Stand: 25.09.2020 11:10 Uhr

Rapsanbau: Wenn Pflanzenzucht mit Insektenschutz kollidiert

Raps -Versuchsfeld der Norddeutschen Pflanzenzucht. © NDR/JOKER PICTURES GmbH
Raps-Versuchsfeld der Norddeutschen Pflanzenzucht Hans Georg Lembke AG auf der Insel Poel. (Archivbild)

Von Franziska Drewes, NDR 1 Radio MV

Sie ist ein Traditionsunternehmen mit weltweitem Ausmaß, die Norddeutsche Pflanzenzucht Hans Georg Lembke KG in Malchow, auf der Insel Poel. Der Familienbetrieb züchtet seit mehr als 120 Jahren Pflanzen, vor allem Winterraps, Ackerbohnen und Erbsen und liefert das Saatgut in mehr als 40 Länder weltweit. Doch das Unternehmen blickt sehr sorgenvoll in die Zukunft. Anlass ist das geplante Insektenschutzgesetz des Bundes, das noch in diesem Jahr kommen soll.

Ohne Pflanzenschutz kein Raps

VIDEO: Poeler Pflanzenzucht-Unternehmen gefährdet (3 Min)

In einem Gewächshaus wachsen verschiedene Sorten Winterraps heran, die zuvor miteinander gekreuzt wurden. Eine Frage ist dabei besonders wichtig, erzählt Pflanzenzüchterin Alexandra Bothe. In welchem europäischen Land soll der Winterraps künftig wachsen? "Wenn wir Sorten für Osteuropa entwickeln, dann müssen wir darauf achten, dass diese Pflanze auch kühle Temperaturen übersteht. Für den englischen Markt sind ganz andere Pflanzen gefragt, denn dort regnet es viel. Wir haben also ein höheres Risiko für diverse Pflanzen-, und Pilzkrankheiten." Resistente Pflanzen sind wichtig, etwa gegen Kälte, Hitze oder Krankheiten, damit Landwirte einen optimalen Ertrag erzielen können.

Züchtern sind die Hände gebunden

Und genau hier setzt das künftige Problem an, erklärt Pflanzenzüchterin Alexandra Bothe. "Wir haben keine Mittel, um eine Insektenresistenz zu züchten. Raps ist während der unterschiedlichen Entwicklungsstadien so vielen Schädlingen ausgesetzt und wir kommen da von der züchterischen Seite nicht ran. Da müsste ich im Prinzip einen Stängel haben, der haarig ist oder Dornen hat, damit das Insekt nicht andocken kann. Das kriegen wir so nicht hin." Der sehr anspruchsvolle und anfällige Raps muss laut Bothe auch in Zukunft mit Pflanzenschutzmitteln begleitet werden. Denn er kann nicht ökologisch angebaut werden, dafür gibt es keine alternative Saatzucht.

Viele Insektenarten sind bedroht

Die Bundesregierung verfolgt mit dem Gesetz ein klares Ziel. Sie will Insekten schützen, da diese Tiere in unserem Ökosystem eine wichtige Rolle spielen und für biologische Vielfalt stehen. Mehrere wissenschaftliche Studien belegen, dass zahlreiche Insektenarten in ihrem Bestand gefährdet, sehr selten geworden oder bereits ausgestorben sind. In seinem Aktionsprogramm Insektenschutz verweist das Bundeslandwirtschaftsministerium darauf, dass in den aktuellen Roten Listen 25 Insektengruppen mit insgesamt 8.000 Arten und Unterarten bewertet werden, das sind etwa 24 Prozent der in Deutschland bekannten Insektenarten. Mittlerweile liegt ein Entwurf für das geplante Insektenschutzgesetz vor. Dieser ist nicht öffentlich einsehbar, durchgesickert ist aber unter anderem, dass in Naturschutzgebieten bestimmte Insekten- und Unkrautgifte künftig tabu sein sollen. Das umstrittene Pflanzengift Glyphosat soll beispielsweise ab 2024 verboten sein. "Wenn das Gesetz so kommt, müssen wir schließen", sagt Dietmar Brauer, er ist Geschäftsführender Gesellschafter des Zuchtbetriebes in Malchow mit seinen rund 80 Arbeitsplätzen.

Betrieb liegt im Vogelschutzgebiet

Denn die Flächen des Betriebes liegen mitten in einem Europäischen Vogelschutzgebiet. Dietmar Brauer schaut sorgenvoll in die Zukunft, Pflanzenschutzmittel spielen nicht nur bei der Zucht eine wichtige Rolle, sondern auch bei der Saatgutproduktion. "Wenn wir dort keine chemischen Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen dürfen, wächst das Unkraut und das Saatgut wird verunreinigt. Auch Schädlinge werden wir dann im Saatgut haben." Dieses Saatgut würden dann Landwirte in die Erde bringen. "Das können wir nicht verantworten", so Dietmar Brauer weiter.

Auslaufmodell Raps?

Eine Allianz aus mehreren Agrarverbänden hatte im Sommer dieses Jahres bereits vor schlechteren Anbaubedingungen in der deutschen Landwirtschaft gewarnt. Der Allianz gehören unter anderem der Deutsche Bauernverband, der Industrieverband Agrar, der Deutsche Weinbauverband und der Zentralverband Gartenbau an. Sie betonen, dass wegen des bevorstehenden Verlustes bewährter Pflanzenschutzmittel Bauern gerade bei anspruchsvollen Nutzpflanzen die Möglichkeiten fehlen würden, Schädlinge und Krankheiten wirksam zu bekämpfen. Es sei zu befürchten, dass Landwirte Kulturen wie Raps, Kartoffeln, Zwiebeln, Zuckerrüben und vor allem viele Obst- und Gemüsesorten seltener anbauen werden. Und das hat nach den Worten der Allianz fatale Auswirkungen auf die regionale Produktion von Lebensmitteln.

Betrieb hofft auf Ausnahmegenehmigung

Das Insektenschutzgesetz soll noch in diesem Jahr kommen. Das strebt das Bundesumweltministerium an. Vorher müssen dessen Inhalte noch diskutiert werden, etwa im Bundeskabinett, mit Verbänden und im Bundestag und Bundesrat. Dietmar Brauer hofft auf eine Ausnahmegenehmigung, damit auch in Zukunft Pflanzenschutzmittel auf seinen Betriebsflächen eingesetzt werden dürfen. Brauer setzt auf die Landesregierung und einen Managementplan, den es bereits seit fünf Jahren für diese Region gibt. Dieser Plan wurde mit der Europäischen Union und Mecklenburg-Vorpommern abgestimmt und erlaubt, dass auf Flächen gespritzt werden darf, wenn keine Alternativen wirken. Landwirtschaftsminister Backhaus hat sich bereits in die Problematik eingeschaltet. Der SPD- Politiker will das Poeler Traditionsunternehmen unterstützen und hat bereits mit seines Ressortkolleginnen auf Bundesebene gesprochen, Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Backhaus ist zuversichtlich, dass es eine Ausnahmegenehmigung geben wird und der Standort in Malchow erhalten bleibt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 25.09.2020 | 19:30 Uhr

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