Bürgermeisterin auf Usedom, Laura Isabelle Marisken: "Wieder Normalität, aber keine Entwarnung"

Stand: 21.06.2021 10:33 Uhr

Wie geht es uns? Was brauchen wir jetzt, um über den zweiten Sommer in der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Winter 2020 und Sommer 2021 erlebt haben.

von Dörte Rochow

Vor einem Jahr macht Heringsdorf auf der Insel Usedom überregional Schlagzeilen. Die Gemeinde muss nach dem Willen der Landesregierung Urlauber aus sogenannten Risikogebieten nach Hause schicken. Ein Jahr später kehrt auch für Bürgermeisterin Laura Isabelle Marisken wieder Normalität ein.

"Das normale Leben ist zurückgekehrt"

"Uns geht es deutlich besser, das normale Leben in der Gemeinde Ostseebad Heringsdorf ist zurückgekehrt. Wenn man sich zurückversetzt in den Winter, da waren die Straßen wirklich leer. Auf der Promenade hat man keine Person gesehen und jetzt gibt es wieder die Menschen, die flanieren, ein Eis essen, ein Fischbrötchen verspeisen und es ist einfach so das Leben zurückgekehrt und ich glaube das tut uns allen gut - vor allen Dingen auch nach der langen Zeit, über 200 Tage hier ohne touristische Gäste", sagt die junge Bürgermeisterin.

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Seit neun Jahren ist die Diplom-Juristin in Mecklenburg-Vorpommern zu Hause, zog nach ihrem Wahlsieg 2019 von Greifswald auf die Insel Usedom, in die Gemeinde Heringsdorf. Die drei Kaiserbäder kennt sie seit ihrer Kindheit. Laura Isabelle Marisken hat die Ferien oft an der Ostsee verbracht. Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck zählen nach wie vor zu den beliebtesten Urlaubsorten auf der Insel. 2019 - vor Corona - wurden hier rund vier Millionen Übernachtungen registriert. Dann der Einbruch: Der wirtschaftliche Schaden ist für alle enorm. 8.400 Einwohner, viele sind im Tourismus tätig. "80 Prozent sind hier mittelbar oder unmittelbar vom Tourismus abhängig."

Die Situation war und ist auch weiterhin beschwerlich

"Da müssen wir uns auch nichts vormachen, die Pandemie hat viel Geld gekostet. Mehr als 200 Tage lang hat unser Hauptwirtschaftszweig brach gelegen, da kann sich auch jeder ausrechnen, was das mit den steuerlichen Einnahmen einer Kommune macht." Die Situation war und sei auch weiterhin für viele beschwerlich.

"Die Existenzangst, da ist ja einfach diese Angst, nach über 200 Tagen der Schließung, jetzt wieder auf die Füße zu kommen. Und ich würde da jetzt auch noch keine Entwarnung geben wollen. Wir haben jetzt den Sommer - und toi, toi, toi - hoffentlich haben wir eine tolle Saison, aber dieses finanzielle Polster ist ja so geschmolzen, die Saison ist kürzer. Jetzt ist einfach zu hoffen, dass wir nicht Richtung Herbst und Winter eine ganz große Pleitewelle haben und das ist etwas, was mich immer noch sorgt."

Impf-Helfer sind Hunderte Kilometer unterwegs

Die letzten 15 Monate hätten aber auch Positives, da sei der Zusammenhalt in der Gemeinde und Gruppen, die sich in sozialen Netzwerken gegründet haben, um Nachbarschaftshilfe zu leisten. "Das ist ein sehr positiver Aspekt und den werde ich auch nicht vergessen, auch nach der Pandemie nicht."

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Freiwillige aus der Gemeinde sind ins 70 Kilometer entfernte Greifswald gefahren, um Ältere ins Impfzentrum zu bringen. Mit dem öffentlichen Nahverkehr sei das eine Fahrt von zweieinhalb Stunden pro Strecke. "Das war so toll, dass sich da Menschen gemeldet haben, die nicht in irgendeinem verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Verhältnis zu diesen Personen standen und die natürlich selbst auch viel zu tun haben. Das ist schon eine Tagestour von mehreren Stunden für eine fremde Person und das wiederholt. "Wir haben mal ausgerechnet, insgesamt sind unsere freiwilligen Impf-Fahrer von Heringsdorf bis nach Neapel gefahren. Das sind 1.820 Kilometer, das ist eine tolle Leistung und das berührt mich auch."

"Man freut sich so über total selbstverständliche Dinge"

Laura Isabelle Marisken hat die Hoffnung, dass das gewohnte Leben nie wieder so heruntergefahren werden muss wie zuletzt. Neben der Wiedereröffnung der Hotels und Ferienhäuser, der Bars und Restaurants in ihrer Gemeinde gehören in der Saison auf Usedom häufig auch lange Autoschlangen zum Alltag. Doch über ihren ersten Stau in dieser Saison hat sich die Bürgermeisterin nicht geärgert. "Wie schön, es sind endlich wieder so viele Menschen da", erklärt sie die Situation. "Man freut sich so über total selbstverständliche Dinge, das ist mir jetzt aufgefallen", schmunzelt die Rathauschefin, die freudestrahlend von ihrem ersten Restaurantbesuch berichtet: "Wieder was Gekochtes zu bekommen, was man nicht selbst zubereitet hat, das war so ein Luxus - was sonst auch ein Luxus ist - aber man hat es ganz anders wahrgenommen - das war echt schön."

Künftig will Marisken das tun, wofür sie gewählt worden ist und ihre "Power in die kommunalen Probleme stecken". Statt Pandemie soll nun wieder die Entwicklung ihrer Gemeinde im Fokus stehen, Investitionen, Bau- und Sozialprojekte stünden an.

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