Stand: 18.09.2020 05:00 Uhr

Afrikanische Schweinepest: Bauern fürchten um Existenz

von Franziska Drewes und Claudia Arlt, NDR 1 Radio MV

Schweine stehen dicht gedrängt im Stall eines Mastbetriebes. © dpa - Report Foto: Patrick Pleul
Die Afrikanische Schweinepest wirft für Schweinehalter zahlreiche Fragen auf. (Archivbild)

Vor anderthalb Wochen ist ein Wildschweinkadaver in Brandenburg, in Schenkendöbern im Landkreis Spree-Neiße, entdeckt worden - sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Die verendete Bache war mit dem Virus der Afrikanischen Schweinepest (ASP) infiziert. Es war deutschlandweit der erste Fall überhaupt. Seitdem sind sieben weitere Wildschweine bei Neuzelle im Landkreis Oder-Spree entdeckt worden - unweit der ersten Fundstelle. Das Nationale Referenzlabor am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems bestätigte abschließend, dass auch diese Tiere mit der Seuche infiziert waren.

VIDEO: Afrikanische Schweinepest: Fleischpreis fällt (7 Min)

Deutschland vorn dabei beim Export von Schweinefleisch

Für den Menschen ist die Afrikanische Schweinepest laut Experten nicht gefährlich, aber für Landwirte hat die Seuche drastische wirtschaftliche Folgen. Wichtige Abnehmerländer haben bereits die Einfuhr von deutschem Schweinefleisch gestoppt. Bislang sind es China, Südkorea, Japan, Brasilien und Argentinien. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zählt Deutschland neben Spanien und den USA zu den drei größten Exporteuren von Schweinefleisch weltweit. Zum wichtigsten Handelspartner ist zuletzt China geworden.

 

Schweinebauer aus Züssow zieht Stall leer

Die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt nun die Frage, wie es für sie und ihre Betriebe weitergeht. Hierzulande gibt es nach Angaben des Statistischen Amtes Mecklenburg-Vorpommern etwa 4.900 landwirtschaftliche Betriebe, von denen rund 160 Unternehmen insgesamt etwa 832.500 Schweine halten. Im Ländervergleich steht Mecklenburg-Vorpommern an siebter Stelle. Die meisten Schweine werden in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Bayern gehalten, die wenigsten im Saarland.

Schweinepreise schwanken stark

Mastschweine sind ein wichtiges Standbein von Sebastian Vaegler in Züssow bei Wolgast (Landkreis Vorpommern-Greifswald). Der Familienbetrieb hatte im Jahr 2000 eine Altanlage erworben und zu einem Schweinestall umgebaut. Seitdem wurden dort jährlich etwa 6.000 Tiere gemästet. Seine Schweine verkauft der Landwirt an den Tönnies- Schlachthof in Weißenfels in Sachsen-Anhalt, seitdem in Teterow keine Schweine mehr geschlachtet werden. Der Züssower weiß, der Preis fürs Schweinefleisch schwankt marktabhängig.

Die Afrikanische Schweinepest

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) ist in den vergangenen Jahrzehnten auch außerhalb Afrikas aufgetreten, zuletzt vor allem in Russland. ASP ist eine schwere Virusinfektion, die Haus- und Wildschweine betrifft und sich zum Beispiel über Transportfahrzeuge oder Kleidung ausbreitet. Kontakte der Tiere untereinander oder Futter aus Speiseabfällen können ebenfalls Infektionsquellen sein. In Afrika verbreiten auch Zecken die Krankheit weiter. Befallene Tiere leiden an unterschiedlichen Symptomen wie hohem Fieber oder Atemproblemen und verenden in der Regel innerhalb weniger Tage.

Züssower Landwirt: "Ein finanzielles Desaster"

Landwirt Sebastian Vaegler aus Züssow © NDR Foto: Claudia Arlt
Der Züssower Landwirt Sebastian Vaegler überlegt noch, wie er sich angesichts der veränderten Martktlage verhalten soll.

Doch jetzt ist es besonders schlimm. Mit dem Ausbruch der Tierseuche in Brandenburg ist der Preis abgestürzt, um 20 Cent pro Kilo auf 1,27 Euro. "Das ist schon ein herber Schlag. Wir haben jetzt noch Schweine drin, die noch diese Woche rausgehen, wo die Ferkel 100 Euro gekostet haben. Das ist ein finanzielles Desaster." An diesen Tieren, es sind 540, verdient Vaegler nicht einen Cent, er verliert sogar insgesamt rund 5.000 Euro. Der Schweinepreis hängt am Weltmarkt und am Export.

Großes Angebot, nicht mehr genug Nachfrage

Nach China werden hauptsächlich Nebenprodukte geliefert, Schweinefüße beispielsweise gelten dort als Delikatesse. Deutsche Verbraucher bevorzugen Edelteile wie Steaks, Filets oder Koteletts. Sogenannte Nebenprodukte haben aber in der Preiskalkulation der Schlachthöfe eine Rolle gespielt. Nun gibt es für das große Angebot nicht mehr genug Nachfrage, weil China als Absatzmarkt weggebrochen ist. Der Züssower Landwirt plant nun, wie er die Notbremse ziehen kann. "Die Überlegung ist jetzt, dass wir die Anlage Stück für Stück leerräumen." Bedeutet: Haben die Mastschweine ihr Gewicht erreicht, werden sie nach Weißenfels verkauft, neue Ferkel nicht nachgekauft. Vaegler will beobachten, wie sich die Situation auf dem Weltmarkt entwickelt. In 100 Tagen sind die letzten Mastschweine in Züssow schlachtreif. Es könnte sein, dass es die letzten Tiere sind, die im Schweinestall bei Wolgast aufwachsen.

 

Schlachthöfe sichern sich ab

Vaegler und alle anderen Schweinemäster, die ihre Tiere an Schlachthöfe oder Viehhändler abgeben, müssen seit dieser Woche ein spezielles Formular ausfüllen. Darin bestätigen die Landwirte, dass ihre Schlachtschweine nicht aus einem Sperrbezirk, Beobachtungsgebiet oder gefährdeten Gebiet stammen und dass der Betrieb keiner amtlichen Sperre unterliegt. Zwar ist nach Angaben des Thünen-Instituts Schweinefleisch in Deutschland nach wie vor die wichtigste Fleischart, aber viele Schweinebauern in Mecklenburg-Vorpommern fürchten, dass hierzulande der Verbrauch weiter sinken könnte. Das sieht auch Heidi Bartsch so. Sie ist Geschäftsführerin der Qualitäts-Schlachtschweine-Erzeugergemeinschaft von Mecklenburg-Vorpommern und vermarktet derzeit Schweine von zwölf Betrieben aus dem Land. Die Seuche sei zwar für Menschen ungefährlich, so Bartsch, aber die Verbraucher wären verunsichert, ob sie noch Schweinefleisch essen können, da das Thema momentan überall präsent sei.

Zahlreiche Fragezeichen

Ihren Angaben zufolge werden Bauern aus Mecklenburg-Vorpommern ihre Mastschweine noch los, aber Angst und Verunsicherung steigen unter den Landwirten. Denn sinkt die Nachfrage, könnte es dazu führen, dass die Schlachthöfe weniger Tiere annehmen. Es sei überhaupt nicht absehbar, wie es weitergeht, wohin die Krise noch führe, so Bartsch. Auch Züchter sind verunsichert. Denn der Preis für ein Ferkel ist nach Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland abgerutscht, von zirka 39 Euro auf 27 Euro. Völlig offen ist laut Bartsch auch, ob sich neue Handelspartner finden, die Nebenprodukte wie Schweineohren, -füße oder -bäuche abnehmen. Unklar ist auch, wie sich andere europäische Länder verhalten, sollte sich die Seuche in Deutschland weiter ausbreiten, und wie sich der Preis für deutsches Schweinefleisch überhaupt entwickelt.

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Ein Wildschwein in Nahaufnahme © dpa-Bildfunk Foto: Lino Mirgeler/dpa

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Fragen über Fragen, die Heidi Bartsch schon jetzt schlaflose Nächte bereiten. Von der Idee, Schweinefleisch einzulagern, um dem Preisverfall entgegenzuwirken, hält sie nichts, denn auch das müsse nach ein paar Monaten vermarktet werden. Die Krise kann auch Konsequenzen für den Futteranbau haben. In Brandenburg ist das jetzt schon der Fall. Im festgeschriebenen Seuchengebiet dürfen land- und forstwirtschaftliche Flächen nicht mehr genutzt werden.

Panikmache ist verfrüht

Jörg Brüggemann ist Schweineexperte bei der LMS Agrarberatung, dem landwirtschaftlichen Beratungsunternehmen für Mecklenburg-Vorpommern. Er betreut Schweinebetriebe landesweit und betont, es sei verfrüht, in Panik auszubrechen. Klar, viele Fragen seien noch offen, aber bislang sei die Seuche auf Wildschweine begrenzt. Kein Hausschweinbestand sei betroffen. Brüggemann ist sehr zuversichtlich, dass dies auch so bleibt. "Die Afrikanische Schweinepest ist nicht über Nacht vom Himmel gefallen. Die Schweinebetriebe in Mecklenburg-Vorpommern sind vorbereitet."

Desinfektionsmittel und Zäune

Seit Monaten gibt es klare Regeln, wie sich Schweinebauern verhalten sollen, um ihre Tiere zu schützen. Sämtliche Hygienevorschriften greifen, Hände und Schuhe werden desinfiziert, keine fremden Menschen dürfen die Ställe betreten. Die Betriebe sind eingezäunt. Besuchergruppen sind längst tabu. Jäger kontrollieren verstärkt ihre Reviere, achten auf tote Tiere. Zudem schützt sich Mecklenburg-Vorpommern mit zwei Wildzäunen, einmal entlang der A 11, auch zur brandenburgischen Seite und ein zweiter temporärer Schutzzaun wird gerade noch errichtet. Er ist über 50 Kilometer lang, beginnt auch am Grenzübergang Pomellen, geht dann weiter bis ans Haff in Höhe Rieth.

Bundesregierung muss gegensteuern

Für Brüggemann ist klar, dass jetzt Berlin handeln muss: "Nun kommt es auf die Politik an. Die Bundesregierung muss auf den Einfuhrstopp reagieren und versuchen, die Märkte offenzuhalten." Aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium heißt es, man sei mit den Regierungen, etwa mit China, im Gespräch, um Vereinbarungen neu zu verhandeln. Ziel sei es, die Einfuhrstopps nur auf Schweinebetriebe aus betroffenen deutschen Regionen zu beschränken und nicht für ganz Deutschland. So ist es auch in der Europäischen Union geregelt, in die rund 70 Prozent der Schweinefleisch-Exporte gehen. Allerdings, faktisch gesehen, kommt ein Exportstopp für die meisten Zielländer außerhalb der EU zum Tragen. Denn Deutschland hat seinen Status "seuchenfrei" verloren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.09.2020 | 05:00 Uhr

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