Stand: 18.03.2019 17:56 Uhr

"Beluga"-Untergang bleibt weiter rätselhaft

von Michael Schmidt, NDR Nordmagazin

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Kapitän Frank Schneider (oben), Maschinist Hartmut Gleixner sowie der Lehrling Martin Senfft kamen bei dem Untergang ums Leben. (Bildmontage)

In der Nacht vom 16. zum 17. März 1999 war die Ostsee ruhig. Es herrschten klare Sicht und nur ein schwacher Seegang. Eine einfache Fahrt also für den Fischkutter "Beluga" und seine Besatzung. Etwa um 23:30 Uhr hatte das blau gestrichene Boot aus Stahl den Hafen von Sassnitz verlassen und Kurs auf die Insel Bornholm genommen. Kapitän Frank Schneider hatte auf der Brücke alles im Blick, sein Maschinist Hartmut Gleixner und der Lehrling Martin Senfft ruhten schon in ihren Kojen.

Eine unaufgeregte Überfahrt - und trotzdem geschah das Unglück. Gegen 3 Uhr in der Nacht muss es gewesen sein, als die "Beluga" urplötzlich sank. Rasend schnell muss alles passiert sein. Als man die Leichen der Männer Tage später aus der See bergen konnte, hatte nicht einer von ihnen Rettungskleidung an. Obwohl die Rettungsanzüge an Bord des Kutters nur drei bis vier Schritte von der Schlafkammer entfernt bereit lagen.

Auffällige Schleifspuren an Deck

Am Haken eines großen Schwimmkrans hängend wurde der Fischkutter Tage danach in den Sassnitzer Hafen gebracht. Überall standen Schaulustige. Die drei Männer der Besatzung waren nicht nur unter den Fischern bekannt. Kapitän Frank Schneider genoss den besten Ruf, bekannt für sein Drängen auf Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften. Sämtliche Technik an Bord funktionierte bei ihm stets einwandfrei. Was könnte da draußen auf dem Kutter passiert sein? Die "Beluga" am Kranhaken sah eigentlich aus wie immer. Aber wer genauer hinsah, konnte an Deck merkwürdige Schleifspuren erkennen. Am Handlauf der Reling, vor allem aber am Schornstein und am Bordkran. Alles deutete auf Spuren einer äußeren Krafteinwirkung hin. Womöglich durch ein Seil aus Stahl?

Die Fischer sollen selbst Schuld gewesen sein

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Die "Beluga" wurde einige Tage nach dem Unglück in den Sassnitzer Hafen gebracht. Zahlreiche Schaulustige sahen zu. (Archivbild)

Mit Spannung wurden die Ergebnisse der offiziellen Unfalluntersuchung erwartet. Doch der Spruch des Seeamtes Rostock Ende Oktober 1999 und später des Bundesoberseeamtes Hamburg gaben den Fischern selbst die Schuld am Unglück: Der Unfall sei mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf zurückzuführen, dass Wasser über die beiden geöffneten achteren Bodenspeigatten eindrang und von dort bis in den Maschinenraum einlief. Dies habe zum Verlust der Reststabilität geführt.

Mit anderen Worten: Die Fischer seien schlicht und einfach zu unachtsam gewesen und hätten nicht gemerkt, wie von Seemeile zu Seemeile immer mehr Seewasser durch zwei kleine runde Öffnungen außen - die sogenannten Bodenspeigatten - in den Kutter eindrang, bis er schließlich sank. Die "Beluga" - ein Fischkutter in miserablem technischem Zustand. Nicht nur die Hinterbliebenen Familien sondern auch viele Fischer von Rügen konnten über diesen Spruch nur den Kopf schütteln. Vollkommen fernab jeder Realität sei das.

Der NDR auf Spurensuche

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Wurde der Untergang des Kutters womöglich durch ein Seil aus Stahl ausgelöst (Grafik)

Nicht nur für die beiden NDR Journalisten Michael Schmidt und Lutz Riemann (inzwischen pensioniert) waren mit dem tragischen Unfall auf See viele ungeklärte Fragen verbunden. Sie befragten Experten für Schiffssicherheit, Kriminaltechniker, deutsche und dänische Fischer. Übereinstimmende Meinung: Die "Beluga" kann nur durch eine Fremdeinwirkung von außen gesunken sein. Immer wieder gab es Spekulationen und Vermutungen, dass es einen Zusammenhang zum NATO-Manöver Jaguar geben könnte. Denn die großangelegte internationale Marineübung fand zur selben Zeit im selben Seegebiet statt.

Die "Beluga" als Manöver-Kollateralschaden?

Fischer, die in der Zeit im Seegebiet zwischen Rügen und Bornholm unterwegs waren, bestätigten zudem, dass offiziell angekündigte Manöverzeiten nicht eingehalten wurden. Es wurde länger und öfter geschossen als mitgeteilt, es waren auch mehr Marineschiffe unterwegs. Könnte es also sein, dass die "Beluga" in einen militärischen Schleppverband hineingeraten war? Ein sogenannter Kollateralschaden? Sowohl von der Marine als auch von der Staatsanwaltschaft wurde das immer energisch bestritten. Auffällig war und ist jedoch bis heute, dass eventuelle Radaraufzeichnungen zum NATO-Manöver nicht mehr vorhanden oder gar gelöscht sein sollen. Nicht einmal die Anwälte der Hinterbliebenen der toten Fischer konnten etwas ausrichten.

Unaufgeklärte Widersprüche

Kurz nach dem Unglück waren Polizeitaucher zur gekenterten "Beluga" hinabgestiegen. Ein Beamter berichtete danach - die Bilder liegen auch dem NDR vor - dass der Bordkran des Kutters nicht in Ruhestellung gewesen sei. Es müsste demzufolge irgendeine Kraft auf dieses Gerät eingewirkt haben. Diese Beobachtung gab der Beamte auch der Staatsanwaltschaft zu Protokoll. Als dann im Jahr darauf derselbe Beamte vom Bundesoberseeamt Hamburg befragt wurde, berichtete er, dass der Kran unter Wasser sich fest in Ruhestellung befunden habe. Welche Aussage stimmte: die gegenüber der Staatsanwaltschaft oder die gegenüber dem Bundesoberseeamt? Einmal muss der Beamte die Unwahrheit gesagt haben. Warum? Und warum hat der Richter am Bundesoberseeamt nicht versucht, das aufzuklären?

Die "Beluga" und kein Ende

Immer noch wollen sich die Familien der drei toten Fischer nicht mit den offiziellen Erklärungsversuchen zu den Unglücksursachen abfinden. Immer noch recherchiert auch der NDR. Nun wird sich auch der Petitionsausschuss des Europaparlaments der Sache annehmen. Unter der Nummer 0182/2019 sei der Fall dort registriert, hieß es. Die Witwe des Kapitäns hatte Anfang des Jahres eine entsprechende Petition in Brüssel eingereicht. Vor einer Woche erhielt Frau Schneider die Antwort, dass das Europäische Parlament alles auf den Weg gebracht habe. Außerdem setzt sich der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Baumann dafür ein, dass sich die Europäische Bürgerbeauftragte mit dem Unglück befassen soll. Auch die NDR Recherchen laufen 20 Jahre nach dem Unglück weiter, um weitere Informationen zu bekommen - etwa von ehemaligen dänischen Offizieren, die auf Radarstationen gedient haben und von russischen Offizieren der Baltischen Seekriegsflotte, die damals die NATO-Manöver beobachtet hatten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.03.2019 | 16:10 Uhr

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