Stand: 22.08.2019 16:33 Uhr

"Die Suche nach Bernstein kann zur Sucht werden"

von Wiebke Neelsen, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Auch an der norddeutschen Ostseeküste leben ganze Branchen von den Touristenströmen im Sommer. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch einen anderen kleinen Wirtschaftsfaktor neben Meer und Strand: das Geschäft mit dem Bernstein, dem sogenannten Gold des Meeres.

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Auf einer Wanderung entlang der Ostseeküste erklärt Naturführer Martin Hagemann den Teilnehmern alles über Bernstein.

Mit großen Knüppeln in der Hand durchkämmen Touristen die angeschwemmten Muschelbänke am Prerower Strand nach Bernstein. Angeleitet werden sie von Martin Hagemann, zertifizierter Naturführer. Vor drei Jahren hat der gebürtige Rüganer auch sogenannte Bernstein-Wanderungen in sein Angebot aufgenommen. Eine Kooperation mit dem Deutschen Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten, wo die Besucher auf seine Führungen hingewiesen werden, sagt Hagemann: "Ich hatte mit viel weniger Besuchern gerechnet, die über das Museum kommen. Mittlerweile ist es so, dass mehr Gäste von mir zum Museum kommen als umgekehrt."

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Hagemann informiert die Teilnehmer seiner Wanderung auch über andere Aspekte der Ostseeküste - über Winde und Abtragungen, Muscheln und verschiedene Steine zum Beispiel. Denn vom Bernstein alleine kann er nicht leben.

Kunst aus Bernstein

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Michael Neubauer macht aus Strandfunden Kunst. Bernstein ist für ihn eine Leidenschaft.

So geht es auch Michael Neubauer. Der Bernstein ist für ihn eine Leidenschaft - seit mehr als 40 Jahren. Eigentlich gibt es nichts Wichtigeres in seinem Leben, sagt er: "Von Kindheit an sammle ich den Bernstein am Strand, und seitdem bestimmt er mein Leben." Im Zentrum von Prerow betreibt er ein Atelier für Bernsteinkunst. Der gebürtige Bremer verarbeitet Strandfunde zu Schmuck. Der Bernstein macht ungefähr ein Drittel seines Angebotes aus. Ansonsten verwendet er zum Beispiel Treibholz, Meerglas und Donnerkeile für seine Produkte.

Nächtelang ist er an den Stränden unterwegs, schläft zum Teil nur wenige Stunden. Und es werden immer mehr Bernstein-Verrückte, wie er sagt. Sie verabreden sich übers Internet und jagen Ostwinden und Muschelbänken hinterher. Neubauer kennt Sammler, die dafür ihre Familie aufs Spiel gesetzt haben: "Die Suche nach Bernstein kann schnell zur Sucht werden. Man hofft immer, ein noch größeres Stück oder ein noch schöneres Stück zu finden. Das Sammeln hört ja nie auf."

Viele Besucher im Bernstein-Museum

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Der gelernte Bernsteindrechsler Henning Schröder verwaltet das Deutsche Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten.

Eine Sammlung im großen Stil verwaltet Henning Schröder im Deutschen Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten. Als Sohn der Stadt hat er zunächst Bernsteindrechsler gelernt. Sein Museum hat jährlich um die 60.000 Besucher. Der Bernstein ist an der mecklenburgischen Ostseeküste ein kleiner wirtschaftlicher Faktor - wenngleich es früher, zu DDR-Zeiten, mehr Handwerker gegeben hat, die Bernstein verarbeitet haben, sagt Schröder: "Die waren immer ausgelastet, aber nach der Wende war das dann irgendwann vorbei. Heute kann man den Schmuck ja überall günstig kaufen, und der muss nicht extra angefertigt werden."

Importe aus Russland, Polen oder Litauen

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In seiner Schau-Manufaktur verarbeitet Thomas Radtke im großen Stil Bernstein, der zum Großteil aus Osteuropa importiert wird.

Außer es handelt sich um exquisite Einzelstücke, wie sie auch in der Schau-Manufaktur in Ribnitz-Damgarten hergestellt werden. Hier wird mehr als die Hälfte des Schmuckes vor Ort produziert. Den Roh-Bernstein importiert Geschäftsführer Thomas Radtke jedoch von der Ostseeküste vor Russland, Polen oder Litauen zum Beispiel: "Hier darf ich gar keinen Bernstein schürfen. Und wenn ich den Bernstein nur sammeln würde, müssten 50 Mann drei Jahre sammeln, bis ich so viel hätte, dass ich ein Jahr lang produzieren könnte. Das geht natürlich nicht."

Denn die Bernstein-Funde vor der mecklenburgischen Küste reichen nicht aus, um damit in großem Stil zu handeln - so wie er es macht. Radtke bietet seine Produkte auf allen Plattformen an, von Amazon bis Karstadt. Macht 1,7 Millionen Euro Jahresumsatz - und beschäftigt immerhin knapp 30 Mitarbeiter. In Mecklenburg-Vorpommern hängen auch heute noch rund 80 Arbeitsplätze am sogenannten Gold des Meeres - und für den Einzelnen ist jeder Fund ein besonderes Erlebnis.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 23.08.2019 | 07:41 Uhr

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