1 Jahr Corona und wir: Was wir über das Virus wissen

Stand: 28.02.2021 15:30 Uhr

In der Corona-Pandemie wird das Verhältnis zur Wissenschaft neu vermessen. Virologen sind populär wie nie. Das liegt auch daran, dass wir über das Virus wenig wussten. Im vergangenen Jahr haben auch Wissenschaftler in MV viel dazugelernt.

von Sabine Frömel

Professor Emil Reisinger © NDR Foto: NDR
Der Rostocker Tropenmediziner Prof. Emil Reisinger hat die Landesregierung in der Pandemie beraten.

Ein Virus prägt seit einem Jahr unser gesamtes Leben und mit ihm auch bis dato nie oder kaum genutzte Wörter wie Inzidenzen, Quarantäne, Intensivbettenbelegung oder AHA-Regeln. Ende Dezember 2019 tauchen sporadisch Meldungen über eine mysteriöse Lungenkrankheit in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan auf. Die Symptome: vor allem Fieber und Probleme mit der Atmung. Ob sich die Krankheit von Mensch zu Mensch überträgt und wie ansteckend sie ist, ist da noch unklar. Anfang Januar 2020 häufen sich die Meldungen über die Krankheitsfälle. Im zentralchinesischen Wuhan werden bereits 50 Infizierte im Krankenhaus behandelt. Es gibt Vermutungen, dass der Auslöser ein neuartiges Coronavirus ist. Schnell gerät der Huanan-Markt in Wuhan in den Fokus. Hier werden auch Wildtiere verkauft. Er könnte der Ursprungsort der Krankheit sein.

Wissenschaftler tappen anfangs weitgehend im Dunkeln

Auch in Südkorea und Singapur gibt es erste Verdachtsfälle. In Deutschland schätzt Mitte Januar das Robert Koch-Institut (RKI) das Risiko, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren, als "sehr gering" ein. Auch der Leiter der Tropenmedizin und Infektiologie an der Universitätsmedizin Rostock, Prof. Emil Reisinger, beobachtet mit seinen Kollegen die Entwicklungen. "Derzeit können wir in Deutschland die Situation entspannt beobachten", so die Einschätzung Reisingers am 21. Februar 2020 im NDR Nordmagazin. Das Virus scheine nicht sehr pathogen und todbringend wie etwa das SARS-Virus oder das MERS-Virus zu sein, die bisher beschriebenen Verläufe seien leichter. "Wenn ein Gesundheitssystem mit so einer Situation fertig wird, dann das deutsche Gesundheitssystem", meint Reisinger. Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass Virus-Mutationen entstehen, so dass es von Mensch zu Mensch übertragen wird. "Manchmal ist es so, dass sich so ein Virus in diesem Prozess eher abschwächt, trotzdem aber besser übertragbar wird", erklärt Drosten Ende Januar 2020.

Norditalien wird von Infektionswelle getroffen

Bereits einige Tage später, am 27. Januar 2020, gibt es den ersten offiziellen Covid-19-Fall in der Bundesrepublik - ein Webasto-Mitarbeiter aus dem bayerischen Landkreis Starnberg hat sich infiziert. Drei Tage später bestätigen die italienischen Behörden den ersten Corona-Fall in Rom. Von da an rollt Covid-19 wie eine Welle über Norditalien hinweg. Besonders hart trifft es die Stadt Bergamo. Die Bilder der Särge transportierenden Militärfahrzeuge gehen um die Welt. Mit 3.400 an oder mit Corona verstorbenen Menschen haben die Italiener Mitte März mehr Todesfälle als die Chinesen. Das Land wird einen der schwersten Pandemie-Verläufe Europas haben. Am 8. März stirbt der erste Deutsche an den Folgen von Covid-19. Nur wenige Tage später eröffnen in Greifswald, Schwerin und Rostock die ersten Testzentren.

Die erste und zweite Welle

Das RKI bezeichnet den Zeitraum vom Januar bis Mitte Juni 2020 als die "erste Welle" mit mehr als 190.000 Infizierten. Heute sind es fast 2,5 Millionen sogenannte "laborbestätigte Covid-19-Fälle". Im Herbst klettern die Sars-CoV-2-Infektionszahlen erneut in die Höhe. Eine zweite, wesentlich größere Welle rollt an. Der 46-jährige Bio-Informatiker Prof. Lars Kaderali von der Universität Greifswald simuliert von Beginn an den Pandemieverlauf. Er berät auch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern. Aus Kaderalis Sicht hätte auf die zweite Welle schneller und konsequenter reagiert werden müssen - ähnlich wie bei der ersten Welle: "Da ist sehr frühzeitig reagiert worden und dadurch sind die Zahlen gar nicht so hochgegangen und auch schnell wieder runtergekommen. Und das war dann auch der Grund, warum wir eigentlich so einen entspannten Sommer hatten", so Kaderali.

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Obduktionen bringen neue Erkenntnisse - aber kaum welche in MV

Noch Ende März 2020 empfiehlt das RKI, Obduktionen nicht durchzuführen. Sie seien zu gefährlich. Zeitgleich startet die Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf mit den Obduktionen von Infizierten. Insgesamt werden sie 2020 735 Tote untersuchen. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern wurden in Rostock und Greifswald bis Ende Februar 2021 knapp 40 Obduktionen von an und mit Covid-19-Verstorbenen durchgeführt. "Der große Vorteil wäre gewesen, dass man von Anfang an die Ausbreitung des Virus hätte verfolgen können. Weil je größer die Zahl desto größer auch die Aussage wie viel Patienten hatten eine Hirnbeteiligung oder eine Beteiligung anderer Organe - nicht nur der Lunge", sagt der Direktor der Rostocker Rechtsmedizin, Prof. Andreas Büttner.

Das wäre speziell in Mecklenburg-Vorpommern sehr wichtig gewesen, ist Büttner überzeugt. "Denn wir sind praktisch das Modell-Land der alternden Bevölkerung." Man hätte gut untersuchen können, inwiefern die älteren Menschen Besonderheiten aufweisen und wie man sie besonders schützen könne. Mit den ersten Obduktionen wird den norddeutschen Pathologen klar: Das Virus führe zu einer Art der Lungenentzündung, die bis dahin kaum bekannt ist, so Büttner. Durch die akuten Lungenschäden füllt sich das Organ mit Flüssigkeiten, der Gasaustausch in der Lunge ist nicht mehr möglich. Die Patienten ersticken innerlich. Häufig finden sich auch Blutgerinnsel, die zu Herzkreislaufversagen führen können. Nahezu alle Verstorbenen waren vorerkrankt - teils gravierend und mehrfach wie etwa an Bluthochdruck, Diabetes, Krebs oder Leberzirrhose. Der Großteil der Verstorbenen ist über 80 Jahre alt.

Langzeitfolgen besser verstehen

Laut Büttner könnten Obduktionen zu neuen Erkenntnissen über die Langzeitschäden bei Überlebenden beitragen - etwa durch die Betrachtung, welche Organe vom Virus befallen werden. "Das sind also auch wichtige Fragen, die letztendlich auch das Gesamtbild 'Corona als Erkrankung' vervollständigen. Neben einer entzündeten Lunge kann sich auch der Herzmuskel entzünden. Ebenso können das gesamte Nervensystem und auch das Gehirn betroffen sein. Die Schädigung des Hirns wiederum kann zu epileptischen Attacken oder Schlaganfällen führen.

Einige wenige Hochinfektiöse sorgen für die meisten Infektionen

Unklar ist, warum einige infizierte Menschen ansteckender sind beziehungsweise mehr und länger Viren verbreiten als andere. Es gibt Vermutungen, dass es an ihrem Immunsystem oder an der Verteilung ihrer Virusrezeptoren liegen könnte. Laut dem Virologen Drosten sind lediglich 20 Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich.

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Der Bioinformatiker Lars Kaderali
Der Greifswalder Bioinformatiker Prof. Lars Kaderali entwickelt Modell zum Pandemie-Verlauf.

Am 27. Dezember 2020 werden in Deutschland die ersten Menschen geimpft. Kurz davor gibt es den ersten Nachweis, dass die britische Virus-Mutation B.1.7.7 in Deutschland angekommen ist. Es ist nicht die einzige Mutante, aber sie könnte für einen anderen Pandemieverlauf sorgen. "Die Infektion mit dieser Mutante steigen. Das sind noch wenige, aber es werden immer mehr", meint der Greifswalder Bioinformatiker Kaderali. Das müsse man sich so vorstellen, wie zwei Pandemien, die parallel ablaufen: "Eine mit dem normalen Virus, die runtergeht - und eine zweite mit dem mutierten Virus, die hochgeht."

Laut dem Rostocker Infektiologen Reisinger sind in MV Mitte Februar 2021 knapp 6 Prozent der positiv Getesteten mit der britischen Corona-Variante infiziert. Tendenz steigend. Das entspreche dem Bundesdurchschnitt. Reisinger geht davon aus, dass sich die britische Variante in Deutschland durchsetzen wird und zu steigenden Zahlen führen werde. "Die Frage, die sich stellt, ist, ob trotz des Sich-Durchsetzens der neuen britischen Variante die Inzidenz noch zurückgeht. Wenn dem so ist, können wir entspannt in die Zukunft schauen."

Ursprung und Übertragung des Coronavirus' immer noch unklar

Ein Jahr nach dem Ausbruch des Virus erlaubt die chinesische Regierung die Einreise von Wissenschaftlern der Weltgesundheitsorganisation WHO. Vier Wochen bleiben sie in Wuhan und besuchten unter anderem den Frischemarkt, das Hochsicherheitslabor, in dem an Coronaviren geforscht wird und Krankenhäuser. "Dramatisch neue Erkenntnisse" haben sie nicht, sagt das dänische WHO-Mitglied, der Lebensmittelforscher Peter Ben Embarek, auf der Abschlusspressekonferenz am 11. Februar 2021: "Alle Arbeiten die an dem Virus durchgeführt wurden und der Versuch seinen Ursprung zu identifizieren, deuten weiterhin auf ein natürliches Reservoir dieses Virus in Fledermaus-Populationen hin." Der Frischemarkt scheint nicht der einzige Übertragungsort in Wuhan gewesen zu sein. Wie das Virus auf den Menschen übertragen wurde, soll weiter erforscht werden. Einen Laborunfall hält das WHO-Team für "sehr unwahrscheinlich."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 28.02.2021 | 13:00 Uhr

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