Amtsärztin Ute Siering: "Füreinander da sein - aufeinander aufpassen"

Stand: 28.12.2021 10:42 Uhr

Wie geht es uns? Was wünschen wir uns, um über den zweiten Winter der Pandemie zu kommen und gemeinsam Wege aus der Krise zu finden? Corona und wir in MV: Über Monate hat der NDR in Mecklenburg-Vorpommern Menschen aus dem Land begleitet und nachgefragt, wie sie die Zeit zwischen Sommer und Winter 2021 erlebt haben. Ute Siering ist Amtsärztin und Chefin des Gesundheitsamtes im Kreis Ludwigslust-Parchim.

von Thomas Naedler

Drei Krisen gleichzeitig: Das ist weit mehr, als Ute Siering sich noch vor einem Jahr hätte vorstellen können. Die weltweite Pandemie allein wäre genug gewesen. Nun haben die Büronachbarn vom Veterinäramt auch noch die Schweinepest vor der Brust. Und die Computer, die laufen nach dem großen Cyberangriff vor ein paar Wochen auch noch nicht wieder wie gewohnt. Bei einem coronakonformen Spaziergang im Schlossgarten in Ludwigslust sagt Ute Siering, "Das erinnert so ein bisschen an diese Planspielchen, wenn man im Katastrophen-Lehrgang ist, wo immer wieder einer mit einer neuen Nachricht reinkommt, die wieder alles umhaut und so was hier halt auch. Wir mussten improvisieren. Also das hätten wir uns gerne erspart." Der Landkreis hatte in diesem Jahr seinen Katastrophenstab umgebaut, nach dem Vorbild der Bundeswehr. Mit drei Katastrophen gleichzeitig können sie nun umgehen in Südwestmecklenburg und wie die derzeitige Lage zeigt, war das dringend nötig.

Ein Sommer voller Hoffnung

Als Ute Siering im Sommer für das Projekt "Corona und wir" vor der Kamera saß, war gerade ihr Enkelkind geboren. Im Landkreis waren die Impfzentren eröffnet worden und die Amtsärztin war voller Hoffnung, dass mit dem Impfen der Pandemie beizukommen wäre. Enttäuscht darüber, dass die Impfquote lange bei lediglich 60 Prozent verharrte, ist sie dennoch nicht. Sie freut sich über diejenigen, die die Angebote genutzt haben, vor allem über die vielen jungen Leute. "Das macht mich schon sehr zuversichtlich. Sicherlich kann man immer nur appellieren. Wir haben ja bei uns auch in der Fläche die Angebote gemacht. Das ist sehr gut angekommen. Und wir sehen zu, dass wir das immer noch weiter ausweiten, auch in die Länge ziehen. Also das werden wir beibehalten.

So ging es Ute Siering im Sommer:
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1.000 bis 1.400 Impfungen pro Tag

Als der Herbst kam dann: widersprüchliche Botschaften. Impfzentren wurden geschlossen - Hotlines abgeschaltet. Ist die Pandemie vorbei? "Das hat uns gebremst und vor allem auch dafür gesorgt, dass das Verständnis ein bisschen gelitten hat und dass viele sagen, was machen die denn da eigentlich? Und das tut mir schon sehr leid. Nein, das hätte vielleicht besser klappen können. Aber man ist hinterher ja immer schlauer." Als der Winter den Herbst ablöst fahren wieder mobile Impfteams durch den Kreis - schaffen 6000 Impfungen pro Woche. Dazu kommen stationäre Angebote, wie etwa in Crivitz und die Impfungen der Haus- und Fachärzte. Ute Siering: "Also wenn wir am Tag über 1.400 Leute impfen. Ich sage mal, im Flächenkreis, das ist sicherlich viel. Wir haben dann ab und zu auch noch Sonderaktionen, und das ist schon eine Leistung. Und wir dürfen ja nicht vergessen. In den Arztpraxen wird auch ganz viel geimpft." Um die 15 Prozent aller Impfungen sind zu diesem Zeitpunkt nicht nur zur Auffrischung, sondern immer noch Erstimpfungen.

Appell an die Verantwortung statt Kontaktnachverfolgung

Die Kontaktnachverfolgung war anfangs wichtigste Aufgabe der Gesundheitsämter. Stunden um Stunden haben Ute Sierings Mitarbeiter am Telefon verbracht, haben Listen geschrieben, sich über nicht vorhandene oder schlecht geführte Kontakttagebücher geärgert, Quarantäneverfügungen ausgestellt. Das gibt es in der Form nicht mehr. Ute Siering glaubt daran, dass sich Menschen verantwortungsvoll verhalten. Sie weiß aber auch, dass es angesichts von Inzidenz-Zahlen über 500 schlicht Grenzen gibt. "Das ging natürlich nachher bei den Zahlen nicht mehr. Aber es war ja auch so, dass wir einerseits die vielen Geimpften hatten, die ja dann auch nicht mehr in Quarantäne mussten, wenn sie Kontakt hatten. Und auf der anderen Seite: Corona ist jetzt schon so lange da. Die Verantwortung jedes Einzelnen ist ja auch da. Das haben auch alle anderen Gesundheitsämter so gemacht. Der Betroffene informiert seine Kontakte. Und dann gibt es eine Allgemeinverfügung, wo jeder dann auch weiß, wie er sich verhalten soll. Informationen werden weitergegeben. Also ich denke, das ist im Moment auch realistisch, durchsetzbar. Alles andere nicht."

Sorge beim Blick nach vorn

Zu den Fragen, die im Projekt "Corona und wir" immer wieder gestellt werden, gehört diese: "Was macht Sie traurig, im Moment? Ute Siering muss nicht lange überlegen: "Ja, dass es jetzt wieder losgeht und wahrscheinlich schlimmer denn je. Also wenn ich da so auf die Hochrechnung gucke, weiß ich noch nicht, wie wir das alle stemmen sollen. Also traurig macht mich, dass die Leute so auch kribbelig geworden sind, dass sie alle wirklich auch kaputt sind." Auch sie und ihre Kollegen erreichen Nachrichten, die an Vernunft und Menschlichkeit zweifeln lassen könnten. Doch den Hass, die Wut, die Häme lässt Ute Siering nicht an sich heran. Ganz gelingt nicht, oft ist sie selbst verärgert über Falschinformationen und Unvernunft, die Folgen sieht die Ärzrtin bei ihren Kollegen auf den Intensivstationen.

Aufeinander aufpassen

Was wir jetzt brauchen? Ute Siering wird langsamer, denkt einen Moment nach unter den gewaltigen Bäumen der großen Allee im Schlossgarten in Ludwigslust. "Was wir jetzt brauchen, ist wirklich auch, obwohl man vielleicht körperlich Abstand halten soll, das Innere, dass die Leute sich nicht so entzweien. Dass sie füreinander da sind auch aufeinander aufpassen. Es gibt viele Menschen, die sehr einsam sind. Das, die nicht vergessen werden. Das ist so das Wichtigste im Moment."

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