1 Jahr Corona und wir: Krise! Wie wir mit der Pandemie umgehen

Stand: 27.02.2021 12:00 Uhr

Seit SARS-CoV-2 Anfang März 2020 Mecklenburg-Vorpommern erreicht hat, bestimmt die Corona-Krise unseren Alltag und die Politik. "Corona-Krise" ist in aller Munde. Wie sehr verunsichert diese Krise, wie gehen wir mit ihr um und was macht uns nach einem Jahr so krisenmüde?

von Siv Stippekohl

Krisenzeiten sind schwierige Zeiten. Politische, wirtschaftliche, medizinische oder psychologische Krisen sind Höhepunkt einer gefährlichen Situation. Sie können auch ein Wendepunkt sein. Und die Corona-Krise? Jeder spürt seit knapp zwölf Monaten im Alltag, in der Arbeitswelt: "einen tiefen Riss in der Normalität durch ein Virus, das über uns kommt, denn wir haben es ja nicht eingeladen, wir haben es auch nicht eingeplant", wie der Sozialpsychologe und Soziologe Harald Welzer im Interview mit dem NDR Nordmagazin sagt. Die Corona-Krise bringe auch nach einem Jahr "permanente Enttäuschung von Erwartungen" mit sich und "eine unglaublich tiefgreifende Veränderung."

Krisenbewältigung als Risikomanagement

Dr. Harald Welzer blickt in die Kamera. © Jens Steingässer Foto: Jens Steingässer
Für den Soziologen Harald Welzer ist die gegenwärtige Krise durch einen "Riss in der Normalität" gekennzeichnet.

Krisen verunsichern. Psychologisch ist Abwehr eine normale Reaktion: "So schlimm wird es schon nicht werden." Die Krisenpolitik der Regierung orientiere sich allerdings an dem Ziel und dem Versprechen, die Krise zu überwinden, zu bewältigen, so Welzer. Das meine er nicht als "Politiker-Bashing", aber die Konzentration auf das mögliche Ende der Krise führe zu einer Reihe von gesellschaftlichen Problemen - und Enttäuschungen. Auch der Soziologe Andreas Reckwitz schreibt, der moderne Staat verhalte sich im Interesse des Schutzes seiner Bürger anders als bei früheren Seuchen wie ein Risikomanager. Der Vorteil dieses Krisenkurses: Die Pandemie erscheint zunächst als beeinflussbar, beherrschbar, was weniger Angst macht. Doch die einschneidenden Maßnahmen, die Schließung von Geschäften, Schulen und Kultureinrichtungen, das Herunterfahren des gesamten öffentlichen Lebens bergen andere erhebliche wirtschaftliche und soziale Risiken, deren Folgen wiederum abgefedert werden müssen.

"Krisenkommunikation das A und O"

Das Dilemma dieser Risikoabwägung spiegelt sich in der anhaltenden Diskussion um Lockdown oder Lockerungen. Der Lockdown light führte Ende 2020 zu steigenden Infektionszahlen und Todesfällen, ein Jahr nach Beginn der Krise werden die Stimmen, die eine Öffnungsperspektive fordern, lauter.

Eine Bürgermeisterin wie Laura-Isabell Marisken (parteilos) muss sich natürlich in Heringsdorf seit Beginn der Krise um die Gesundheit der Bürger ihrer Gemeinde ebenso sorgen wie um deren wirtschaftliche Existenz. Und die Bürger? Daniel Seidler, Konstrukteur bei den MV-Werften in Wismar beispielsweise ärgerte sich wie viele über uneinheitliche, verwirrende, kaum nachvollziehbare Regeln, "vieles wurde am nächsten Tag gleich wieder zurückgenommen, nachdem irgendwelche Leute sich beschwert haben. Das machte mich schon wütend, weil das Unruhe bringt und den Skeptikern hilft."

Krisenmodus macht krisenmüde

Der Sozialspychologe Harald Welzer sieht darin auch den Grund für leicht sinkende Zustimmungswerte zu den Maßnahmen knapp ein Jahr nach Beginn der Krise, die auch am ARD Deutschland Trend abzulesen ist. "Gerade in einer Krisensituation sind die Eindeutigkeit des politischen Handelns, Transparenz und Nachvollziehbarkeit das A und O", so Welzer. Als "Infantil", also kindlich, und "kleinkariert" beurteilt der Sozialwissenschaftler hingegen das Agieren einiger Ministerpräsidenten in den Bund-Länder-Runden: "Deshalb diskutieren jetzt alle über Föderalismus. Aber der ist nicht das Problem, das Problem ist: Was macht man mit dem Föderalismus in einer Krisensituation, die immer eine andere Politik erfordert als Normalsituationen?" Da sei es politisch fatal, "darauf zu schielen, was sozusagen der lokale Geländegewinn gegenüber politischen Konkurrenten" ist.

Keine Krisenerfahrung

Und doch sei die Zustimmung zu den Maßnahmen von Bund und Landesregierung nach wie vor bemerkenswert hoch. "Gemessen daran, wie mürbe, mich eingeschlossen, die meisten geworden sind, muss man sagen: Die Deutschen sind doch erstaunlich geduldig und frustrationstolerant", sagt Welzer.

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Dr. Harald Bettin
Der Umgang mit der Krise müsse neu gelernt werden, meint der Greifswalder Medizinethiker Harald Bettin.

Immerhin hätten wir es zweifellos "mit der tiefgreifendsten Krise der Nachkriegszeit" zu tun. Wir alle seien ungeübt und unerfahren im Umgang mit ihr, das sei ein Grund für Unmut und Unsicherheit. Die Umbruchserfahrung durch die Deutsche Einheit sei nicht mit der derzeitigen Krisenerfahrung zu vergleichen, so Welzer. Es gebe niemanden mehr, der die Spanische Grippe erlebt hat. Vor 100 Jahren seien die Menschen anders mit der verheerenden Pandemie umgegangen, weil es die Erwartung, der Staat solle das Risiko managen, gar nicht gegeben habe. Mit wachsendem Wohlstand stiegen die Erwartungen, auch an die Beherrschbarkeit von Krisen.

Das bestätigt auch der Medizinethiker Hartmut Bettin, der an der Universität Greifswald das Institut für Geschichte der Medizin leitet. Die Corona-Krise sei alles andere als einzigartig. In der Geschichte habe es immer wieder Seuchenzüge gegeben, mit Quarantänemaßnahmen, einem Wettlauf um Impfstoffe, auch Fake News seien keine Neuheit. "Wir hatten jetzt eine gewisse Zeit der Ruhe. Das hat uns ein bisschen achtlos oder unaufmerksam gemacht." Das kulturelle Gedächtnis über den Umgang mit Pandemien ist so in Vergessenheit geraten. Es hätte uns jetzt genützt. Der Umgang mit der Krise muss nun neu erlernt werden, auch für Krisenfestigkeit in der Zukunft.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 27.02.2021 | 12:00 Uhr

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