1 Jahr Corona und wir: Reisen! Wie das Virus das Urlaubsland MV verändert

Stand: 03.03.2021 15:09 Uhr

Die Corona-Pandemie hat das Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern hart getroffen: Die Übernachtungszahlen sind aufgrund von Beherbergungsverboten eingebrochen, viele Anbieter kämpfen ums wirtschaftliche Überleben.

von Thorsten Reinke

Es ist der 16. März 2020. Eine Stralsunderin mit Kinderwagen vor einer Kaffeerösterei staunt: "Krass! Die machen wirklich unsere Insel dicht!" Am Abend sind im NDR Nordmagazin die Bilder von Polizeikontrollen zu sehen. Usedom und Rügen sind abgeriegelt, es dürfen nur noch die Einwohner auf die Inseln, die meisten Urlauber haben ihre Unterkünfte längst geräumt. Und das nicht nur auf den Inseln, sondern im ganzen Land.

Reisebüro im Frustbetrieb

Im Frühjahr 2020 sind in Mecklenburg-Vorpommern 60.000 Beschäftige in Tourismusbetrieben unmittelbar von der Abschottung des Urlaubslandes betroffen. Auch die Reisebüros trifft es hart. So wie Simone Pawlitz, die seit 25 Jahren ein Reisebüro in Rostock-Toitenwinkel leitet. Sie hat zwar 79.000 Euro als Überbrückungsgeld bekommen, aber ihr Arbeitsalltag frustriert: Statt Urlaubsreisen zu verkaufen, muss ihr Team jetzt pausenlos rückbuchen. So reiße man das Erreichte wieder ein, sagt sie. "Vorgänge mussten storniert werden, die Erstattung muss erfolgen."

Ihr Kollege Werner Maaß von Panoramica Reisen hat seine 29 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Sein Unternehmen organisiert Bus-Fernreisen mit Ausflugspaketen - und verdoppelt jetzt seinen Verlust: Die bezahlten Ausflugspakete werden nicht genutzt, das Geld ist aber bezahlt. Zusätzlich stornieren die Kunden rund um die Uhr. Die Angst, jegliche Perspektive zu verlieren, wächst. "Wenn ich meinen Job und den meiner Mitarbeiter nicht mehr erhalten kann, wenn ich mein ganzes Lebenswerk in Gefahr sehe, dann sind das Urängste." Wie lange das jemand aushält, sei von Mensch zu Mensch verschieden, analysiert Johanna Lüpke, Psychologin am Institut für medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Uni Rostock. Täglich hat sie mit Patienten zu tun, die durch die Corona-Pandemie ängstlich und depressiv werden.

Dem Patient Tourismus geht plötzlich schlecht

Das Gefühl der Unsicherheit ergreift all jene, deren Lebensunterhalt am Tourismus hängt - direkt oder indirekt: Neben Hotels, Gaststätten und Ferienhausvermietern sind auch Reise- und Busunternehmen, Schullandheime und Jugendherbergen betroffen. Die Reisebeschränkungen im Frühjahr 2020 treffen mit Mecklenburg-Vorpommern ein Land, für das der Tourismus eine große Bedeutung hat. Tobias Woitendorf, Geschäftsführer des Tourismusverbands in Mecklenburg-Vorpommern, verdeutlicht das im April 2020: "Zwölf Millionen Menschen kommen jedes Jahr nach Mecklenburg-Vorpommern und lassen acht Milliarden Euro hier." Ein Aufwärtstrend, der 30 Jahre anhielt. Nach der Wiedervereinigung überholte das Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern zur Jahrtausendwende die direkte Konkurrenz, das Nachbarland Schleswig-Holstein, bei den Übernachtungszahlen. 2019 verbuchte der Tourismusverband mit 34 Millionen Übernachtungen einen neuen Rekordwert.

Der Anteil der Tourismusbranche an der Gesamtwirtschaftsleistung des Landes lag bei über zehn Prozent. Fast jeder sechste Beschäftigte arbeitete im Tourismus oder in tourismusnahen Unternehmen. Dann kam im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie mit Reisebeschränkungen. Das Ostergeschäft 2020: ein Reinfall.

Klagen gegen Reisebeschränkungen

Der Tourismus im Land steht durch die Corona-Pandemie vor bislang unbekannten Herausforderungen. Das Landesamt für Statistik unterstreicht dies mit Zahlen: Von Januar bis Juni 2020 kamen nur knapp zwei Millionen Gäste. Daraus ergibt sich ein Minus von 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Corona hat den Tourismus so hart getroffen wie keine andere Wirtschaftsbranche", stellte Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) deswegen im Juni 2020 im NDR fest. Reisen ist zudem mehr als lediglich Geschäft und Erholung. "Ich fühle mich in meinem Land wie eingesperrt", sagte eine Rostockerin in einer Straßenumfrage.

Der Staatsrechtler Wolfgang März von der Universität Rostock beschreibt, wie massiv die verordneten Einschränkungen zur Pandemie seien, "weil sie fast alle Grundrechte betreffen, die der Bürger aus dem Grundgesetz zur Verfügung hat: Seine Bewegungsfreiheit ist beeinträchtigt, die Berufsfreiheit, weil er sein Unternehmen nicht betreiben kann, und das Recht auf Eigentum." Reisebeschränkungen für Einheimische an den Osterfeiertagen werden Anfang April 2020 vom Oberverwaltungsgericht (OVG) in Greifswald gekippt. Die Landesregierung hatte durch Paragraph 4a der Landesverordnung Bürgern untersagt, auf die Ostseeinseln, an die Küsten oder in die Region Mecklenburgische Seenplatte zu reisen.

Unverhofft kommt doch - ein Bilderbuchsommer, fast

Schneller als gedacht, scheint das alles vergessen. Am 18. Mai 2020 dürfen Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen wieder Gäste aufnehmen, zunächst nur Einheimische bei einer 60-Prozent-Auslastung, aber kurz darauf kommen wieder Urlauber aus ganz Deutschland. Zu Pfingsten dann wieder: Staus, Sonne, Sommer, Urlaubsstimmung. 300.000 Gäste zählt der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Alles wie immer? Nicht ganz: Mitarbeiter der Ordnungsämter sollen statt Knöllchen zu verteilen jetzt als Strand-Sheriffs die Badehosenträger kontrollieren. Am Wasser dürfen sich nur Urlauber tummeln, die auch eine Übernachtung gebucht haben. Strandkorbnachbarn ohne Sicherheitsabstand sollen mit Personalausweisen belegen, dass sie aus einer Familie kommen.

Campingplätze begehrt

Der Kontrolleur in Ahlbeck ist zu Pfingsten der Verzweiflung nahe: "Sind das Tagesgäste oder aus dem Hotel? Das müssen sie mir alles beweisen können. Das ist nicht machbar!" Bald tummeln sich wieder trotz Abstandsregeln die Touristen auf den Strandpromenaden. Dass irgendwie doch alles läuft, liegt an den niedrigen Infektionszahlen. Ende Juli gibt es nicht einen neuen aktiven Infektionsfall. Und: Die Geschäfte laufen gut. Weil Urlaub in Italien oder Kroatien gar nicht möglich ist, fährt Bayern mit dem Wohnwagen einfach nach Mecklenburg-Vorpommern - sofern noch Platz ist. Das Landesamt für Statistik weist nach der Saison ein gewaltiges Übernachtungs-Plus für Campingplätze aus: 26 Prozent mehr als im Vorjahr.

Leben, wo andere Urlaub machen

Andere machen Urlaub auf "Balkonien", in der Rostocker Südstadt erzählt Rentner Peter Neumeister, der Urlaub am Mittelmeer sei geplatzt, er mache jetzt mit Ehefrau Gisela das Beste draus. Die gießt auf acht Quadratmetern über 60 Pflanzensorten. "Mein größter Schatz: die selbst gezogenen Knollenbegonien." Kleingartenanlagen können sich 2020 vor Anfragen für Parzellen kaum retten. Leben, wo andere Urlaub machen - das ist das Motto des Sommers. Die Rostocker Psychologin Lüpke meint, dies sei genau die richtige Einstellung: "Die Pandemie kann auch eine Chance sein. Sich an Dingen erfreuen, die in der Nähe sind. Der eigene Balkon, Warnemünde vor der Tür, Spaziergänge oder Radtouren vor der eigenen Haustür. So verhindert man in eine Urlaubsdepression zu verfallen."

Am Ende verzeichnet die Toursmuswirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns einen tollen Sommer mit vier Millionen Übernachtungsgästen. Nach der entgangenen Ostersaison kann sie zufrieden sein. Doch selbst in der Haupturlaubszeit ist noch jedes fünfte touristische Unternehmen im Land auf Hilfe angewiesen. Und ein wichtiges Unternehmen im Land steht dabei für beides, Arbeit und Urlaub: AIDA-Cruises. Vor der Corona-Krise reisten 1,3 Millionen Kreuzfahrtgäste mit der Flotte. In Corona-Zeiten kommt das Geschäft dann ganz zum Erliegen. Monatliche Ausfälle in Höhe von 400 Millionen Euro sind die Folge. Im Januar 2021 erklärt  Mecklenburg-Vorpommern mit einer Landesbürgschaft in Höhe von 26 Millionen Euro helfen zu wollen. Viele der insgesamt 1.500 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Was aus ihren Jobs wird, bleibt ungewiss. 

Lockdown, der zweite

Am 1. November 2020 ist jedoch auch für die anderen Tourismusbetriebe wieder Schluss. Abermals: Beherbergungsverbot. Hotelier Detlef Hertzsch in Güstrow (Kreis Rostock) schaut mit Tränen in den Augen in die Zukunft des Familienbetriebs. Mit drei Häusern und über 200 Betten spielt er mit dem Gedanken, den Beruf an den Nagel zu hängen. Keine Gäste über Weihnachten und Silvester, keine Öffnung in Sicht. Der Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA und der Tourismusverband versuchen gegenzusteuern und Perspektiven für eine Öffnung zu schaffen. Ampelsysteme sollen den Weg aus der Krise weisen, aber 45 Prozent der Betriebe befürchten, dass sie nur noch bis in den März 2021 durchhalten. Das Wirtschaftsministerium sieht sich mit einer Antragsflut zur Soforthilfe konfrontiert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.03.2021 | 19:30 Uhr

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