Stand: 15.07.2020 11:06 Uhr

Bundesrat will mehr regionalen Weideabschuss

Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV Aktuell

Rinder folgen einem Landwirt  Foto: Franziska Drewes
Biolandwirt Rohlfing setzt auf regionale Schlachtung und Vermarktung. (Archivbild9

Unter Landwirten steigt die Hoffnung, dass sie ihre Tiere künftig hofnaher schlachten dürfen, und zwar durch einen Abschuss auf der Weide. Der Bundesrat hatte dazu im Juni dieses Jahres eine Initiative auf den Weg gebracht. Nach geltendem Recht dürfen Tiere grundsätzlich nur im Schlachthof oder in mobilen Schlachtboxen getötet werden. Ausnahmen gelten derzeit für Rinder, die ganzjährig im Freien weiden. Der Bundesrat will diese Ausnahme erweitern, und zwar auf Rinder und Schweine, die nur saisonal im Freien leben.

Aufatmen bei Landwirten - auch in Mecklenburg-Vorpommern

Mitten im Trebeltal grasen Rinder auf einer Weide. Genau hier sollen seine Tiere auch ihren letzten Moment verbringen, wünscht sich Biolandwirt Christian Rohlfing vom Gut Bad Sülze. Noch fährt er sie zum Schlachten entweder nach Lodmannshagen bei Wolgast oder nach Teterow, beide Touren dauern etwa eine Stunde. "Die Kühe stehen alle zusammen. Die kennen sich untereinander. Die haben eine Beziehung zueinander aufgebaut. Ich muss sie aus der Herde nehmen. Und im Großschlachthof erleben sie eine fremde Umgebung, fremde Gerüche, fremde Tiere. Das bedeutet alles Stress."

Mecklenburg-Vorpommern stimmt im Bundesrat nicht ab

In Mecklenburg-Vorpommern töten bislang nur wenige Landwirte ihre Tiere auf der Weide. Eine Statistik darüber, wie viele es sind, gibt es nicht. Als am 5. Juni dieses Jahres der Bundesrat über die Zukunft der Weideschlachtung abstimmt, gibt Mecklenburg-Vorpommern seine Stimme nicht ab. Aus dem Landwirtschaftsministerium in Schwerin heißt es zur Begründung: "Mecklenburg-Vorpommern lehne die Weideschlachtung nicht generell ab. Der in den Bundesrat eingebrachte Vorschlag Bayerns ist aber aus tierseuchen- und lebensmittelhygienischen Gründen abgelehnt worden." Zudem argumentiert das Landwirtschaftsministerium, dass es keine Studien gibt, die belegen, dass die Weideschlachtung die Fleischqualität positiv beeinflusst. Dem widerspricht Klaus Immel, amtlicher Tierarzt des Kreises Kleve in Nordrhein-Westfalen.

Nordrhein-Westfalen ist Vorreiter bei Weideabschuss

Seit über 20 Jahren befasst er sich mit dem Thema Weideabschuss. Als Experte hält er Fachvorträge an Hochschulen und berät Veterinärämter deutschlandweit. "Der stressfreie Tod in der gewohnten Umgebung hat sehr wohl Einfluss auf die Fleischqualität", argumentiert Immel. Als amtlicher Tierarzt kontrolliert er auch Fleisch in Schlachthöfen. "Ich habe häufig erlebt, dass das Fleisch leimig ist. Das heißt, das Fleisch trocknet nach der Schlachtung in der Kühlung nicht richtig ab. Das liegt am Stress der Tiere. Das Wasserhaltevermögen der Muskelzellen ist gestört und da kommt es dann zu solchen Qualitätsminderungen."

Weideschlachtung für Tiere stressfrei

Klaus Immel wünscht sich, dass die Weideschlachtung deutschlandweit hoffähig wird. "Denn unsere Erfahrung zeigen, gegen alle Ängste, die vorher existiert haben, dass es beim Schuss eben nicht zu einer Panik kommt unter den Tieren, sondern dass sie sehr kurz darauf reagieren, wenn ein Artgenosse zusammenbricht. Und dann gehen die anderen Tiere wieder zur Tagesordnung über." In seiner Heimat Kleve können Landwirte seit Jahren Kurse zur Weideschlachtung belegen, erzählt Klaus Immel. Partner sind die jeweiligen Veterinärämter und die Polizei. "Diese Kurse beinhalten die komplette theoretische Ausbildung, damit eben auch das Waffenrecht richtig angewendet wird. Nach den Kursen gibt es eine praktische Prüfung und die nimmt das Veterinäramt ab."

Biopark begrüßt Pläne zur Weideschlachtung

Der ökologische Anbauverband Biopark mit Sitz in Güstrow begrüßt die Pläne zur Weideschlachtung. "Mit diesem Vorschlag können wichtige Ziele des Tierschutzes umgesetzt und lange Tiertransporte vermieden werden", heißt es in einer Erklärung. Der Bundesrat fordert nun die Bundesregierung auf, die nationalen Ausnahmereglungen zu erweitern und die Weideschlachtung im EU-Recht zu verankern. Darauf hofft auch Biolandwirt Christian Rohlfing vom Gut Bad Sülze. Er kämpft noch um eine Weideschussgenehmigung. Vor sechs Jahren wurde sein Antrag vom zuständigen Veterinäramt Ribnitz-Damgarten abgelehnt. Zu viele Fragen seien offen gewesen, so Rohlfing.

Biolandwirt sieht regionale Verarbeitung als Weg der Zukunft

Er überlegt nun, ob er einen neuen Antrag stellt. Der Landwirt ist zudem Jäger. Er würde seine Rinder auch gern selbst auf einer hofeigenen Koppel töten und sich für deren Verarbeitung ein eigenes Kühlhaus bauen. "Ich kümmere mich drei Jahre um das Tier. Dann wäre der Kreislauf geschlossen." Christian Rohlfing arbeitet schon jetzt mit einem anderen Landwirt aus Lodmannshagen bei Wolgast zusammen, der ein eigenes Schlachthaus hat. Dort lässt Christian Rohlfing seine Rinder zerlegen. Das Fleisch wird auf Märkten der Region verkauft. Für den Biolandwirt ist das der Weg der Zukunft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.07.2020 | 12:00 Uhr

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