Im Berliner Prozess um den Tod des DDR-Regimekritikers Michael Gartenschläger (undatiertes Archivbild) vor 26 Jahren haben zwei angeklagte Ex-Stasi-Offiziere ihre Mitschuld zurückgewiesen. © picture-alliance / dpa/ dpaweb

Bei der Demontage einer DDR-Splittermine erschossen

Stand: 29.04.2021 14:50 Uhr

Vor genau 45 Jahren wurde Michael Gartenschläger an der innerdeutschen Grenze bei Leisterförde von Spezialkräften der DDR-Staatssicherheit erschossen. Er wollte vom Westen aus einen sogenannten Todesautomaten vom Grenzzaun holen.

von Andreas Frost, NDR.de

In der Nacht zum 1. Mai 1976 haben vier Soldaten der DDR-Staatssicherheit an der innerdeutschen Grenze zwischen dem mecklenburgischen Leisterförde und dem holsteinischen Bröthen Michael Gartenschläger erschossen. Sie lauerten ihm auf, als er zum dritten Mal vom Westen aus versuchte, einen der todbringenden Selbstschussautomaten "SM 70" vom DDR-Grenzzaun abzubauen. In den Wochen zuvor hatte er zwei "SM 70" demontiert und mit Hilfe der westdeutschen Medien die DDR-Regierung bloßgestellt. Die Machthaber in Ost-Berlin hatten stets die Existenz der international geächteten Splitterminen geleugnet. "SM" stand für "Splittermine". Seit 1971 sollten sie helfen, "Grenzdurchbrüche" zu verhindern. Wer vom Osten aus über den Grenzzaun klettern wollte, löste über einen gespannten Draht die Zündung aus. Dadurch wurden 100 scharfkantige Stahlwürfel abgefeuert.

Auf der Lauer in der mondlosen Nacht

Seit Stunden lagen die beiden Doppelposten der Stasi am 30. April 1976 im flachen Gestrüpp westlich des Grenzzauns. Ein rund 15 Meter breiter Streifen gehörte noch zum DDR-Gebiet. Als Gartenschläger mit zwei Freunden in der mondlosen Nacht bei Leisterförde auftauchte, eröffneten die Stasi-Kräfte das Feuer. Gartenschläger wurde von neun Kugeln getroffen und war vermutlich sofort tot. Durch eine Lücke im Zaun wurde seine Leiche abtransportiert.

Lebenslang für den 17-jährigen Lehrling

Gartenschläger hatte einen Rochus auf die DDR. Er wurde 1944 geboren und wuchs im brandenburgischen Strausberg auf. Der Fan westlicher Rockmusik lehnte sich 1961 zusammen mit drei Freunden gegen den Bau der Berliner Mauer auf. Sie malten Parolen an Hauswände und zündeten einen Schuppen auf einem Feld an. Wegen "staatsgefährdender Hetze" und "staatsgefährdender Gewalttaten" wurde Gartenschläger zu lebenslanger Haft verurteilt. Selbst die Todesstrafe wurde in dem Schauprozess für den damals 17 Jahre Lehrling erwogen. Die DDR-Richter sahen ihn "auf dem Dunghaufen der Geschichte".

Fluchthilfe für Freunde in der DDR

Nach zehn Jahren Haft wurde Michael Gartenschläger von der Bundesrepublik freigekauft. Er lebte in Hamburg und in Reinbek, arbeitete als Tankwart und leistete für Freunde und Bekannte Fluchthilfe aus der DDR. Nach seinem Tod wurde die Leiche Gartenschlägers in die Gerichtsmedizin in Schwerin gebracht und später als "unbekannte Wasserleiche" aus der Elbe auf dem Schweriner Waldfriedhof begraben. Erst nach der Wiedervereinigung erfuhr Gartenschlägers Schwester, wo ihr Bruder beerdigt wurde. Er wurde nur 32 Jahre alt.

Vom Mord-Vorwurf freigesprochen

Die Stasi-Schützen bekamen kurz nach dem Tod Gartenschlägers hohe Auszeichnungen. Drei von ihnen mussten sich Jahre später wegen der tödlichen Schüsse vor dem Landgericht Schwerin verantworten. Sie wurden im Jahr 2000 vom Vorwurf des versuchen Mordes freigesprochen. Die Richter konnten nicht ausschließen, dass Gartenschläger in der fatalen Nacht zum 1. Mai 1976 einen ersten Schuss abgab und die Stasi-Schützen anfangs aus Notwehr zurückschossen. Zwar feuerten sie zahlreiche weitere Salven in seine Richtung. Das Gericht konnte sich aber nicht überzeugen, dass erst diese tödlich waren. "Alles ist möglich, nichts ist bewiesen", so der Vorsitzende Richter Horst Heydorn. Er betonte später in einem Interview, in dem politisch aufgeheizten Prozess nach Spuren, nicht aber nach Parteitagsbeschlüssen gesucht zu haben.

"SM 70" erst 1984 abgebaut

Nachdem Gartenschläger im April 1976 zwei "SM 70" demontiert hatte, setzte die Stasi alles in Bewegung, um ihn auszuschalten. Dennoch bleibt es bis heute rätselhaft, warum die vier Stasi-Schützen exakt an jenem Abschnitt lauerten, an dem Gartenschläger sich dem Grenzzaun näherte. Sein Wagemut hatte auf das Grenzregime der DDR wenig Einfluss. Den letzten der rund 70.000 Todesautomaten entlang der innerdeutschen Grenze baute die DDR erst 1984 ab.

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 30.04.2021 | 19:30 Uhr

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