Archivbild einer Telefonzentrale in Westberlin im Januar 1971: Mehrere Frauen sitzen mit Telefonhörern vor großen Schaltschränken mit Wählscheiben  Foto: picture-alliance/ dpa | Konrad Giehr

Behördennummer 115: "Flickenteppich" in MV

Stand: 30.09.2021 09:23 Uhr

Alle Ämter, eine Nummer: Die Behördenhotline 115 soll in Deutschland der direkte Draht zu Ämtern und Verwaltung sein. In Mecklenburg-Vorpommern können aber nur etwa ein Drittel aller Menschen den vollen Service nutzen.

Eine Nummer, um alle Fragen von A wie Abfallentsorgung bis Z wie Zulassung zu klären; kostenlos und in jedem Bundesland erreichbar. Das ist die Idee hinter der Behördenhotline 115. Ihr Slogan: "Wir lieben Fragen." Allerdings fehlt für viele Regionen auch im Nordosten ein entscheidender Nachtrag: Nicht alle Fragen und schon gar nicht von überall.

Nur vier Regionen in MV machen direkt bei der 115 mit

Das volle Serviceversprechen der 115 kann nicht jeder Landkreis erfüllen. "Aktuell sind circa 220 Teilnehmer der kommunalen Ebene in Mecklenburg-Vorpommern dem 115-Verbund angeschlossen", antwortet das Bundesinnenministerium auf NDR Anfrage. Übersetzt bedeutet das: nur gut ein Drittel der Einwohner und Einwohnerinnen in MV können den vollen Service nutzen und über die kostenlose Nummer Ämter und Behörden erreichen.

In diesen Regionen in MV ist die Behördennummer 115 vollständig verfügbar:

  • Landeshauptstadt Schwerin
  • Hansestadt Rostock
  • Landkreis Vorpommern-Rügen
  • Landkreis Ludwigslust-Parchim

Behördennummer: Immer mehr Anrufe in Ludwigslust-Parchim

Andreas Bonin, Sprecher vom Landkreis Ludwigslust-Parchim, ist über die 115 erreichbar. Sein Landkreis gehört zu den ersten Teilnehmern des Projekts in Mecklenburg-Vorpommern. Der Landkreis ist seit 2015 angeschlossen und verzeichnet steigende Anruferzahlen: "Im ersten Jahr haben wir 9.000 Anrufe gehabt. Letztes Jahr waren es bereits 37.000 Gespräche. Die Bürgerinnen und Bürger schätzen das, was wir an Service bieten." Das fordere aber einen hohen organisatorischen Aufwand: neue Mitarbeiter, Räume und das Sicherstellen der Qualitätsstandards für den Service der 115. Bonin betont aber, dass sich das lohne: "Das hat positive Effekte auf den Verwaltungsbetrieb nach innen. Die Kolleginnen und Kollegen im Service-Center beantworten viele Fragen, die so nicht in die Kernverwaltung vordringen."

Nordwestmecklenburg reicht das Basisangebot

Der Nachbarkreis Nordwestmecklenburg ist nicht angeschlossen, jedenfalls nicht vollständig. Schriftlich verweist der Kreis auf die Basisabdeckung der Servicenummer. "Damit kann man Minimalfragen klären. Also: Wie teuer? Wie viel? Und wo?", sagt Roland Grösch vom Landesministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung. Er hat den Start und den Ausbau der 115 in Mecklenburg-Vorpommern mit betreut. Er sieht in der Basisabdeckung eine Grundversorgung.

"Der wirtschaftliche Druck auf die Ämter fehlt"

Wirtschaftsprofessor Justus Haucap von der Universität Düsseldorf hat mit seinem Buch "Behördenflut in Deutschland" bereits im Jahr 2010 Denkanstöße zu einer Überholung der Ämter in Deutschland gegeben. Er freut sich, dass in der Zwischenzeit manche Behörden abgeschafft wurden: "Die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein, also die Schnapsbehörde, gibt es zum Glück nicht mehr." Die Behörden-Servicenummer 115 ist für ihn aber nur ein Pflaster. Das Kernproblem liege woanders: "Das Thema Digitalisierung ist drängend. Aus Sicht jeder Behörde ist das nachvollziehbar. Die Digitalisierungen kosten erst mal." Dabei gebe es mehrere Kostentreiber: „Man muss die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schulen, man muss sich um Datenschutzbelange kümmern und man hat nicht direkt was davon. Die einzigen, die was davon haben, sind die Bürgerinnen und Bürger." Haucap schätzt, dass der wirtschaftliche Druck auf die Ämter fehle, sich Projekten wie der 115 anzuschließen.

MV: Onlineportal statt Behördenhotline

Die kostenlose Behördennummer 115 ist daher nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern in ganz Deutschland ausbaufähig. Auch Roland Grösch vom Schweriner Digitalministerium bezeichnet die Abdeckung derzeit als "Flickenteppich" und empfiehlt als Ersatz einen Besuch im MV-Serviceportal. Diese kostenfreie Online-Suchmaske bündelt alle Grundinformationen, Formulare, Telefonnummern für alle Behörden und Ämter in Mecklenburg-Vorpommern.

Weitere Informationen
Notrufnummer auf einem Rettungswagen. © fotolia Foto: Gerhard Seybert

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 30.09.2021 | 05:00 Uhr

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