Ärger um Amazon-Ansiedlung in Schwerin

Stand: 19.02.2021 10:40 Uhr

Der Online-Versandhändler Amazon darf sich im Schweriner Industriepark Göhrener Tannen ansiedeln. Die Gewerkschaft ver.di fordert eine öffentliche Diskussion und hat eine Petition auf den Weg gebracht.

von Louisa Maria Carius

"Die Ansiedlung von Amazon hat so eine Brisanz, das wollen wir öffentlich diskutieren", fordert Diana Markiwitz von der Gewerkschaft ver.di. "Wir reden hier nicht von einem Unternehmen, wo Tarifverträge oder gute Rahmenbedingungen Standard sind. Die Mitbestimmung über Betriebsräte oder Tarifverhandlungen durch Gewerkschaften sind Fremdwörter bei Amazon. Deswegen erwarten wir von den Stadtvertretern und Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD), dass wir uns damit kritisch auseinandersetzen, was es heißt, wenn Amazon nach Schwerin kommt", so Markiwitz. Gemeinsam mit anderen Verbänden und Organisationen hat ver.di deswegen eine Petition auf den Weg gebracht.

Petition fordert Transparenz

Die Initiatorinnen und Initiatoren der Petition fordern eine öffentliche Diskussion über die Ansiedlung des Versandhändlers. Außerdem solle sich die Stadtvertretung mit dem Thema beschäftigen. Stattdessen hatte nur der Hauptausschuss am 2. Februar in nicht öffentlicher Sitzung für den Verkauf an Amazon gestimmt - einstimmig. Damit kann der Konzern im Industriepark Schwerin auf 55.000 Quadratmetern ein neues Verteilzentrum bauen. Geplant seien 130 neue Jobs. "Natürlich freuen wir uns als Gewerkschaft über jeden neuen Arbeitsplatz, die Frage wird aber sein, in welcher Qualität diese Arbeitsplätze angeboten werden."

Badenschier: Protest ist wirtschaftsfeindlich

"Ich habe für diese Petition kein Verständnis", kritisiert Schwerins Oberbürgermeister Badenschier. Schwerin sei eine strukturschwache Stadt: "Wir können es uns nicht leisten, mögliche Investoren zu verprellen!" Vor zwei Jahren habe es Widerstand gegen Investitionspläne in der Hochtechnologie gegeben, heute rege sich Protest gegen eine Ansiedlung im Niedriglohnsektor: "Ich warne vor einer Wirtschaftsfeindlichkeit in Teilen der Schweriner Stadtgesellschaft." Den Vorwurf der mangelnden Transparenz und der fehlenden demokratischen Legitimation weist Badenschier zurück: "Was ist denn demokratischer als die Beteiligung des Hauptausschusses, eine Beteiligung aller in der Stadtvertretung beteiligten Fraktionen, die dann einstimmig dafür gestimmt haben?"

Linke: Fördermittel an Bedingungen knüpfen

Tatsächlich seien Grundstücksverkäufe laut Hauptsatzung der Stadt Schwerin erstens vom Hauptausschuss und zweitens im nicht öffentlichen Teil zu verhandeln. Tarifverträge ließen sich jedenfalls, wie die Gewerkschaften das fordern, nicht über Grundstücksverkäufe erzwingen, so der Oberbürgermeister. Laut Henning Förster, Landtagsabgeordneter der Linken, ist es zwar nachvollziehbar, dass eine Stadt wie Schwerin sich in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten über Investoren freut. Zukünftige Fördermittel müssten aber an die Bedingung geknüpft werden, dass Amazon Tarifverträge abschließe und seinen Mitarbeitern gute Arbeitsbedingungen biete. Diese gebe es bei Amazon bereits, teilt der Konzern auf Anfrage von NDR 1 Radio MV mit. Amazon biete ein Umfeld, in dem man gerne arbeitet: "Das Lohnpaket samt der Zusatzleistungen und unsere Arbeitsbedingungen bestehen auch im Vergleich mit anderen wichtigen Arbeitgebern in der Region."

Amazon setzt auf Straßenbau

Regelmäßig gibt es Protest, wenn Amazon expandiert und neue Standorte erschließt. Denn trotz Milliardengewinnen, so die Gewerkschafterin Markiwitz, zahle das Unternehmen Stundenlöhne, die sich im Niedriglohnsektor befänden. Und noch etwas treibt die Kritiker von Amazon an. Für jedes neue Verteilzentrum werden in der Regel große Flächen versiegelt, es werden neue Straßen gebaut. Corinna Cwielag, Landesgeschäftsführerin des BUND Mecklenburg-Vorpommern, hält den Standort Göhrener Tannen an sich für problematisch. Es gebe immer wieder Konflikte mit dem Artenschutz. Vor allem Zauneidechsen und Bodenbrüter lebten in der Heidelandschaft. Gegen Amazon habe der BUND deswegen etwas, weil die Logistik des Konzerns zu 100 Prozent auf das Auto setze.

Waldrodung für Autobahnzubringer?

Für Amazon würden jetzt wieder Pläne von 2008 aus der Schublade gezogen, einen Autobahnzubringer ins Gewerbegebiet zu bauen, so Cwielag. Dafür werde ausgerechnet der Wald gerodet und durchschnitten, der Ausgleichsfläche für das Gewerbegebiet war. "Hier macht Schwerin keinen guten Job", beklagt die Naturschützerin. Bisher hat Amazon noch keine eigenen Standorte in Mecklenburg-Vorpommern und möchte das Vorhaben in Schwerin weder bestätigen noch dementieren. Vergangene Woche hatte das Unternehmen allerdings den Bau eines Verteilzentrums in Neubrandenburg angekündigt. Ein weiterer Standort in Rostock ist geplant. Ver.di hat vor, auch dort die Ansiedlung von Amazon kritisch zu begleiten.

Logistik bei Amazon

Amazon gliedert sein Logistiknetzwerk in verschiedene Typen. In einigen Logistikzentren werden vor allem kleinere Kundenbestellungen wie Bücher, Spiel- und Haushaltswaren zusammengestellt, verpackt und verschickt, in anderen sperrige Ware wie Gartengeräte. Neben Spezialzentren, in denen sich die Mitarbeiter zum Beispiel um besonders nachgefragte Waren kümmern, gibt es auch Sortier- und Verteilzentren.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 18.02.2021 | 17:15 Uhr

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