das Klinikpersonal erfahren es aus den Sozialen Medien - über Facebook und Twitter.

Grund für Schließung: zu wenig Geburten

Als Gründe dafür geben die Geschäftsführungen von Asklepios und Mediclin rückläufige Geburtenzahlen und personelle Engpässe bei Hebammen und Fachärzten an. Insgesamt waren es weniger als 400 Geburten an beiden Standorten. Für Glawe handelt es sich bei dieser Maßnahme im Krankenhaus Crivitz nach eigenen Angaben lediglich um eine Strukturänderung: Geriatrie, also Altersheilkunde statt Geburtenstation und Gynäkologie.

Keiner wird arbeitslos!

Niemand solle entlassen werden, verspricht Gesundheitsminister Glawe auf der Pressekonferenz am 6. Dezember in der Asklepios Klinik Parchim. Der eine oder andere müsse sich aber "einer Fort- und Weiterbildung" stellen. Alle Crivitzer Ärzte und Hebammen sollen von der Asklepios-KIinik in Parchim übernommen werden. Doch auch hier stehen Umstrukturierungen an. Aus der Kinderklinik soll eine Tagesklinik für ambulante junge Patienten werden. Stationäre Behandlungen soll es damit nicht mehr geben.

Bürger demonstrieren in Crivitz mit Strampler-Wäscheleinen

Bürger protestieren in Crivitz gegen die Schließung der Geburtshilfe im Krankenhaus Crivitz. © ndr.de Foto: ndr.de
Bürger protestieren in Crivitz gegen die Schließung der Geburtshilfe im Krankenhaus Crivitz.

Das Personal in Crivitz und seine Bewohner sind von dieser Nachricht geschockt und fühlen sich von der Politik übergangen. Sie organisieren noch am gleichen Tag die erste Mahnwache vor dem Krankenhaus am See. Dabei ist auch die Bürgermeisterin von Crivitz, Britta Brusch-Gamm (parteilos). Am nächsten Tag demonstrieren rund 50 Crivitzer und viele Klinikmitarbeiter gegen die geplante Schließung. Sie würde ihrer Ansicht nach "ein großes Loch" in die medizinische Grundversorgung der Region reißen. Die Demonstranten fordern von der Politik, die Abteilung zu erhalten. Die Mahnwachen in Crivitz dauern an. Überall in Crivitz werden Babystrampler aufgehängt - als Zeichen des Protestes.

Glawe muss nachverhandeln

Wenige Tage später - am 10. Dezember - demonstrieren die Crivitzer und ihre Bürgermeisterin vor der Staatskanzlei in Schwerin. Sie empfangen Glawe mit Buhrufen. Er verspricht Brusch-Gamm, nach Crivitz zu kommen, um alles in Ruhe zu besprechen. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat indessen deutlich gemacht, dass sie sich mit der Lösung für Crivitz und Parchim nicht zufrieden gibt und fordert von Glawe Nachverhandlungen.

Auch der Landtag fordert am 13. Dezember einstimmig den Erhalt der Station für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Mediclin-Klinik in Parchim. Und auch eine Lösung für die seit Juni 2019 geschlossene Kinderstation in der Asklepios-Klinik Parchim.

Die Kooperationsvereinbarung

Am 19. Dezember vergangenen Jahres wird schließlich eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Klinikbetreiber und Gesundheitsminister einigen sich auf den Bestand der Geburtshilfe in Crivitz bis Ende Juni 2020. In der Zwischenzeit soll mit allen Beteiligten ein tragfähiges Konzept entwickelt werden. Es soll auch geprüft werden, ob der Landkreis zur Sicherstellung der Krankenhausversorgung in Crivitz als Option in Frage käme. Ein Sprecher von Mediclin lässt aber schon durchblicken, dass die Geburtsstation Crivitz trotz aller Bemühungen wohl nicht bestehen bleiben könne. Landrat Sternberg erklärt, er habe sich Zeit erkauft. Ihm sei wichtig, dass es in Crivitz über den 1. Januar hinausgehe.

Das Aus der Geburtenstation in Crivitz

Am 9. April kündigt der Krankenhausbetreiber Mediclin die endgültige Schließung der Geburtenstation im Sommer an - nach fast 60 Jahren. Obwohl die Verhandlungen mit dem Land und dem Landkreis noch laufen. Jetzt ist auch klar, dass für den Landkreis eine Rekommunalisierung des gesamten Krankenhauses möglich scheint. Landrat Sternberg ist nichtsdestotrotz erstaunt über diese Ankündigung des Konzerns. Für werdende Eltern in der Region sei das eine schwierige Situation, sagen sowohl Britta Brusch-Gamm sowie Mitarbeiter der Geburtenstation - zumal damit zu rechnen sei, dass die Kreißsäle sowohl in Crivitz als auch in Parchim abwechselnd oder sogar gleichzeitig geschlossen sind.

Die Betriebsvereinbarung

Unterdessen hat Mediclin am 25. März mit dem Betriebsrat in Crivitz eine Betriebsvereinbarung mit Sozialplan für die Abteilung ausgehandelt. Eine Sprecherin des Krankenhausbetreibers bestätigt, dass geprüft werde, inwieweit die medizinische Versorgung auf der Station überhaupt noch bis Ende Juni aufrechterhalten werden kann.

Weitere Informationen
Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) spricht in ein Mikrofon. © NDR Foto: Virginie Konarski

Gesundheitsausschuss begrüßt Vereinbarungen zu Crivitz

Der Gesundheitsausschuss des Landtags hat die Vereinbarungen zur Geburtsstation in Crivitz begrüßt. Vertreter aller Fraktionen äußerten sich zufrieden, dass eine Schließung vorerst vom Tisch ist. mehr

Holding "LuP Kliniken"

Ein Kauf des Crivitzer Krankenhauses durch den Landkreis Ludwigslust-Parchim wird immer wahrscheinlicher. Verhandelt wird vor allem über den Kaufpreis des in Millionenhöhe verschuldeten Krankenhauses und wegen nötiger Investitionsprojekte. Erst, wenn da Einigkeit besteht, könnte der Landkreis das Krankenhaus zum 1. Januar 2021 übernehmen, sagt Landrat Sternberg. Das soll unter dem Dach einer kreiseigenen Holding geschehen, also einem Verbund von Krankenhäusern mit dem Arbeitstitel "LuP Kliniken". Der Kreis könnte sich dann auch eine Mehrheitsbeteiligung an den beiden Krankenhäusern in Ludwigslust und Hagenow vorstellen.

Erste Entlassungen in Crivitz

Ende April erhalten zwei Oberärztinnen der Gynäkologie- und Geburtenstation ihre Kündigungen. Und das, obwohl in der Betriebsvereinbarung steht, dass Kündigungen nicht vor dem 30. Juni ausgesprochen werden sollen. Zu diesem Zeitpunkt arbeiten vier Ärzte und Ärztinnen sowie drei Hebammen auf der Geburtenstation. Die Proteste der Crivitzer für deren Erhalt gehen indes unvermindert weiter.

VIDEO: Was passiert mit der Mediclin-Klinik in Crivitz? (3 Min)

Die Sache mit der Präambel in der Betriebsvereinbarung

In dieser Präambel steht, dass es eine Abstimmung zwischen dem Wirtschaftsministerium und Mediclin gegeben haben soll, die Versorgungsbereiche beider Kliniken (Crivitz und Parchim) am Standort Parchim zu bündeln. So wie es ursprünglich geplant war. Auf Anfrage des NDR gibt Mediclin darauf keine Antwort. Asklepios, der Mutterkonzern von Mediclin und Betreiber des Parchimer Krankenhauses, teilt mit, dass die Gespräche mit dem Ministerium noch nicht beendet seien. Und das Ministerium: keine Bestätigung, kein Dementi. Die Bürgermeisterin von Crivitz fasst zusammen, was alle Bewohner und viele Klinikmitarbeiter denken: "Es gibt politisch ein klares Statement für die Station und in der Realität passiert der Abbau." Die Bewohner von Crivitz und viele Klinikmitarbeiter fühlen sich von der Politik im Stich gelassen!

Abmeldung des Kreißsaales in Crivitz über Pfingsten

Zum dritten Mal im Mai schließt der Kreißsaal, drei Hebammen haben sich krankgemeldet. Werdenden Müttern wird geraten, nach Hagenow, Parchim oder Schwerin auszuweichen. Seit Jahresbeginn kamen in Crivitz rund 120 Babys zur Welt.

Die Situation spitzt sich weiter zu

Crivitz: Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck
Der Streit um die Schließung der Geburtshilfe am Krankenhaus Crivitz dauert seit Monaten an. (Archivbild)

Eine Woche vor der Kreistagssitzung des Landkreises Ludwigslust-Parchim am 4. Juni tauchen neue Informationen auf.Die neuen Pläne für eine Rekommunalisierung der Klinik liegen auf dem Tisch. Danach kauft der Kreis das Krankenhaus in Crivitz und strukturiert es um, denn das Haus ist überschuldet. Derzeit liegt das Defizit bei rund zehn Millionen Euro. Ein Grund dafür ist laut Beschlussvorlage die Geburtshilfe. Für deren Erhalt gehen seit Monaten Menschen im Kreis auf die Straße. Inwiefern bei einer Übernahme die Station erhalten werden kann, ist noch unklar. In der Vorlage für die Kreistagsmitglieder wird auch deutlich empfohlen, bei einer Neuausrichtung des Krankenhauses mit anderen Krankenhausträgern zusammen zu arbeiten. Naheliegend wäre eine Kooperation mit dem Krankenhauskonzern Helios. Nach Informationen des NDR soll es dazu bereits erste Gespräche zwischen Kreis und Konzernvertretern gegeben haben.

Vorzeitiges Aus der Geburtenstation in Crivitz

Ende Mai: Die Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Crivitzer Krankenhaus werden jetzt doch einen halben Monat früher schließen als bisher geplant. Der 12. Juni ist der letzte Tag, an dem auf der Geburtenstation in Crivitz Kinder zur Welt gebracht werden können. Damit können dann werdende Mütter nur noch auf Hagenow, Parchim oder Schwerin ausweichen. Die Nachsorge für die Mütter wird dann noch von Ärztinnen, Hebammen und Schwestern bis zum 17. Juni Crivitz gewährleistet. Dabei hatten sich Gesundheitsministerium, Landkreis und Krankenhauskonzerne vor einem halben Jahr eigentlich auf den Erhalt der Geburtenstation bis zum 30. Juni verständigt. Was nun aus dem gesamten Krankenhaus wird, entscheidet sich auf der Kreistagssitzung des Landkreises Ludwigslust-Parchim am 4. Juni. Dann wird darüber abgestimmt, ob der Kreis das Krankenhaus in Crivitz zum 1. Januar 2021 übernimmt. Offen ist jedoch, ob es dann wieder eine Geburtenstation in Crivitz geben wird. Oder ob das Aus nach fast 60 Jahren endgültig ist.

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Crivitz: Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.06.2020 | 16:00 Uhr

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