Stand: 21.01.2020 19:11 Uhr

AWO Müritz: Vorzeige-Unternehmen oder Sanierungsfall?

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

Rostock: Peter Olijnyk, ehemaliger Geschäftsführer des Kreisverbandes Müritz der Arbeiterwohlfahrt (AWO), wartet im Saal des Oberlandesgerichts auf den Beginn der Berufungsverhandlung im Rechtsstreit um Bereicherungsvorwürfe. © dpa-Bildfunk Foto: Bernd Wüstneck
Im Wohlfahrts-Untersuchungsausschuss des Landtags hat Olijnyk sein sechsstelliges Gehalt als angemessen bezeichnet. (Archivbild)

Auch einen Tag danach sorgt der ehemalige Geschäftsführer der AWO Müritz, Peter Olijnyk, mit seinen Aussagen für Verwunderung: Im Wohlfahrts-Untersuchungsausschuss des Landtags hatte der 71-Jährige betont, er halte sein umstrittenes Gehalt für angemessen und auf keinen Fall für überhöht. Er habe viel geleistet und die AWO Müritz zu seinem erfolgreichen Vorzeige-Unternehmen gemacht.

"Maß und Mitte verloren"

Olijnyk habe offenbar "Maß und Mitte verloren", sagte der CDU-Abgeordnete Sebastian Ehlers auch mit Blick auf diverse Gerichtsurteile: Der Ex-AWO-Manager muss 390.000 Euro Schadensersatz an seinen ehemaligen Arbeitgeber zurückzahlen, weil sein Gehaltsvertrag bis zu seiner fristlosen Kündigung im Juni 2016 am Vorstand vorbei lief und nur mit dem Kreisvorsitzenden Götz-Peter Lohmann vereinbart war. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete hatte noch einen anderen Vertrag mit Olijnyk, dieses Mal als Nutznießer: Der ehrenamtliche Vorstandschef verdiente nach dem Wegfall seines Abgeordneten-Mandats sein Geld als Psychologe bei einem AWO-Tochterunternehmen, der Arbeitsvertrag war von Olijnyk unterzeichnet. Gegen ihn und Lohmann ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue.

VIDEO: Mittelverwendung: Ex-AWO-Geschäftsführer sagt aus (2 Min)

AWO Müritz: Finanziell ging es schnell bergab

Olijnyks Aussage, die AWO sei wirtschaftlich erfolgreich gewesen, erscheinen unterdessen mehr als fragwürdig. Solange er als Chef die Fäden in der Hand hatte, konnte er auf Gewinne verweisen. 2015 - im Jahr vor seiner Kündigung - erwirtschaftete die AWO Müritz mit ihren Pflegeheimen und Kitas noch ein Plus von knapp 500.000 Euro. Allerdings schien das eher auf Sand gebaut: Nach seiner fristlosen Kündigung im Juni 2016 ging es schon rapide bergab. Das Minus für dieses letzte Jahr mit Olijnyk-Beteiligung summierte sich auf 560.000 Euro, ein Jahr später hatte es sich schon verdreifacht: 2017 stiegen die Verluste auf 1,7 Millionen Euro. Die AWO Müritz ist seitdem statt Vorzeige-Unternehmen ein Sanierungsfall.

Bericht stellt "wirtschaftliche Schieflage" fest

In dem Geschäftsbericht für 2017 - es ist bisher der aktuellste, der veröffentlicht wurde - ist von einer "wirtschaftlichen Schieflage" die Rede. Man habe sich überdehnt und sei zu schnell gewachsen. Das Unternehmen habe die "eigenen Kräfte überschätzt". Einzelne Projekte wie der Neubau eines Pflegeheimes in Röbel wurden zuvor schon als Kostenverursacher erkannt, drei Kitas gab die AWO wegen fehlender Einnahmen ab, zwei gingen an einen privaten Sozialbetrieb aus Rostock.

10.000 Euro im Monat für Coaching

Wie spendabel Olijnyk mit dem AWO-Geld umging, räumte er im Ausschuss eher beiläufig selbst ein. Das Coaching für seine später gescheiterte Prokuristin und Kurzzeit-Nachfolgerin als Geschäftsführerin, Simone Ehlert, habe 10.000 Euro im Monat gekostet. Mit dem Geld sollte sie fachlich fit gemacht werden in Fragen der Unternehmensführung. Die SPD-Landtagsabgeordnete Nadine Julitz, seit Ende 2016 Mitglied im AWO-Kreisvorstand, konnte die Summe auf Nachfrage nicht bestätigen, meinte aber, die Kosten seien außergewöhnlich hoch gewesen.

AWO-Mitarbeiter sind alt: Hohe Krankenstände

Ein weiteres Probleme der AWO Müritz und ihres jetzigen Geschäftsführers Stephan Arnstadt: der hohe Altersdurchschnitt der etwa 600 Mitarbeiter. Etwa die Hälfte ist über 50. Zu hohe Krankenstände führten dazu, das Einrichtungen nicht voll ausgelastet seien und damit weniger Umsätze machten, heißt es im Geschäftsbericht. Offenbar war auch die Buchführung über Jahre nicht in Ordnung. AWO-interne Prüfer stellten 2017 eín Chaos in den Zahlen fest. Das war offenbar über Jahre auch dem Wirtschaftsprüfer nicht aufgefallen. Olijnyk hatte dafür stets das gleiche Unternehmen aus der Nachbarschaft beauftragt - aus Waren.

AWO-Verbände schossen Hunderttausende Euro zu

Die AWO Müritz macht aktuell offenbar weiter Verluste. Der Landesverband und einige Kreisverbände schossen mehrere Hunderttausend Euro zu, um sie zu stützen und mit frischem Geld zu versorgen. Die Hilfen sind noch nicht zurückgezahlt. Der Nachbar-Kreisverband Demmin kaufte der AWO Müritz schon 2018 das Pflegeheim Penzlin ab. Er nahm dafür 1,2 Millionen Euro Kredite auf. Für die Demminer ist der Kauf offenbar ein Risiko gewesen. Die Qualität in der Einrichtung sei nicht vergleichbar mit anderen, heißt es im neuesten Geschäftsbericht. Mit Blick auf die Wirtschaftszahlen ist von "einem schlechten Ergebnis" die Rede.

AWO Müritz wartet noch auf Olijnyks Schadenersatz

Die Banken halten unterdessen weiter still. Es gibt Vereinbarungen, Kredite zu verlängern. Bis Ende 2021 gilt die AWO Müritz jedoch als Sanierungsfall, allerdings mit einer guten Prognose, denn mit Pflegeheimen und Kitas lässt sich Geld verdienen. Auf den Schadenersatz von Olijnyk wartet die AWO Müritz noch immer. Der Ex-Manager hat die fällige Summe noch nicht überwiesen.

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Peter Olijnyk, ehemaliger Geschäftsführer des Kreisverbandes Müritz der Arbeiterwohlfahrt (AWO), im Landtag als Zeuge beim Parlamentarischen Untersuchungsausschuss. © NDR.de Foto: Stefan Ludmann

Ex-AWO-Funktionär verteidigt sechsstelliges Gehalt

Der Ex-Geschäftsführer der AWO Müritz, Olijnyk, hat die Höhe seines umstrittenen Gehalts verteidigt. Vor dem Wohlfahrts-Untersuchungsausschuss sagte er, sein Verdienst sei angemessen. mehr

Chefgehälter werden nicht offengelegt

Sein Gehalt ist AWO-intern offenbar ein Ausreißer nach oben, denn besonders üppig werden die Geschäftsführer nicht bezahlt. Die Rede ist von einer Bandbreite zwischen 65.000 und knapp über 100.000 Euro pro Jahr. Der AWO-Landesverband lässt sich in Sachen Geschäftsführer-Bezahlung aber nicht öffentlich in die Karten gucken. Anders als beim Land werden die Gehälter trotz Transparenzversprechen nicht veröffentlicht.

Sechs Landkreise in MV - aber 15 AWO-Kreisverbände

Auffällig ist, dass die AWO Mecklenburg-Vorpommern noch immer 15 Kreisverbände zählt und damit 15 Geschäftsführungen, obwohl das Land nur sechs Landkreise und zwei kreisfreie Städte hat. Die AWO-Satzung besagt, dass einzelne Verbandsgebiete mit politischen Grenzen übereinstimmen sollen. Die AWO im Nordosten leistet sich aber seit Jahren sieben Verbände "zusätzlich".

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NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 21.01.2020 | 17:15 Uhr

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